Bald hocken sie wieder in den Schulen der Republik, die Abiturprüflinge, und brüten über Graphen, Interpretationen und Übersetzungen. Alles wie gehabt. Neu ist aber: Immer öfter findet sich dabei eine Schülerspezies, die früher als Ausnahmeerscheinung galt: die 1,0-Abiturienten. Der Deutsche Philologenverband sprach im vergangenen Jahr gar von einer Inflation der Bestnoten.

Es ist nicht lange her, da galten deutsche Schüler als Pisa-Versager. Und nun sollen sie Vorzeigeschüler sein? Sind sie also schlauer geworden? Oder die Prüfungen einfacher? Und wie viel ist die Bestnote noch wert, wenn sie immer häufiger vergeben wird?

Die Statistik der Kultusministerkonferenz belegt einen stetigen Anstieg der Bestnoten. Vor zehn Jahren hatte in Deutschland noch nicht einmal jeder hundertste Abiturient einen Schnitt von 1,0. Seitdem steigt ihr Anteil beständig. 2014 waren es schon 50 Prozent mehr als 2006, die die Bestnote erhielten.

Dabei gibt es vor allem in einzelnen Bundesländern Bildungswunder zu bestaunen. Berlin etwa vergab 2015 fünfmal so viele 1,0-Noten wie noch 2006. Brandenburg verzeichnet eine Verdreifachung. Es zeigt sich auch: Die Unterschiede zwischen den Bundesländern sind groß. In Thüringen erhielten 2014 2,79 Prozent der Abiturienten eine 1,0, in Niedersachsen nur 0,78 Prozent. Es sind Unterschiede, die teils seit Jahren bestehen. Sind die Schüler in Niedersachsen also dümmer als jene in Thüringen?

Ein Anruf bei Heike Schimke in Erfurt. Die Biologielehrerin unterrichtet seit 1992 in Gymnasialklassen in Thüringen, dem einsamen Spitzenreiter der 1,0-Schmieden. Definitiv seien die Abiturnoten in den letzten Jahren immer besser geworden, sagt sie. "Aber es liegt nicht daran, dass meine Schüler schlauer geworden sind." Schimke setzt eine Kunstpause. "Die Lehrpläne werden immer mehr zu Leerplänen."

Schimke kann sich noch an Zeiten erinnern, als Zehntklässler Mitosestadien im Präparat aufspüren und Elftklässler selbst im Grundkurs über Redoxgefälle im zyklischen und nichtzyklischen Elektronentransport diskutieren konnten. "In 27 Jahren habe ich nach sechs unterschiedlichen Lehrplänen unterrichtet", sagt sie. Heute würde Fachwissen in Biologie in den Hintergrund rücken, und stattdessen würden vor allem Selbst-, Sozial- und Methodenkompetenz zählen.

Dass sich die Abituraufgaben verändert haben, ist ein bundesweiter Trend, der viel mit dem Pisa-Schock von 2001 zu tun hat. Seither wird in Lehrplänen und Prüfungen weniger Wert auf Fachwissen gelegt. Stattdessen zählt die Anwendung der erlernten Kompetenzen, es geht um Teamfähigkeit, Lesekompetenz oder darum, gelungene Präsentationen zu geben. Kompetenzorientierung nennen Bildungsforscher dieses Konzept. Kritiker wie der Biologiedidaktiker Hans Peter Klein behaupten, die besser werdenden Noten hingen eng mit dieser Entwicklung zusammen. Eine These, die er vor einigen Jahren in einer Studie zu beweisen versuchte. "Für manche Abitur-Aufgaben reicht es schon aus, lesen zu können", sagt Klein. Die Antworten seien ohnehin schon in der Aufgabenstellung versteckt.

Schon attestieren viele Universitäten den Schulabgängern geringere Grundkenntnisse in den Naturwissenschaften und in der Rechtschreibung. Auch die Lehrerin Schimke schätzt: "Nur sechzig Prozent meiner erfolgreichen Abiturienten sind überhaupt studierfähig."

An der TU Ilmenau will der Prorektor für Bildung, Jürgen Petzoldt, erst gar nicht von Top-Abiturienten reden. Denn das deutsche Bildungssystem findet er – gelinde gesagt – "verbesserungswürdig". Den Abiturienten fehlten entscheidende Qualifikationen zur Anwendung ihres Wissens – egal, wie gut ihr Zeugnis sei. Den Noten vertraut er schon lange nicht mehr. Deshalb läuft seit knapp vier Jahren in Ilmenau ein Modellversuch: Vor Studienbeginn testet die Uni die Kompetenzen der Abiturienten. "Dabei kam heraus: Die Abiturnote korreliert kaum mit den bei uns abgefragten Kompetenzen", sagt Petzoldt.

Wie die TU Ilmenau entwickeln viele Universitäten ihr eigenes Aufnahmeprozedere, weil sie nicht mehr auf die Noten der Schulabgänger vertrauen. Gleichzeitig häufen sich die Fälle von Einser-Abiturienten, die nicht ihr Wunschfach studieren können, da mit dem Anstieg der guten Noten auch der Numerus clausus steigt. Die Abiturnote wird so Schritt für Schritt entwertet.

Ein Bundesland, das sich diesem Trend entzieht, ist Baden-Württemberg. Hier hat der Anteil der Einskommanuller seit 2006 sogar leicht abgenommen, von 1,79 auf 1,28 Prozent.

Anne Doppelbauer unterrichtet Deutsch an einem Gymnasium in Bruchsal. An ihrer Schule gebe es seit Jahren höchstens zwei bis drei 1,0-Abiturienten, sagt die Lehrerin. Der Grund: Ein strenger Korrekturmodus verhindert die Noteninflation. Neben dem eigenen Lehrer werden Abiturklausuren in Baden-Württemberg noch von zwei schulfremden Lehrern korrigiert. Weil die Zweit- und Drittkorrektoren weder Schüler noch Schule kennen, sind sie unvoreingenommener in ihrem Urteil und häufig strenger. So strikt ist kein anderes Bundesland in Deutschland. Im Thüringer Bildungsministerium ist man der Meinung, ein solcher Aufwand sei nicht gerechtfertigt: "Eine Zweitmeinung eines Fachlehrers der eigenen Schule ist ausreichend und bei uns gegeben."

Von all dem Wildwuchs, den das föderale Bildungssystem in der Schulpolitik hervorbringt, sind die unterschiedlichen Abi-Korrekturregeln eine der sichtbarsten Wucherungen. Hinzu kommt, dass der Anteil der Prüfungen nur einen bestimmten Anteil an der Gesamtnote ausmacht, die wiederum von Bundesland zu Bundesland anders berechnet wird. Nicht nur werden Leistungs- und Grundkurse unterschiedlich berechnet. Manche Länder erlauben den Schülern auch, schwache Ergebnisse einzelner Kurse zu streichen, etwa Hamburg oder Berlin. In anderen Ländern wie Bayern oder Baden-Württemberg ist das nicht möglich. Der Pressesprecher der Kultusministerkonferenz, Torsten Heil, räumt ein, dass die Unterschiede in der Notengebung der Länder mit unterschiedlichen Bewertungstraditionen zusammenhängen könnten.

Wegen der fehlenden Vergleichbarkeit wird vielerorts nach einer Einführung eines bundesweiten Zentralabiturs verlangt. Es sei ein Garant für höhere Ansprüche, Leistungen und mehr Vergleichbarkeit, sagen die Anhänger der Idee. Aber ist dem so?

Die Erfahrungen zeigen etwas anderes. Seit einigen Jahren haben fast alle Bundesländer zentrale Abiturprüfungen. Die Umstellung wurde von den Kultusministerien auch damit begründet, dass das Niveau steige, wenn nicht mehr der eigene Lehrer die Prüfungsaufgaben vorgibt, sondern eine zentrale Stelle. Das Gegenteil war der Fall: In den meisten Ländern stieg der Anteil der sehr guten Abiturienten. Offenbar habe das Zentralabitur zu Vereinfachungseffekten geführt, vermutet der Bildungsforscher Marcel Helbig vom Wissenschaftszentrum Berlin für Sozialforschung. "Früher haben leistungsschwächere Gymnasien wahrscheinlich eher leichtere Prüfungen gestellt, stärkere Gymnasien entsprechend schwierigere." Mit Einführung des Zentralabiturs, das es heute mit Ausnahme von Rheinland-Pfalz überall gibt, habe man sich augenscheinlich auf ein insgesamt niedrigeres Niveau geeinigt.

Der länderübergreifende Abitur-Aufgabenpool, den die Kultusminister als "Meilenstein" preisen, wird wohl keine echte Vergleichbarkeit bringen. Zum einen bleibt es den Ländern überlassen, ob sie Prüfungsaufgaben aus dem Pool entnehmen. Zum anderen sind damit weder vergleichbare Bewertungen noch vergleichbare Benotungen gesichert.

Bis alle Schüler mit einem Maß gemessen werden können, dauert es noch etwas. Erst 2017 werden die ersten Abiturienten Aufgaben aus dem länderübergreifenden Pool erhalten. Für die Schüler genug Zeit, um ein richtig gutes Abi abzulegen.