Wie schön wäre das, könnte man zum Arzt gehen, in so eine moderne Praxis mit teuren weißen Geräten, und dort würden einem all die Unzulänglichkeiten, die man seit Jahren anhäuft, einfach rausoperiert, das ganze Verliererdasein, einfach wegbehandelt. Für den Amerikaner Alan Clay, Mitte 50, freier Mitarbeiter im Vertrieb eines Technologiekonzerns, sieht es kurz so aus, als erfülle sich dieser Wunsch, auf einer Geschäftsreise in Saudi-Arabien. Das geschieht ungefähr in der Mitte von Tom Tykwers neuem Film Ein Hologramm für den König, der Verfilmung des gleichnamigen Romans von Dave Eggers. Da lässt sich Clay aus seinem Hotel in eine Klinik fahren, weil er am Rücken einen Hubbel spürt, prall und straff wölbt dieses Ding seine Haut. Vielleicht, denkt Clay, ist der Hubbel ja der Grund dafür, dass alles so schrecklich schiefläuft. Er sei tollpatschig geworden, erzählt er der Ärztin. Es fehle ihm an Kraft und auch an Orientierung. Tom Hanks spielt Clay und legt während der Anamnese sein bestes Tom-Hanks-Gesicht auf, die Wangen hängend wie die eines Basset-Hound-Welpen.

Tykwer, der Regie geführt und das Drehbuch geschrieben hat, setzt an den Anfang des Films eine Szene, ein kleines Musikvideo, das erklärt, warum Clay, der ausgemusterte Versager, beispielhaft für eine ökonomische Misere steht. Der Talking-Heads-Song Once in a Lifetime ist zu hören, und Alan Clay singt einen leicht variierten Text: "You may find yourself without a beautiful house, without a beautiful wife." Im Hintergrund verschwinden, plopp, sein Haus, sein Auto, seine Frau. Die Bilanz eines Lebens. Ein paar falsche Entscheidungen und eine Finanzkrise reichten aus, und plötzlich war Clay seinen gut bezahlten Managementjob los. Nicht einmal das College der Tochter kann er noch zahlen. Aber eine letzte Chance bekommt er noch. Er soll mit einem Team nach Saudi-Arabien reisen, um dort dem König für eine neue Retortenstadt in der Wüste ein ausgefeiltes Kommunikationssystem zu verkaufen, sogar eine Hologrammtechnologie ist im Angebot enthalten. Die Provision für das Geschäft könnte Clay retten.

Der Auftrag gestaltet sich schwieriger als gedacht. Als Clay in Saudi-Arabien zum ersten Mal die neue Stadt besuchen will, scheint die nur aus einem einsamen Eingangstor mitten in der Wüste zu bestehen. Ein Wachmann sitzt ganz allein in der Hitze, vor der es keinen Schutz gibt. Nur ein aufblasbares Planschbecken hat er, in dem er seine Füße kühlt. Auf der Baustelle in diesem Landschaft gewordenen Nichts, in dem der König angeblich eine Millionenmetropole errichten lässt, herrscht der Stillstand. Clay bereitet die Präsentation vor, aber keiner weiß, wann der König kommt. Oder ob überhaupt. Niemand fühlt sich zuständig, immer wieder muss Clay, der Vertreter, sich und seine ganze Vertreterkunst geschlagen geben. Von Rezeptionisten und Vorzimmerpersonal abgewiesen, vertröstet auf morgen.

Hier käme also alles zusammen: eine schlaue Romanvorlage von Kritikerliebling Eggers, das Gesicht von Tom Hanks, der so ambitionierte wie talentierte Regisseur Tykwer. Eigentlich müsste Ein Hologramm für den König ein sehr guter Film sein, einer, der als Beispiel dafür gelten könnte, wie sich im Mainstream-Kino von der politischen und ökonomischen Gegenwart erzählen lässt. Davon, wie alles miteinander zusammenhängt – der Abstieg der amerikanischen Mittelschicht mit einem Geisterstadtprojekt in der saudi-arabischen Wüste, die Hologrammtechnologie, die Clay verkaufen soll, mit seiner tiefen Depression, die Reisekomödie mit dem Wirtschaftsdrama. Eigentlich müsste das so sein. Irgendetwas stimmt aber nicht.

Die Retortenstadt-Baustelle zum Beispiel. Sie soll Symbol sein für enttäuschte Hoffnung, verlorene Zukunft, für den Spätkapitalismus, wie er sich dem Ausgemusterten Clay darstellt. Es gibt ein reales Vorbild für dieses Projekt, die King Abdullah Economic City, im Bau seit 2005. Im Internet gibt es zahlreiche Entwürfe, mit ihren Kanälen, Hochhäusern und Brücken sehen sie sehr einnehmend aus. Bei Tykwer wirken die Bilder dieser Stadt in spe aber leer, ein paar einsame Gebäudeklötze in ewiger Wüste. In der Buchvorlage glaubt Clay zumindest kurz an die Zukunftsstadt, beim Spaziergang am Meer, dort, wo irgendwann einmal eine Strandpromenade entstehen soll. Oder als ihm ein schwimmbeckengroßes Modell der fertigen Stadt gezeigt wird. Im Film taucht das Modell auch auf, die Kamera wischt aber nur einmal kurz darüber, die Vision hinter der Stadt wird nie in Szene gesetzt. Eine Vision, die Clay dann immerhin so enttäuscht, dass er zum Arzt muss.

Diese Enttäuschung hingegen zeigt uns Tykwer doppelt und dreifach, bis sie uns praktisch gar nicht mehr berührt. Einmal sieht Clay Arbeiter, die gerade eine schöne neue Straße fegen, die durchs Nichts führt. Sie fegen den Wüstensand weg, der sofort wieder zurückgeweht kommt. Statt dieses Bild ein paar Sekunden länger stehen zu lassen, bis es seine Wirkung entfaltet hat, schneidet der Film schnell zurück zu Clay, der zusammen mit seinem saudischen Fahrer Yousef (Alexander Black) die Szene noch einmal kommentiert: "Sie fegen Sand in der Wüste!"

Während die Geschichte, die der Film erzählt, von Lethargie und Warten handelt, von Wüstensand im Wind, braust die Inszenierung unpassend unruhig herum, setzt auf Montagen, Rückblenden, surreale Sequenzen. Tykwer scheint manchmal seine Leichtigkeit zu verlieren und zu verkrampfen, weil er eine Perspektive, eine Einstellung finden will, aus der heraus alles Sinn ergibt – oder aus der die Absurdität wenigstens trostreich auf einen Punkt zu bringen wäre.

Auch die neuen Beziehungen, die Clay knüpft, eröffnen leider keine neuen Blickwinkel. Die Freundschaft zwischen Clay und Yousef bleibt auf dem Niveau einer Hollywood-Sommerkomödie – westlicher Tourist lernt viel über sich selbst bei Begegnung mit herzensgutem Einheimischen. Auch die Liebesgeschichte, die sich zwischen Clay und der saudischen Ärztin Zahra (Sarita Choudury) entwickelt, ist leider, was keine Liebesgeschichte sein sollte: zu oft zu unglaubwürdig.

Zahra lernt Clay kennen, als sie den Handlungsreisenden vor dem Tod bewahrt. Sie entfernt ihm die Beule am Rücken, es war tatsächlich Krebs in einem frühen Stadium. Aber natürlich wird Clay die eigenen Unzulänglichkeiten nicht so einfach los. Er vermisst den Hubbel, wehmütig schreibt er Zahra: "Diese kleine Wucherung hat alles erklärt – und jetzt ist sie weg."

Womöglich liegt die Schuld daran, dass Ein Hologramm für den König nur ein netter Film geworden ist und alle großen Erwartungen nicht erfüllen kann, am Ende gar nicht bei Tykwer. Womöglich hat niemand Schuld. Die Suche nach einem trostreichen Bild, nach einer hilfreichen Perspektive – vielleicht muss sie einfach genauso enttäuscht werden wie Clays Hoffnung, dass ein einzelner Hubbel an seinem Rücken alle Probleme erklärt.

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