Wer dem Atlantic nicht alles aufs Dach gestiegen ist. James Bond zum Beispiel kletterte über einen Balkon nach oben in den Hamburger Herbsthimmel hinein, und natürlich war die Weltkugel im Bild, das Wahrzeichen des Hotels. Der Morgen stirbt nie, 1997 wurde der Film gedreht, aber Udo Lindenberg hatte schon drei Jahre zuvor seine Leute eingeschleust, keine Geheimagenten, sondern "Geheimräte". So nennt der Musiker jene Freunde, die vorzugsweise am Tresen des Hotels stehen und Espresso, Whiskey und Eierlikör parat halten. Inspiration oder Betäubung, je nach Gemütslage.

Gerardo Goffredo war so ein Geheimrat, 25 Jahre lang arbeitete er als Barkeeper im Atlantic. In einem Schränkchen hütete er das legendäre schwarze Buch, in das Lindenberg Skizzen und Ideen eintrug. Und als dem Star eines Abends die Farben ausgingen für seine Arbeit als "Stricher" – Udo-Jargon für Zeichner –, da stellte ihm der Barmann Blue Curaçao und Bols Banana zum Kolorieren hin.

Von der Geburtstunde der sogenannten Likörelle hat sich das Atlantic ästhetisch bis heute nicht erholt. Man kann das als Glücksfall einstufen: Die konventionelle Grandhotel-Deko – Historienschinken auf Stofftapete – wird demontiert durch Trash-Motive. Schlapphutträger und nackte Ladies, die sich zuprosten – kunsthistorisch ist das nicht mal eine Fußnote, aber für die Premiumhotellerie eine Revolution, raumausstattungsmäßig gesehen.

Diese – sagen wir vorsichtig – artistische Ambivalenz bestimmte das Verhältnis von Rockstar und Fünf-Sterne-Haus von Anfang an. Beide profitieren bis heute davon, beide haben ihren Nimbus durch dieses Zusammenspiel vergrößert. Lindenberg, der Grand Daddy des deutschen Rock, und das De-luxe-Hotel, in dem Kaiser Wilhelm II. in Öl das Foyer bewacht.

Nächste Woche erscheint das neue Album Stärker als die Zeit, Lindenberg geht dann auf Tournee, eine Jubiläumsreise, am 17. Mai wird er 70 Jahre alt.

Das sind die Neuigkeiten.

Die Konstante ist das Atlantic.

Wenn man wissen will, wo in Deutschland der Rock ’n’ Roll zu Hause ist, kann man einfach diese Adresse eingeben: An der Alster 72 bis 79. Dass der Rock ’n’ Roll überhaupt eine Adresse hat, ist natürlich kurios. Das ist die andere Pointe dieser Konstellation: Ohne Udo wäre das Atlantic nur das "weiße Schloss an der Alster" (Folklore-Marketingjargon), ein edles, in die Jahre gekommenes Traditionshotel mit schönem Blick aufs Wasser. Mit Lindenberg aber ist es eine Kulturinstitution, eine Luxuskita für kreative Kindsköpfe, eine Zentrale bürgerlicher Toleranz.

Ohne Atlantic kein Udo, ohne Udo kein Atlantic.

Seit 1994 bewohnt Lindenberg drei Zimmer im zweiten Stock (was er dafür bezahlt, erfährt man selbst auf hartnäckigste Nachfragen bei der Hotelleitung nicht. Er selber sagt: "Wir haben einen guten Deal gemacht, der cool ist"). Zwei Jahrzehnte minus der Zeit, in der er abtrünnig wurde, während der Umbauarbeiten 2011: ein Seitensprung ins Royal Meridien. Aber letztlich war das eine Mogelpackung. Der Mann, dessen Motto "Keine Panik auf der Titanic" lautet, in einem Domizil, das so gar nichts zu tun hat mit Schifffahrt und ozeanischen Gefahren? Nein, er musste wieder zurück ins Atlantic, wo man seit der Gründung im Jahr 1909 die Passagiere von Luxuslinern beherbergt und wo die Flure extrabreit sind, weil man früher mit Schrankkoffern auf Reisen ging.

Lindenberg profitiert von den Platzverhältnissen im Haus. Man kann ein bisschen schwanken und vom Weg abkommen, wenn der likörbedingte Seegang einsetzt. Oder mit dem Fahrrad die Lobby durchqueren. Alles schon geschehen.