Hier sitze ich, ich kann nicht anders. Die Karten müssen auf den Tisch. Nun denn: Ich bin befangen, sogar sehr. Im Frühling 2015 gab mir André Heller den Text seines Romans, an dem er zehn Jahre gearbeitet hatte. Er wollte von mir wissen, ob das Manuskript etwas tauge. Und zwar schonungslos. Verständlich, dass er mir solche Brutalität zutraute. 1981 habe ich in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung einen Band von ihm verrissen. Zum (wenigstens mir gegenüber) stummen Schmerz meiner verehrten Vorgängerin Hilde Spiel, die Heller für ein Wiener Wunderkind hielt, vielleicht für ein ziemlich ungezogenes, allzu freches – gleichwohl für ein echtes Wunderkind.

Für mich jedoch war André Heller anno dazumal ein überbegabter Blender mit dem Zeug zum verschmockten Scharlatan. Meine Kritik zielte ins Grundsätzliche: "Ist er, was er kann? Verbirgt sich hinter den zahllosen Masken ein Gesicht?" Hilde Spiel hatte recht, ich hatte unrecht. Sie sah schon das Gesicht, das sich mir erst in den folgenden Jahrzehnten zeigen sollte. Nein, ich meine nicht die beeindruckende Vielfalt von Hellers spektakulärer Karriere als Liedermacher, Zirkus-, Varieté- und Revuedirektor, als Kunstgärtner und Himmelszeichner, als neobarocker Feuerwerker und Kristallartist, der stets neue Fantasieskulpturen schuf und zum Lehrmeister und Impresario unseres Staunens wurde. Ich meine den ungemein ernsthaften, den engagierten Zeitgenossen und scharfsichtigen politischen Beobachter. Der hält sich nicht mit Visionen auf, sondern setzt sie sofort in die Praxis um.

So vor Kurzem in der von ihm organisierten internationalen Konferenz der Bürgermeister, deren Städte und Gemeinden am stärksten mit dem Elend der Flüchtlinge konfrontiert sind. Und ich meine vor allem den Autor André Heller. Seine oft autobiografisch grundierten Erzählungen überzeugten mich von Mal zu Mal mehr, manches davon begeisterte mich. Hellers Liebe zur Literatur, zu der dieser rastlose Universalkünstler immer wieder zurückkehrt, war keine unglückliche, lediglich seine erste und wichtigste. Mittlerweile glaube ich, was er als Jungdandy so forsch wie vollmundig behauptete: dass er in all seiner überschäumenden Kreativität zuvorderst Poet, also in der Tat ein Dichter ist.

Als ich Heller meine Ansicht mitteilte, er habe keinen guten, vielmehr einen hervorragenden Roman geschrieben, einen der schönsten, die ich seit Langem gelesen hätte, reagierte er ungläubig. So ist das eben bei Größenwahnsinnigen, oder genauer: bei denen mit zureichendem Grund. Sie sind äußerst unsicher. Wie pflegte Marcel Reich-Ranicki zu sagen? Vögel verstehen nichts von Ornithologie. Sonst könnten sie nämlich leider nicht fliegen, sage ich.

Weil ich von der Qualität dieser 330 Seiten völlig überzeugt bin, habe ich sie in Richtung des Zsolnay-Verlags bugsiert (der naturgemäß auch der meine ist) und werde sie gemeinsam mit dem Verfasser im Burgtheater präsentieren. Kann ein Rezensent parteiischer sein? Kaum. Das ist die Wahrheit und nichts als die Wahrheit. Zumindest die halbe, die ganze wäre ohnehin weder zu haben noch zu gebrauchen.

Das Buch vom Süden ist ein Bildungsroman im angenehm altmodischen Sinn. Er erzählt die Geschichte von Julian Passauer, geboren kurz nach dem Zweiten Weltkrieg in Wien, die Geschichte seiner Familie und seiner engsten Umgebung. Julian wächst in der Dienstwohnung seines Vaters Gottfried Passauer heran – in einem der für Beamte reservierten Trakte des Schlosses Schönbrunn. Schließlich hat der Herr Papa, seines Zeichens Zoologe und Botaniker, den Rang eines Vizedirektors des Naturhistorischen Museums. Dass das alte Österreich 1918 die südlichen Kronländer einbüßte, die Adriaküste mit den Zypressen, Licht und Wärme und Leichtigkeit und seine Völkermischung, ist für Gottfried Passauer eine nie verheilende Wunde.

Das Leben im älplerischen Restnorden: eine fortwährende Qual und Demütigung. "Katastrophe Hilfsausdruck", hieße es in Wolf Haas’ Brenner-Krimis. Aber im Umkreis der Eltern Passauer gibt es einige wundersame, teils k. u. k. Überbleibsel, fast lauter Originale der Welt von gestern. Eine Hauptfigur – der greise Graf Eltz, sprühend von Melancholie und Witz und Gescheitheit: "So etwas wie ich, werte Freunde, wird nicht mehr erzeugt, und es gibt bedauerlicherweise dafür auch keine Ersatzteile mehr." Seine Sprüche sind eine Mischung aus Hofmannsthals Komödie Der Schwierige und Friedrich Torbergs vom weiland Kaffeehausliteratenmilieu geprägten Tante Jolesch-Anekdoten. Derlei könnte unschwer schiefgehen. Tut es indes nicht, da Heller – hierin ein Musterschüler seines Mentors Helmut Qualtinger – sämtliche Tonfallschattierungen virtuos beherrscht. Es stimmt einfach alles. Das Aroma einer verblichenen Ära, von der Kakaniens nicht minder als von jener des Wiens der fünfziger und frühen sechziger Jahre des 20. Jahrhunderts, ist aus jedem Satz herauszuschmecken. Wie immer steckt die Kraft der Evokation in sprechenden Details. Einzelne Begriffe, Wörter, Objekte genügen, und man wird auf der Suche nach der verlorenen Zeit auf beglückende Weise fündig. Natürlich sind dabei auch die dunkelsten Schatten österreichischer Vergangenheit gegenwärtig. Zum Beispiel im Bericht eines ungarischen Juden, wie er seinen hilflosen Bruder auf der Flucht vor den Nazis umbrachte, damit er den Mördern nicht in die Hände falle ...