Der 26. April 1986, 1.23 Uhr: Schichtleiter Alexander Akimow ist genervt von seinem Chef, der ein heikles Reaktor-Experiment unbedingt noch in dieser Nachtschicht durchführen will. Der Versuch soll zeigen, dass die Anlage im Falle eines Stromausfalls reibungslos weiterfunktioniert. Doch von Beginn an gibt es Probleme. Die Reaktorleistung ist zu niedrig, dann steigt sie plötzlich viel zu schnell an. Panik bricht aus. Akimow schreit: "Reaktor drosseln!" Der nervöse 25-jährige Leonid Toptunow drückt hastig den roten Knopf für die Notabschaltung.

Stille, trügerische Stille. Sieben Sekunden lang. Die Leistung des Reaktors schießt in die Höhe, Brennstoffkanäle platzen vor Hitze, der Dampfdruck im Reaktor erhöht sich rasant. Eine Explosion sprengt den tausend Tonnen schweren Schutzdeckel des Reaktorkerns. Nur drei Sekunden später dann ein noch lauteres Donnern, eine Wasserstoffexplosion. Der Reaktorkern in Block 4 des AKWs Tschernobyl ist zerstört und schleudert Kernbrennstoff in den Nachthimmel: Es wird 400-mal so viel Radioaktivität freigesetzt wie in Hiroshima.

Ein "Konzeptionsfehler" hatte aus dem Knopf zum Abschalten das Gegenteil gemacht: einen Zünder. Das ist die eine Ursache der Katastrophe. Die andere sind Lügen: Schichtleiter Akimow meldet, der Reaktorkern sei unbeschädigt geblieben – bis Luftaufnahmen von der Ruine gemacht werden. Feuerwehrleuten verheimlicht man die radioaktive Gefahr und schickt sie ohne Schutzkleidung in ein Feuer, das zehn Tage lang nicht zu löschen ist – die ersten Strahlenopfer. Im benachbarten Prypjat lässt man 53.000 Menschen einen unbeschwerten Frühlingssamstag an der "frischen" Luft verbringen. Ihre "vorübergehende Evakuierung" organisiert man erst nach 36 Stunden.

Dem Ausland gegenüber verschweigt man die Katastrophe erst recht – bis in Schweden erhöhte Werte gemessen werden. Doch selbst dann heuchelt man in Kiew noch Normalität, lässt am 1. Mai sportliche Jungs und blumenbekränzte Mädchen durch die radioaktive Strahlung marschieren und am 7. Mai Zuschauermassen die Straßen säumen, als die "Friedensfahrt", die Tour de France des Ostblocks, auf dem heutigen Maidan gestartet wird – ganz vorn mit dabei ist der spätere "strahlende Sieger" Olaf Ludwig für die DDR.

Über mehrere Monate leisten sogenannte Liquidatoren Aufräumarbeiten und bauen einen Sarkophag, eine Hülle aus Stahl und Beton, die den Reaktor umschließt. Nach kürzester Zeit haben sie ihren Dosisgrenzwert überschritten und werden ausgetauscht. 800.000 Liquidatoren kommandiert man nach Tschernobyl – eine ganze Armee.

Die Bilanz der Reaktorexplosion ist verheerend. Der ökonomische Schaden – Verlust an Landwirtschaftsfläche, staatliche Zuschüsse, Gesundheitskosten – beläuft sich für die Ukraine auf geschätzte 201 Milliarden und für Weißrussland auf 235 Milliarden Dollar. Insgesamt 350.000 Menschen verloren ihre Heimat. Die Zahl der Todesopfer bezifferte die Atombehörde IAEA 2006 auf 9.000. Schätzungen von Greenpeace legen nahe, dass noch 93.000 zusätzliche Todesfälle durch Krebs zu erwarten sind. Doch die genaue Zahl der Opfer wird niemals zu ermitteln sein. Die Liquidatoren leben am Baikalsee oder im Kaukasus, in Brighton Beach oder Wladiwostok – wenn sie denn noch leben.

Der Text ist eine gekürzte Fassung einer Reportage über Tschernobyl aus der aktuellen Ausgabe des Magazins ZEIT Geschichte. Der Autor arbeitet bei Greenpeace in Berlin.