Vorsicht, Spoiler-Alarm: Wer meinen aktuellen Roman noch lesen möchte, der sollte wissen, dass im folgenden Satz ein zentrales Detail daraus verraten wird. In Paradox dreht sich alles um eine außerirdische Zivilisation, die winzig kleine Maschinen von Stern zu Stern schickt, um die Galaxis zu erkunden. Die tapferen irdischen Astronauten, die diese Nanoraumschiffe entdecken, können über diese außerirdische Technologie nur ehrfürchtig staunen. So viel zu meiner Science-Fiction ...

Nun las ich Mitte April in der Zeitung, der russische Investor und Milliardär Juri Milner wolle mit einer Anschubfinanzierung von sagenhaften 100 Millionen US-Dollar die Entwicklung von genau so einer Technologie starten. Am 55. Jahrestag des ersten bemannten Raumflugs stellte Milner die "Breakthrough Starshot"-Initiative vor: Binnen zwei Jahrzehnten soll ein ganzer Schwarm miniaturisierter Sonden mit einem Gewicht von einem Gramm – ein Teelöffel Pfeffer wiegt fünfmal mehr – und der Größe einer Briefmarke zum nächsten Stern außerhalb unseres Sonnensystems reisen. Diese Dinger sollen an Lichtsegeln hängen, die zwar einen Durchmesser von einigen Metern haben, aber nur wenige Atomlagen dick sind. Starke Laserstrahlen sollen sie in gerade einmal zwei Minuten auf ein Fünftel der Lichtgeschwindigkeit beschleunigen. Bei diesem Tempo würde die Reisezeit bis Alpha Centauri etwa 20 Jahre betragen.

Ich legte die Zeitung beiseite und grübelte lange nach. Könnte das gelingen? In echt? Sicher, elektronische Bauteile sind in den vergangenen Jahrzehnten gigantisch geschrumpft. Der erste Transistor, der 1947 in den Bell Labs entwickelt wurde, war so groß wie ein Finger. Heute quetscht man bei der Fertigung moderner Mikrochips zehn Millionen davon auf die Fläche eines Quadratmillimeters. Auch die Laser werden immer leistungsstärker. In der National Ignition Facility in Kalifornien soll in einigen Jahren bei einem ultrakurzen Lichtimpuls mit einer Leistung von unfassbaren 500 Terawatt eine kontrollierte Kernfusion gezündet werden. Der Fortschritt der Entwicklung scheint also für die Machbarkeit von Milners Vorhaben zu sprechen.

Seit 2015 die Sonde "New Horizons" den Pluto erreichte, hat die unbemannte Raumfahrt alle wichtigen Ziele in unserem eigenen Sonnensystem abgeklappert. Da scheint der Sprung zum nächsten Stern der logische folgende Schritt zu sein. Aber man verdrängt doch gerne, wie immens groß der Abgrund zwischen den Sternen ist.

Unser nächstgelegener kosmischer Nachbar, Alpha Centauri, ist ein Dreifachsternsystem, das man leider nur auf der Südhalbkugel der Erde am Himmel beobachten kann. Alpha Centauri A und B drehen sich um einen gemeinsamen Schwerpunkt, und ein lichtschwacher Begleitstern, Proxima Centauri, umkreist die beiden auf einer weit abgelegenen Umlaufbahn. Mindestens einen Planeten hat man dort schon entdeckt.

Viereinviertel Lichtjahre ist dieses System von uns entfernt. Diese Zahl hört sich fast schon niedlich an. Übersetzt handelt es sich aber um knapp 40 Billionen Kilometer. Und da versagt die menschliche Vorstellungskraft, und es helfen bestenfalls Vergleiche, um sich dieser Zahl auch nur anzunähern:

Schnappen Sie sich einen Rucksack, denn wir machen eine kleine Wanderung! Zunächst gehen wir in die Knie. Legen Sie eine Murmel vor sich auf den Boden. Das ist die Erde. In einem Abstand von einer Zeigefingerlänge legen Sie eine zweite Murmel auf den Boden, den Mond. Dann stehen Sie auf und gehen bis zum Gartenzaun in 20 Meter Entfernung. Hier platzieren Sie eine Murmel für den Mars, den Menschen zu unseren Lebzeiten betreten könnten, vielleicht. Jetzt folgt ein strammer Marsch zum Ortsrand in anderthalb Kilometer Entfernung. Hier lassen wir die Pluto-Murmel fallen und damit den am weitesten entfernten Planeten, den unsere Sonden bisher erreicht haben. Und Alpha Centauri? Jetzt wandern Sie bis nach Südafrika, um die entsprechende Murmel ins Stadtzentrum von Kapstadt zu legen.