DIE ZEIT: Frau Alexijewitsch, seit Jahrzehnten hören Sie anderen zu und schreiben auf, wie vertraute Welten zusammenbrechen. Am 26. April 1986 wurde Ihr Leben Teil der Ereignisse, als ein Reaktor im Atomkraftwerk Tschernobyl außer Kontrolle geriet. Sie wohnten damals in Minsk. Wie haben Sie die ersten Tage nach dem Unfall erlebt?

Swetlana Alexijewitsch: Meine Schwester war damals krank. Ich erinnere mich, dass ich zu ihr wollte, als eine schwedische Freundin anrief. "Tschernobyl ist explodiert!", rief sie. Ich habe sie beruhigt, da sei nichts Schlimmes geschehen, alles sei ruhig. Wir wussten nichts.

ZEIT: Und dann?

Alexijewitsch: Wenig später fuhr ich raus aufs Land, in die Nähe der Sperrzone. Dort erzählte mir ein Imker, dass alles anders sei, im Garten fehle irgendetwas, ein vertrautes Geräusch. Es war das Summen der Bienen. Keine Biene hat ihren Bienenstock verlassen, nicht am Tag der Havarie, nicht danach. Die Bienen wussten bereits, was der Mensch noch nicht wusste. Angler erzählten mir, dass es unmöglich sei, Regenwürmer zu finden. Sie hatten sich tief in der Erde verkrochen. In einem Dorf gab es eine Käserei, und die Arbeiter erzählten, dass sich die Milch nicht mehr verarbeiten lasse. Ich setzte mich in ein Taxi, und der Fahrer sagte, die Vögel seien verrückt geworden; sie flogen gegen die Windschutzscheibe. Und dann tauchte das enorme Aufgebot an Militär und Panzerwagen auf. Soldaten mit neuen Maschinenpistolen. Doch auf wen sollten sie dort schießen, gegen wen sich verteidigen?

ZEIT: In Ihrem Buch Tschernobyl sagen die Befragten immer wieder, dass die Nuklearkatastrophe ein Krieg gewesen sei.

Alexijewitsch: In Tschernobyl waren fast alle Attribute des Krieges präsent: Soldaten, Evakuierungen, die Zeitungsberichte strotzten von militärischen Begriffen. Aber alle uns bisher bekannten Maßstäbe waren fehl am Platz. Man kannte Nagasaki und Hiroshima, dort verbrannten die Menschen, sie zerflossen. Das hier war anders.

ZEIT: "Das kriegerische Atom, das waren Hiroshima und Nagasaki", schreiben Sie, "das friedliche Atom dagegen die Glühbirne in jedem Haushalt." Und niemand habe geahnt, dass die beiden Zwillinge, dass sie Komplizen seien.

Alexijewitsch: Nach Tschernobyl ging das Leben normal weiter. Alles war wie früher, dieselbe Erde, dasselbe Wasser, dieselben Bäume. Es gab Menschen, die nahe der Zone wohnten und nach der Explosion mit ihren Kindern den Brand bewunderten, der abends so schön himbeerfarben leuchtete. Einerseits fingen die Weißrussen an, ihre verstrahlte Heimat zu verlassen, andererseits brach in derselben Zeit das sowjetische Imperium zusammen, und Russen flohen vor dem Krieg mit ihren Kindern in die verwaisten Häuser im Umland von Tschernobyl.

ZEIT: Eine Mutter aus Tadschikistan erzählt in Ihrem Buch über ihr Leben im Sperrgebiet: "Wenn ich hier Schüsse höre, weiß ich, dass nach Krähen geschossen oder dass ein Hase gejagt wird. Deshalb ist mir hier nicht bange."

Alexijewitsch: Ich fragte diese armen Russen, was sie hier machten, warum sie ihre Kinder hierherbrachten. Hier sei es friedlich, hier klicke keiner mit dem Gewehrabzug, antworteten sie oft. Wir sprangen in eine neue Realität, und diese Realität überstieg nicht nur unser Wissen, sondern auch unsere Einbildungskraft. Als Fukushima geschah, war es einfacher, damit umzugehen, weil wir auf die Erfahrungen von Tschernobyl zurückgreifen konnten.

ZEIT: Welche Erfahrungen waren das?

Alexijewitsch: Wenn Tschernobyl heute passieren würde, käme niemand auf die Idee, Kinder in verstrahlte Gebiete zu bringen. Gleichzeitig erzählen mir meine Freunde aus Japan, dass sie gegen ihre Machthaber protestieren, weil die sich benähmen wie damals in der Sowjetunion.