Eine nackte Frau hockt auf einem Tisch in einem Saal voller Männer. Sie wird als Hure verhöhnt, dann dürfen die Männer prügeln, bis die Frau ein Krüppel ist. So liefen die "Herrenrunden" in der Colonia Dignidad ab. Der neue Film Colonia Dignidad – Es gibt kein Zurück von Florian Gallenberger hat diese beklemmende Episode deutsch-chilenischer Nachkriegsgeschichte grell angeleuchtet: Wie der deutsche Jugendpfleger Paul Schäfer jahrzehntelang in Chile Kinder sexuell missbrauchte und Menschen endlos quälte; wie er in seinem persönlichen KZ, der "Kolonie der Würde", unter Blasmusik und Bachkantaten ein Terrorregime aufbaute; und wie er zum Folterknecht des Diktators Augusto Pinochet wurde.

Diese düstere Geschichte spielte allerdings auch in den Regierungskorridoren der Bundesrepublik. Es war die Zeit der sozialliberalen Koalition mit Willy Brandt und Helmut Schmidt im Kanzleramt, mit Hans-Dietrich Genscher als Außenminister. Es war eine Zeit, in der ein deutscher Botschafter das Terrorregime schönredete und das Auswärtige Amt bloß nicht zu viel von alledem wissen wollte. Gute Beziehungen zur chilenischen Staatsspitze waren wichtiger als die Schicksale chilenischer und deutscher Opfer. Bis heute ist die Frage offen: Was wusste die Bundesregierung damals?

Außenminister Frank-Walter Steinmeier hat Mitte dieser Woche den Weg für die Beantwortung dieser Frage geöffnet. In einer Grundsatzrede im Auswärtigen Amt sprach er von der Mitverantwortung früherer Bundesregierungen. Als bei gleicher Gelegenheit die Szenen des Films von Florian Gallenberger gezeigt wurden, erstarrten die anwesenden Opfer. Anna Schnellenkamp, die in dem Lager aufwuchs, stockten in der anschließenden Diskussion die Worte. Sie atmete schwer, dann sagte sie: "Ich muss sagen, es war noch schlimmer als im Film."

Steinmeier kündigte in seiner Rede an, das Politische Archiv des Auswärtigen Amtes bis zum Jahr 1996 zu öffnen, einschließlich der sonst stets geheim gehaltenen Verschlusssachen. Das ist kein Bonbon für ein paar interessierte Historiker, sondern ein hochpolitischer Vorgang. Zumal im Juli Bundespräsident Joachim Gauck nach Chile fährt und dort mit der Vergangenheit konfrontiert werden wird.

Politiker, Juristen und Diplomaten der Bundesrepublik Deutschland haben in den Jahrzehnten der Schreckensherrschaft in Chile Schuld auf sich geladen. Um das aufzuklären, verlangen Forscher seit vielen Jahren Einsicht in die Akten der Bundesregierung, unter Aufhebung der dreißigjährigen Schutzfrist, die heute noch den Blick in die Archive nach 1986 verwehrt. Jan Stehle vom Berliner Forschungs- und Dokumentationszentrum Chile-Lateinamerika verklagte das Auswärtige Amt vor einigen Jahren auf Aktenöffnung. Nach einer außergerichtlichen Einigung mit dem Außenministerium durfte er die Akten der Botschaft in Santiago de Chile bis 1999 einsehen, aber nicht die Dokumente in Berlin. Schon die Archive in Chile zeigten, sagt Stehle, "dass viel Leid hätte verhindert werden können, wenn die deutsche Regierung früher gehandelt und das Auswärtige Amt besser informiert hätte". Die deutsche Justiz hätte einschreiten, die Bundesregierung wirtschaftlichen Druck auf Chile ausüben können, fügt Stehle hinzu. Stattdessen konnte Schäfer sein Terrorregime unbehelligt fortführen.

Der pädophile Lagerbetreiber profitierte vom Kalten Krieg. Die USA zogen den Putschisten Pinochet dem von Moskau unterstützten Präsidenten Salvador Allende vor. Die Bundesrepublik stellte sich dieser Linie nicht entgegen und scherte sich wenig um Menschenrechtsverletzungen. Nach Lateinamerika entsandte das Auswärtige Amt manchen Botschafter, der noch im Kaiserreich geboren war, linke Revolutionsrhetorik verabscheute und entzückt war, wenn er adrette Mädels mit Zopf und Jungs mit sauber kurz geschorenem Kopf sah. Erich Strätling beispielsweise, deutscher Botschafter in Chile, lobte die Colonia Dignidad, als er Paul Schäfer besuchte. Die Botschaft verlieh der Kolonie das Prädikat "ordentlich und sauber – bis zu den Schweineställen". Minderjährige Schutzsuchende schickte die Botschaft zurück in die Kolonie. Vom deutschen Staat erhielt Schäfer für seine inhaftierten Opfer sogar Rentenzahlungen in Millionenhöhe. Auch von der deutschen Opposition kam Rückenwind. Mehrere CSU-Politiker besuchten die Colonia Dignidad in den siebziger Jahren. Dieter Blumenwitz, Juraprofessor und CSU-Mitglied, arbeitete einen Verfassungsentwurf für Pinochet aus und verteidigte die Colonia Dignidad gegen Amnesty International.

Die Beziehungen zum Regime waren engmaschig. Der chilenische Geheimdienst hatte ein Verbindungsbüro in Starnberg. Bayerische Rüstungsbetriebe machten gute Geschäfte mit Pinochet. Ein Mitarbeiter des BND, der Ex-SS-Offizier und Waffenhändler Gerhard Mertins, verkaufte ausrangierte Bundeswehr-Waffen an Pinochets Chile – und betrieb einen "Freundeskreis Colonia Dignidad". Nach dem Sturz Pinochets verhinderte oder verschleppte die deutsche Justiz die Strafverfolgung. Schäfer wurde 2005 in Chile verurteilt und starb 2010. Aber einige seiner Helfershelfer leben noch heute unbehelligt in Deutschland.

Außenminister Steinmeier unternimmt nun einen Versuch, die Vergangenheit aufzuarbeiten. "Über viele Jahre hinweg, von den sechziger bis in die achtziger Jahre haben deutsche Diplomaten" nach Meinung Steinmeiers "eindeutig zu wenig für den Schutz ihrer Landsleute in dieser Kolonie getan". Es sei nur einzelnen Diplomaten wie dem heutigen Leiter der Wirtschaftsabteilung des Außenministeriums Dieter Haller zu verdanken, dass die Botschaft in Chile ihren Kurs änderte. Haller war in den achtziger Jahren dort. Der Fall Colonia Dignidad soll in Zukunft zu einer Unterrichtseinheit in der Diplomatenausbildung werden.

Chile - Opfer der Colonia Dignidad fordern Gerechtigkeit Es ist 18 Jahre her, seit Winfried Hempel aus der berüchtigten Sektensiedlung Colonia Dignidad in Chile entkam. Heute ist Hempel Rechtsanwalt und arbeitet im Namen von 120 ehemaligen Koloniebewohnern an zwei Sammelklagen gegen Chile und Deutschland.

Jan Stehle hofft indessen auf noch weitere Möglichkeiten zur Aufklärung. Er glaubt, dass auch die Aktenbestände des Kanzleramts und vor allem des Bundesnachrichtendienstes (BND) erhellen können, was die Bundesregierung damals wirklich wusste. Doch Kanzleramt und BND schweigen bisher zur Akte Colonia Dignidad.