Wie lange dauert es, ein Leben zu zerstören? Im Fall von Latife Akyüz waren es zwei Tage. Akyüz ist eine zierliche Frau, im Haar steckt eine Sonnenbrille, sie raucht extraschmale weiße Zigaretten. Sie lacht viel, ein heiseres, ehrliches Lachen, dabei ist ihre Lage ziemlich beschissen. Akyüz gilt als Volksverräterin. Und das in der Türkei.

Akyüz, Assistenzprofessorin der Soziologie an der Universität Düzce, gut 220 Kilometer östlich von Istanbul, veröffentlichte am 11. Januar mit 1.127 anderen türkischen Wissenschaftlern eine Petition mit dem Titel: "Wir werden nicht Teil dieses Verbrechens sein". Die Wissenschaftler, die sich "Academics for Peace" nennen, riefen zu einem Ende des "Massakers" an der kurdischen Bevölkerung im Südosten des Landes auf. Adressat der Petition: der türkische Staat. Zwei Tage später war von Akyüz’ bisherigem Leben nicht mehr viel geblieben. Erst hatte Staatspräsident Erdoğan die Wissenschaftler bei seiner Rede nach einem Anschlag in Istanbul am 12. Januar als Unterstützer von Terroristen bezeichnet. Dann wurde Akyüz von ihrer Universität suspendiert, und lokale Ultranationalisten kündigten an, Düzce "von der PKK zu säubern". Sie meinten damit Akyüz. Unbekannte fragten bei der Uni nach ihrer Adresse, Akyüz fürchtete um ihr Leben. Noch am 13. Januar packte sie ein paar Sachen, ließ Bücher, Computer und ihre Katze in der Wohnung zurück und floh nach Istanbul.

"Es war, als hätte Erdoğan mit seiner Rede auf einen Knopf gedrückt, der alles in Gang setzt", sagt Akyüz. Heute, Mitte April, sitzt sie auf einem weißen Plastikstuhl auf einem kleinen Rastplatz und gräbt die Absätze ihrer roten Schuhe in den Schotter. Zwei zu Imbissen umgebaute Wohnwagen verkaufen Tee und Börek. Es riecht nach Müll. Hinter Akyüz hängt ein weißes Banner mit schwarzen Buchstaben: "Freiheit für die Akademiker, die Frieden wollen". Vor einigen Minuten hat sie es mit Mitstreitern ausgerollt und aufgehängt. Genau gegenüber dem Hochsicherheitsgefängnis Silivri, rund 70 Kilometer vor Istanbul. Das Gelände des Gefängnisses ist so groß, dass sich das Ende seiner Mauern nur erahnen lässt, unzählige Scheinwerfermasten ragen zwischen den roten Ziegelsteindächern hervor.

Im Trakt für politische Gefangene sitzen zwei von Akyüz’ Wissenschaftlerkollegen, die die Petition unterschrieben haben. Zuerst saßen sie in Einzelhaft, nun teilen sie sich eine Zelle mit einem, der den Präsidenten beleidigt haben soll. "In der Türkei ist niemand mehr sicher", sagt Akyüz. An diesem Freitag beginnt der Prozess gegen die Wissenschaftler, und geht es nach der Staatsanwaltschaft, wird er noch am selben Abend enden: Angesetzt ist nur ein einziger Verhandlungstag.

Über die Geschichte von Akyüz und ihren Kollegen wird in Deutschland derzeit wenig gesprochen, obwohl es in den Medien seit Wochen um Erdoğan und die Grenzen des Erlaubten geht. All eyes on Böhmermann – aber es geht um viel mehr.

Gegen alle Unterzeichner der Petition wird ermittelt. 68 Wissenschaftler wurden laut den Academics for Peace bereits entlassen oder suspendiert, 38 wurden vorübergehend festgenommen, vier von ihnen sitzen im Gefängnis.

Deshalb ist dies nicht nur eine Geschichte über drangsalierte Wissenschaftler, sondern über die großen, dringenden Fragen in der Türkei: Was zählt die Meinungsfreiheit? Wie steht es um die Gewaltenteilung? Und: Wer ist mächtiger, der türkische Präsident oder die türkische Verfassung?

Auch der Soziologe Sharo Garip ist mittlerweile arbeitslos und steht an diesem blaugrauen Apriltag vor dem Gefängnis in Silivri. Neben ihm hat die kemalistische CHP einen Pavillon aufgebaut, die größte Oppositionspartei solidarisiert sich mit den Wissenschaftlern. Auf ihrem Banner steht "Freie Meinung, freie Türkei". Garip, 50, hält zwar nicht viel von der CHP ("zu viel nationales Denken"), aber die gemeinsamen Gegner – Erdoğan und die regierende AKP – genügen, um zusammen für Fotos zu posieren. Garip trägt schwarze Dreadlocks mit grauem Einschlag und hat die deutsche Ausgabe von Herbert Marcuses Repressive Toleranz dabei, in seiner Forschung vergleicht er den Kurdenkonflikt mit der baskischen Unabhängigkeitsbewegung. Ein Linker, ein Regierungsgegner, selbst Kurde. Und: Deutscher. Mit 23 Jahren kam er zum Studieren aus der Türkei nach Köln, später bekam er einen deutschen Pass. "Ich wollte zu einem demokratischen Staat gehören", sagt er. Garip glaubt nicht, dass die Türkei ein Rechtsstaat ist, die Ereignisse seit der Petition hätten ihn im Prinzip nicht überrascht, sagt er. Dass es aber so heftig werden würde, habe er nicht erwartet. Denn auch Garip fühlt sich gefangen, obwohl er nicht in einer Zelle sitzt: Gegen ihn wurde ein Ausreiseverbot verhängt, er darf die Türkei nicht verlassen. Noch weiß er nicht, wie es weitergeht, auf seinen Widerspruch wurde nicht reagiert, auch der deutsche Botschafter konnte ihm bislang nicht helfen.

Entlassungswellen, Ausreiseverbote, Inhaftierungen – wegen einer Petition?