Daniel Libeskind genügt ein Stift, um eine Stadt aus Wolkenkratzern und Häuserschluchten zu erschaffen. Und ihm reicht dafür ein kleiner Tisch im Jüdischen Museum Berlin, jenem Gebäude, das er 1989 entworfen und das ihn berühmt gemacht hat. Libeskind, 1946 als Kind jüdischer Arbeiter in Polen geboren, gehört zu den renommiertesten Architekten der Welt. Heute wird er 70 Jahre Leben malen und Dimensionen wie Glück und Vermögen in Kurven darstellen. Noch während Ehefrau Nina Croissants besorgt, liegt vor ihm die erste Linie, sie ist ungewöhnlich gezackt – wie viele der Gebäude, die der Dekonstruktivist Libeskind schon errichtet hat.

DIE ZEIT: Herr Libeskind, was fühlen Sie, wenn Sie das Jüdische Museum in Berlin besuchen?

Daniel Libeskind: Ich spüre, wie das Gebäude Sinn für Solidarität in einer Welt stiftet, die so zerrissen ist von Bigotterie und Hass. Ich spüre auch den jüdischen Geist der Hoffnung, der den Katastrophen der Geschichte trotzt und weiter brennt. Berlin ist ein Emblem dafür: eine Stadt, die sich selbst zerstört hat – und nun ein neues Leben symbolisiert.

ZEIT: Sonst schimpfen Sie oft über die einfallslose Architektur in Berlin.

Libeskind: In der Tat bin ich immer perplex, wenn ich hier bin. Warum tritt diese Stadt der Kreativen nicht aus dem Schatten der Behörden, die das Ästhetische so sehr regulieren und beschränken?

ZEIT: Berlin baut gerade sein barockes Stadtschloss wieder auf, und Rem Koolhaas soll dem bekannten Nobelkaufhaus KaDeWe ein gläsernes Panoramadach verpassen. Sind das richtige Schritte?

Libeskind: Was soll schlecht daran sein, dass ein Kaufhaus renoviert wird? Ich gehe gern shoppen. Das Stadtschloss wird entgegen allen Versprechungen am Ende den Steuerzahler viel Geld kosten. Aber wird es zur Berliner Stadtentwicklung entscheidend beitragen?

ZEIT: In der Chausseestraße entsteht gerade ein Wohnhaus, das Sie entworfen haben. Wie schwer war es, sich gegen die Bürokraten durchzusetzen?

Libeskind: Die Zusammenarbeit war sehr gut, auch weil wir die Regularien grundsätzlich befolgt haben. An der Ecke durften wir die vorgeschriebene Gebäudehöhe etwas überschreiten. Ansonsten ist es ein normales Apartmentgebäude, nicht mehr.

ZEIT: Ernsthaft? Sie haben es Sapphire getauft, und so exquisit wie ein Edelstein sieht es auch aus.

Libeskind: Ein Saphir ist etwas Unzerstörbares und hat eine magische Natur. Genau wie das Gebäude: Die Fassade ist eine Keramik-Titan-Verbindung, sie kann CO₂ in Sauerstoff verwandeln.

ZEIT: Kann das Material helfen, um in Zukunft im großen Maßstab nachhaltigere Städte zu bauen – oder ist es zu teuer für normale Architektur?

Libeskind: Der Aufpreis gegenüber handelsüblichen Fliesen ist marginal. Und sicher, wenn das Material breite Verwendung findet, kann es zur Nachhaltigkeit im Städtebau beitragen. Es streut außerdem das Licht, das gibt dem Gebäude Ausstrahlung in der Düsterkeit hier. Nicht großartige Museen sind für mich die größte Herausforderung, sondern etwas zu erschaffen, in dem man gerne lebt.

Großen Erfolg hatte Libeskind erst mit über vierzig, wie seine Geldkurve zeigt. Dafür war seine Glückskurve dank Frau und Kindern stabil. Ohne Familie wäre sie abgestürzt (gestrichelte Kurve) © ZEIT-GRAFIK

ZEIT: Im Sapphire zu leben wird sicher nicht billig.

Libeskind: Die Frage nach dem Preis müssen Sie den Projektentwicklern stellen, nicht mir. Auf dem Richtfest habe ich viele Künstler und Musiker getroffen, die dort einziehen – keine Neureichen.

ZEIT: Sie haben schon vor mehr als einem Jahr angekündigt, in Berlin auch ein Projekt im sozialen Wohnungsbau zu machen. Wann ist es so weit?

Libeskind: Wir haben noch nicht das richtige Grundstück gefunden, um Wohnraum zu bauen, der für Niedrigverdiener erschwinglich und zugleich gut für sie ist.