Die Pilze waren unwiderstehlich. Stundenlang hatten sich Maria und ihr Mann Michailo im Schutz der Nacht durch die verbotene Zone geschlagen. Über Wälder, Bäche und wild wuchernde Äcker, in weitem Bogen um die Soldaten, die alle Zufahrten zum Reaktor von Tschernobyl abriegelten. Und als sie endlich nach Hause kamen in ihre Bauernkate, war das Gemüse im Garten schwarz, wie verbrannt. Dafür sprossen rund um das entvölkerte Dorf Parischiw überall Pilze aus dem Boden: Rotkappen und Maronen, Schmerlinge und Goldröhrlinge, Butter- und Herrenpilze. So viele, so große, so schöne, wie sie Maria und Michailo noch nie gesehen hatten. Die beiden sammelten sie und aßen sie, gebraten oder gesotten, als Suppe oder Ragout, den ganzen Sommer 1986 lang.

"Man hatte uns erklärt, diese Pilze würden strahlen", erinnert sich Maria Urupa. "Aber das war uns egal. Sie haben köstlich geschmeckt. Und ich lebe immer noch." Urupas Augen leuchten, eine Katze springt ihr auf den Schoß. 81 Jahre alt ist die Bäuerin, das Alter hat sie klein gemacht, eine winzige Frau mit leichtem Buckel und tiefen Falten. In ihrer Stube ist es düster, an der Wand hängen Ikonen und ein verblichenes Hochzeitsfoto. Urupa sitzt am Holzofen und erzählt. 30 Jahre ist es her, dass sie und ihr Mann heimlich zurückkehrten in die Todeszone, nach Parischiw, in das Katastrophengebiet um das zerstörte Kernkraftwerk, nur ein paar Wochen nach dem Super-GAU. Und Maria Urupa ist sich sicher: Es war die beste Entscheidung ihres Lebens.

Etwa tausend Menschen sind nach ihrer Vertreibung zurückgekehrt ins Sperrgebiet, illegal. Viele von ihnen waren schon alt, heute wohnen noch etwa 150 samoseli, also "eigenmächtige Siedler" in den vereinsamten Dörfern. Die meisten haben nicht mal fließendes Wasser, sie leben von dem, was die zum Teil kontaminierte Natur hergibt. Und doch sind sie hier glücklich.

Der 26. April 1986: Um 1.23 Uhr nachts gerät Reaktorblock 4 des Wladimir-Iljitsch-Lenin-Atomkraftwerks bei einem Experiment außer Kontrolle. Wegen Bedienungs- und Konstruktionsfehlern setzt binnen Sekunden die Kernschmelze ein, das Kühlmittel verdampft schlagartig, der Druck im Behälter vervielfacht sich, zwei Explosionen zerfetzen die tonnenschwere Stahlbetonhülle. Die Hitze steigt auf mehr als 2.000 Grad. Die Grafitstäbe, welche die Kettenreaktion stoppen sollten, fangen Feuer. Der weiß glühende Reaktor speit brennende Trümmer, Asche und radioaktive Gase in die Umwelt; zehn Tage wird es dauern, bis ihn die Liquidatoren, jene Helfer, die von der Sowjetführung nach Tschernobyl geschickt werden, löschen. Viele bezahlen den Einsatz mit ihrem Leben.

Insgesamt gelangt 400-mal mehr radioaktives Material in die Atmosphäre als beim Atombombenabwurf auf Hiroshima. Wolken voller strahlender Partikel bilden sich über Tschernobyl, der Wind trägt sie bis nach Nord- und Mitteleuropa. Dort gehen sie als radioaktiver Regen nieder, versetzen Millionen Menschen in Angst: In Deutschland schließen Behörden Spielplätze und Schwimmbäder, verbrennen Bauern ihre Ernte, hamstern Bürger Milchpulver und Jodtabletten. Mehrere Hundert Familien wandern aus. Und die SPD spricht sich erstmals für den Ausstieg aus der Kernenergie aus.

Evakuierte Kinder aus dem Sperrgebiet wurden als "Glühwürmchen" verhöhnt

Die Nachbarn des Unglücksreaktors erfahren anfangs gar nichts. Die Sowjetführung schweigt. Erst 36 Stunden nach der Kernschmelze evakuiert sie die Stadt Prypjat, die ein paar Fahrminuten nördlich des Reaktors liegt. Am 3. Mai, Tag sieben nach dem GAU, wird die Sperrzone ausgeweitet. Im Umkreis von 30 Kilometern um das Kraftwerk müssen noch mal mehr als 60.000 Menschen ihre Dörfer räumen, darunter auch Maria Urupa und ihr Mann. Busse fahren vor, transportieren die Menschen ab. In drei Tagen könnten sie zurück, versprechen die Uniformierten. Doch dann vergehen Wochen, Monate in der Fremde, und spätestens als viele Entwurzelte in hastig hochgezogene Wohnsilos einquartiert werden, ahnen sie: Ihre Heimat sollen sie nie wiedersehen.

Detjatki, der Militärposten an der Einfahrt zur 30-Kilometer-Sperrzone. "Zugang VERBOTEN", steht auf dem Schild vor dem meterhohen Zaun, daneben das rote Strahlenwarnzeichen. Ein Uniformierter mit Maschinenpistole patrouilliert, Kontrolleure prüfen Aufenthaltsgenehmigungen und Pässe, öffnen Kofferräume. Schließlich geht die Schranke hoch. Aus Schlaglöchern sprießen Unkraut, Sträucher und ganze Bäume, am Wegesrand verwittern längst geräumte Dörfer.