Einen Tag vor seinem Rücktritt als Brandenburgs Justizminister sitzt Helmuth Markov in einem Restaurant in Bad Liebenwerda und soll Leute loben, die Bagatellfälle verhandeln, Streite am Gartenzaun, unsinnig eskalierende Meinungsverschiedenheiten – es ist ein Treffen mit ehrenamtlichen Streitschlichtern. Die Sonne strahlt, die Kirschbäume blühen, die Schlichter essen Sahnetorte, und Markov lobt sie: "Ich hoffe, Sie nehmen mir das ab, wenn ich sage, dass ich toll finde, was Sie machen: außergerichtlich Probleme zu lösen. In unserer Gesellschaft, die bis ins Letzte ausdiskutiert haben will, wer recht hat und so weiter, da sind Schlichter sehr, sehr wichtig."

Dabei wird dem Linken-Politiker Markov, 63, nun selbst ein Bagatellfall zum Verhängnis: Wie die Potsdamer Neuesten Nachrichten enthüllt haben, hatte Markov 2010 – da war er noch Finanzminister – einen Kleintransporter aus dem Fuhrpark des Landes ausgeliehen, um damit sein Oldtimer-Motorrad in die Werkstatt nach Leipzig zu fahren. 435,30 Euro kostete die private Tour. Gezahlt hatte sie das Finanzministerium, nicht Markov.

Der hat nun das getan, wovon ihm jeder Schlichter wohl abraten würde: Er leugnete zwar nicht die Fahrt, aber jegliche Schuld, zog die Staatsanwaltschaft hinzu, behauptete, voll und ganz im Recht zu sein. Die Staatssekretärin aus dem Finanzministerium unterstützte ihn zunächst: Die Nutzung des Transporters sei rechtens gewesen. Viele Juristen sehen das anders. Die Opposition grillte Markov in einer Sondersitzung des Finanzausschuss, die Regionalzeitung lieferte täglich neue Fakten. Die Linken-Fraktion bekniete Markov, wenigstens die entstandenen Kosten zu spenden. Tatsächlich überwies er 1.000 Euro an eine karitative Einrichtung – bestand aber darauf, dass dies kein Schuldeingeständnis sei. Ob Regierungs- oder Oppositionspolitiker: Alle sagten sie, dass der Skandal schnell beendet sein könnte, wenn Markov den Fehler eingestehe. Aber so kam es nicht. Der Minister musste am vorigen Freitag zurücktreten. In einem Brief an seine Parteifreunde schrieb er wenig später: "Wer mich kennt, weiß, dass ich immer peinlichst genau darauf geachtet habe, dienstliche und private Dinge zu trennen. Im Juni 2010 habe ich diese Sorgfalt offensichtlich nicht walten lassen."

Sein Fall erzählt etwas darüber, wie man sich in seinem selbst geschaffenen Image verheddern kann. Die Linke, die in Potsdam als Juniorpartner der SPD mitregiert, wollte eigentlich besser sein als alle anderen Parteien, bescheidener, vernünftiger. Markov stand für diesen Kurs wie kein anderer. Tatsächlich war er bekannt dafür, kleinlichst alles privat zu bezahlen, was nur ansatzweise als Privatvergnügen gelten könnte. War er zur Premiere eines Theaterstücks eingeladen und saß in der Riege der prominenten Gäste: Markov zahlte selbst. Verknüpfte er einen beruflichen Termin in Frankfurt (Oder) mit einem Besuch bei seinem Sohn: Markov zahlte die Reise selbst. Als er Minister geworden war, gab er die Limousine seines Vorgängers freiwillig ab und entschied sich für einen kleineren Wagen – eines der wenigen Ministerautos, das die Deutsche Umwelthilfe später für seine Klimaverträglichkeit lobte. Markov, der nach 1990 zwei Firmen aufgebaut hat, gilt als finanziell unabhängig und generös, spendete regelmäßig an gemeinnützige Organisationen.

So schuf er sich sein Image als penibler Saubermann, irgendwann zelebrierte er diese unerbittliche Korrektheit regelrecht – auch gegenüber Kabinettskollegen. Er war es, der permanent auch kleinste juristische Bedenken anmeldete, wenn andere Minister neue Gesetzentwürfe vorlegten. Er war es auch, der im Jahr 2012 selbst eine Dienstwagen-Affäre lostrat. Markov ließ die Fahrtenbücher der amtierenden und ehemaligen Minister und Staatssekretäre kontrollieren. Das Ergebnis: Die meisten seien nicht detailliert genug geführt worden, bemängelte Markov und beließ es dabei nicht, sondern schaltete die Steuerbehörden ein. Etwa 20 Minister und Staatssekretäre hatten Nachzahlungen in bis zu fünfstelliger Höhe zu entrichten. Dass Markov seine Kollegen gegen sich aufgebrachte hatte – offenbar bestärkte ihn das nur. Er arbeitete genau, er machte nun sich selbst zum Maßstab. Und verkaufte der Bevölkerung auf diese Weise seine rigide Sparpolitik: Seht her, auch Minister kriegen nichts geschenkt.

Nun gab es vorige Woche, als Markov in seiner Dienstwagen-Affäre steckte, wenige im Kabinett, die ihn leidenschaftlich unterstützten. Ein Image zu haben kann hilfreich sein in der Politik. Aber Markov hat sich eines geschaffen, das heroischer erschien, als er selbst sein konnte.

Das ist erst recht gefährlich in einem Land wie Brandenburg, in dem so viele Skandale an die Öffentlichkeit kommen. Man braucht sich nur die Rücktritte der vergangenen Jahre anzusehen: 2013 musste der damalige Linken-Justizminister Volkmar Schöneburg gehen, weil er einen ehemaligen Mandanten, der im Gefängnis saß, heimlich unterstützt haben soll. Der SPD-Bildungsminister Holger Rupprecht trat 2011 zurück, weil er als Minister mit einem Leihauto in den Winterurlaub gefahren war, das er eigentlich nur auf seine Tauglichkeit als Dienstlimousine hin hatte "testen" wollen. 2010 ging SPD-Innenminister Rainer Speer, unter anderem weil er einem Bekannten Vorzugskonditionen für ein Grundstück zugeschanzt haben soll. Wahrscheinlich sind es Skandale wie diese, die dazu geführt haben, dass in Brandenburg vieles rigoroser diskutiert wird als anderswo; dass alle, auch die Presse und natürlich die Opposition, in Lauerstellung hocken. Dieses Land kommt einem bisweilen wie der Schauplatz einer Tragikomödie vor. Ein Wunder, dass sie im Landtagsschloss nicht Popcorn verteilen. "Das Lebensgefühl hier ist, im Dauerfeuer zu stehen", sagt ein Abgeordneter.

In dieser Arena der leicht Erregbaren und Kampfeslustigen hatten sich die Linken einmal vorgenommen, die Besonnensten zu sein. Aber schon vor zwei Jahren war Landeschef und Finanzminister Christian Görke in die Schlagzeilen geraten, weil er eine sehr nach Wahlkampf aussehende "Sommertour" mit Ministeriumsgeldern bezahlt hatte. Nun, da auch Minister Markov gehen musste, ist die Wir-sind-anders-Kampagne der Partei offensichtlich gescheitert. Bei der jüngsten Meinungsumfrage im März lag die Linke bei nur noch 16 Prozent – drei Punkte hinter der AfD.

Die Älteren in der Linken wittern, hier sei eine kontinuierliche Diskreditierungskampagne der anderen Parteien im Gang. Sogar Beamte aus Linken-Ministerien würden Informationen durchstechen, die dem eigenen Chef schaden. Der besagte ehemalige Linken-Minister Schöneburg soll in seinem einst CDU-geführten Haus so begrüßt worden sein: "Sie sind hier nicht willkommen." Jüngere Linke jedoch sehen ihr Dilemma pragmatischer: Wir fallen über die Hürden, die wir selbst aufgebaut haben, heißt es. So oder so: Die Linke in Brandenburg hat bewiesen, dass es schwierig ist, mit in der Regierung zu sitzen und gleichzeitig ein Außenseiter im Politikbetrieb bleiben zu können. Auch die Suche nach einem neuen Justizminister fiel ihr schwer. Alle Wunschkandidaten sagten ab, am Ende wurde es der ehemalige Landesvorsitzende Stefan Ludwig.

Und Helmuth Markov – der ist vorerst abgetaucht. Bei seinem Termin in Bad Liebenwerda hatte er noch gesagt, er könne sich das für die Zukunft als Pensionär gut vorstellen: einmal als ehrenamtlicher Schlichter tätig zu sein.