Für sein Freihandelsabkommen reist Barack Obama sogar nach Deutschland. Am kommenden Montag wird der amerikanische Präsident auf der Hannover Messe noch einmal für sein Erbe werben. Er wird für die weitere Liberalisierung der Weltmärkte plädieren – und ganz besonders dafür, dass das transatlantische Abkommen TTIP mit der EU bald fertig werden möge.

Obama wird das wohl vergeblich tun. Denn in seiner Heimat ist "Freihandel" in den vergangenen Wochen zum Symbol geworden – für all das, was in der amerikanischen Wirtschaftspolitik falsch läuft. Sämtliche Kandidaten, die nach der Präsidentschaftswahl im November das Weiße Haus übernehmen wollen, haben bei diesem Thema klare Position bezogen: gegen Obama. Gegen die derzeitige Politik. Gegen das Weiter-so.

Schon länger wütet Donald Trump, der rechtspopulistische Favorit der Republikaner, bei jeder Wahlkampfveranstaltung: Politiker und Diplomaten, die Handelsdeals mit anderen Regierungen abschließen, hätten wohl eine "Gehirnwäsche" hinter sich. Trump will alte Handelsverträge aufkündigen, Autos aus Mexiko und Waren aus China wieder mit hohen Importsteuern belegen. Regelmäßig erntete er dafür tosenden Applaus. Der linksliberale Bernie Sanders macht die Billigimporte aus Übersee für "den Kollaps der amerikanischen Mittelklasse und die wachsende Ungleichheit" verantwortlich. Und sogar die gemäßigte demokratische Favoritin Hillary Clinton, die einst unter Obama als Außenministerin gearbeitet und dessen Handelspolitik lange unterstützt hatte, distanziert sich heute von ihrem Ex-Chef. Die derzeitige Handelspolitik berücksichtige die Interessen der normalen Bürger nicht genug, mahnt sie: "Ich möchte in die Augen jedes Amerikaners aus der Mittelschicht schauen und ehrlich sagen können: Dadurch steigt dein Gehalt. Das aber kann ich nicht."

Lange hat all das die Politprofis in Washington, die Wirtschaftslobbyisten und Kommentatoren nicht sonderlich interessiert. Die Haltung eines Kandidaten zum Freihandel, so glaubten sie aus Erfahrung zu wissen, interessiert eh nur eine kleine Minderheit der Bürger: die übliche Mischung aus Gewerkschaftlern und Umweltfreunden eben.

Aber das hat sich in den vergangenen Wochen geändert. Denn das Thema interessiert viele Wähler nicht nur, es mobilisiert sie auch. Und es macht ihnen Angst: Laut einer aktuellen Umfrage des Fernsehsenders CNBC glaubt heute weniger als ein Drittel der Amerikaner, dass Freihandel ihnen genützt hat. Ist doch bei vielen US-Bürgern der Lebensstandard gesunken. "Passiert so etwas einem Menschen, dann denkt der möglicherweise: Pech gehabt! Aber es passiert eben nicht nur einem, sondern auch allen anderen, die er kennt", sagt der Nobelpreisträger Joseph Stiglitz. "Also suchen die Leute nach Schuldigen. Sie machen die Globalisierung und die Banker verantwortlich."

Der ehemalige Chefökonom des Internationalen Währungsfonds, Kenneth Rogoff, beschreibt die Stimmung noch drastischer: Wenn sich die Debatte nicht bald ändere, drohe nach einem halben Jahrhundert liberaler Handelspolitik nun eine "Wende", ein "gefährlicher Rückzug der USA". Und Larry Summers, der einst als Finanzminister unter Bill Clinton die Liberalisierung der Märkte selbst vorantrieb, mahnt in der Washington Post: Viele Menschen treibe das nicht völlig unberechtigte Gefühl, dass hier eine Politik von Eliten für Eliten gemacht werde. Wenn sich dies nichts ändere, drohe eine "Revolte gegen die globale Integration".

Könnten also ausgerechnet die USA das Ende der Globalisierung einläuten?

Drei Buchstaben machen Amerikanern derzeit besonders Angst: TPP. Diese stehen für Transpacific Partnership, das transpazifische Freihandelsabkommen. TPP soll eine Freihandelszone schaffen, die fast 40 Prozent der globalen Wirtschaftsleistung umfasst, in der 800 Millionen Verbraucher leben. Mit dabei sind 12 Länder, darunter Industrienationen wie die USA, Kanada und Neuseeland, aber auch Entwicklungsländer wie Peru und Vietnam.

Obamas Regierung hatte diesen Vertrag im vergangenen Jahr fertig verhandelt. Seither wirbt der Präsident, dass TPP viele Konsumgüter billiger machen, neue Märkte erschließen sowie Jobs schaffen werde. Und dass es den globalen Einfluss der USA in Asien dauerhaft sichern und so den großen Konkurrenten China eindämmen werde. TPP, so argumentierte US-Verteidigungsminister Ashton Carter vor ein paar Tagen, sei "so wichtig wie ein Flugzeugträger". Dann flog er nach Indien.