Nein, noch kein Kunstmuseum wurde bislang dichtgemacht, auch wenn viele Kämmerer nichts lieber täten als das. Schon bald aber wird es so weit sein. Bald wird die deutsche Kunstlandschaft, die so viele erstaunliche Blüten hervortrieb, unweigerlich veröden, werden Sammlungen aufgelöst, Depots geräumt, Bilder und Skulpturen auf den Müll geworfen und vernichtet. Übertrieben? Wer Walter Grasskamp liest, sein kleines, unschuldig wirkendes Buch über das Kunstmuseum, der wird zum Apostel des Niedergangs.

Dabei hat Grasskamp keine Mahn- und Warnschrift verfasst, nicht mal dem branchenüblichen Kulturpessimismus ist er verfallen. Nein, er bleibt dem verschmitzten Ton treu, in dem er als Theoretiker und Akademie-Professor schon viele kluge Analysen über die Bilderwelten der Moderne geschrieben hat. Anschaulich und anekdotenreich, um keine Pointe verlegen und doch stets um wissenschaftliche Korrektheit bemüht, kartografiert er die Museumssphäre, all die Sackgassen, Irrwege und schiefen Bahnen, die den meisten Besuchern verborgen bleiben.

Noch immer betrachte die Öffentlichkeit ihre Museen stolz wie einen Rolls-Royce, schreibt Grasskamp. Dabei müsse der Chauffeur längst bei Shell um die nächste Tankfüllung betteln gehen, und auch Ersatzreifen, Versicherung, selbst die Autowäsche seien nicht mehr finanzierbar.

Das liegt allerdings weniger an schrumpfenden Etats als an den Museen selbst, an ihrem "Gründungssinn", wie Grasskamp formuliert. Diesem Sinn gehorchend, will sich jede Sammlung entwickeln, will im Blick behalten, was an Neuem entsteht, will offen bleiben für Entdeckungen, Schenkungen, Ankäufe. Damit aber gibt sie nicht nur Geld aus, sondern erwirbt zugleich jede Menge Unkosten: für Transport, Lagerung, Klimatisierung, Restaurierung, Bewachung und vieles mehr. Diese Kosten steigen überproportional, denn je mehr Werke ein Museum besitzt, desto weniger kann es davon zeigen. In vielen Häusern liegt der Anteil der unsichtbaren, weil deponierten Werke schon heute bei 95 Prozent.

So erklärt sich denn der Museumsboom der letzten Jahrzehnte: Mehr Ausstellungsflächen müssen her, damit mehr Sonderschauen abgehalten werden können und es im Depot nicht noch voller wird. Doch prachtvolle Neubauten lösen das Problem nicht, sie verschärfen es nur: Noch höhere Summen fließen in Bewachung, Putzdienste, Heizung, Summen, die man doch eigentlich für Kunst ausgeben wollte. Und was noch schwerer wiegt: Wachsen die Räume, wächst auch der Wille vieler Künstler, mit wuchernden Formaten diese Räume zu füllen. Rasch erweist sich, das ist Grasskamps Zwischenfazit, das vermeintliche Mehr als ausuferndes Weniger.

Im Echtzeitmuseum des 21. Jahrhunderts dominiert die Gegenwart, in den Schausälen ebenso wie übrigens in den Werkstätten der Restauratoren. Viele aktuelle Werk sind eher lieb- und haltlos zusammengekleistert, wahlweise aus Paketband, Damenstrumpfhosen oder Mülltüten, und die für den Erhalt zuständigen Mitarbeiter dürfen sehen, wie sie diesen "Edelmüll" über die Jahre retten. Empört fragt sich Grasskamp, warum Museen etwas kaufen oder sich auch nur schenken lassen, das schon nach wenigen Jahrzehnten unrettbar verloren sein wird – bis dahin aber noch mit viel Geld versorgt sein will.

Viele selbst gezimmerte Fallen lauern also im Kunstmuseum von heute, das seinen alten Kernaufgaben vor lauter Quotenhörigkeit und Sponsorenumgarnung kaum mehr nachkommen kann. Grasskamp bedauert dabei nicht den Wandel als solchen, er kritisiert nur, dass sich die Kunsthäuser, ohne es recht zu bedenken, ihrer Legitimität berauben. Oft wissen sie nicht mehr, wofür es sie gibt: Ästhetische Bildung, was soll das noch sein? Und können sie zu Orten der Qualitätsbestimmung werden, wo doch in Wahrheit der Kunstmarkt die Regeln bestimmt? "Warum so vieles teuer erworben, kurzfristig gezeigt, mittelfristig verstaut, langfristig konserviert, aufwendig restauriert und schließlich doch wieder weggeschlossen wird, ist nicht zu beantworten", schreibt Grasskamp, jedenfalls nicht mit den gewohnten Beschwörungsfloskeln von Abendland und Kulturnation.

Gibt es keinen Ausweg? Irgendeine Strategie? Da hält sich das Büchlein, sonst um keine Einsicht verlegen, natürlich vornehm zurück. Den kulturellen Sinn des Kunstmuseums zu begründen, schreibt Grasskamp, sei so wenig möglich, "wie den globalen Erfolg des Fußballspiels aus der Abseitsregel erklären zu wollen".

Nur zwischen den Zeilen hört man sein Plädoyer für mehr Bescheidenheit heraus. Das Museum, das immer "gebaute Wohlstandserwartung" gewesen sei und das nun an dieser Erwartung ersticke, müsse sich besinnen. Künstler sollten sorgfältiger, Kuratoren geschichtsbewusster agieren. Allerdings wird damit das Luxusproblem wohl kaum zu lösen sein. Grasskamp lässt uns in der drohenden Düsternis zurück, aufgescheucht und aufgeklärt, aber ratlos.

Walter Grasskamp: Das Kunstmuseum. Eine erfolgreiche Fehlkonstruktion. C. H. Beck, München 2016; 187 S., 18,– €