DIE ZEIT: Frau Ahnert, was treibt eine deutsche Bindungsforscherin nach Afrika?

Lieselotte Ahnert: Ein Sprichwort.

ZEIT: Leicht zu erraten, welches: "Es braucht ein ganzes Dorf, um ein Kind großzuziehen." Für deutsche Eltern klingt dieser Satz stets wie ein großer Vorwurf an die Kleinfamilie, die dazu meist auch noch in einer Großstadt lebt ...

Ahnert: ... wo das Dorf durch Krippe und Tagesmutter ersetzt wird. Dieses Sprichwort steht inzwischen für den Zweifel an unserer Art der Kindererziehung. Wir wollten wissen: Müssen wir uns diesen Satz wirklich noch zu Herzen nehmen, oder ist er nur Illusion?

ZEIT: Warum haben Sie die Antwort darauf ausgerechnet in Malawi gesucht?

Ahnert: Wir waren an jenem Teil von Afrika interessiert, von dem Anthropologen sagen, dass er sehr vergleichbar sei mit dem Europa vor ein paar Hundert Jahren. In den Savannendörfern von Malawi gibt es keinen Strom, kein Wasser – die Frauen müssen kilometerweit laufen, um es zu holen. Die Kinder wachsen dort in sehr ursprünglichen Familiensystemen auf, sodass sich natürlichste Formen von Betreuung beobachten lassen. Wir wollten erforschen, wie im Vergleich dazu die Zivilisation hierzulande das Zusammenleben in unseren Familien verändert hat.

ZEIT: Wie sind Sie vorgegangen?

Ahnert: Wir haben mit Partnern der Universität Zomba in Malawi zusammengearbeitet, eine Professorin und mehrere Studenten für das Projekt gewonnen. Ohne sie wäre die Kommunikation mit den Familien gar nicht möglich gewesen. Die Interviews wurden in der Landessprache Chichewa geführt, aufgenommen und erst später durch eine Muttersprachlerin übersetzt. Bei der Auswahl der Familien in den Savannen-Regionen rund um Zomba waren wir auf die Dorfältesten angewiesen. Die mussten wir umgarnen und mit Geschenken für uns gewinnen. Sie sprachen dann mit den Eltern und überzeugten sie, teilzunehmen. Ich hätte nie damit gerechnet, dass wir 90 Familien für unsere Studie zusammen bekommen.

ZEIT: Was genau hat Sie am Leben dieser Familien interessiert?

Ahnert: Der Tagesablauf. In welcher Zeitstruktur läuft ihr Leben ab? Wer ist wo und wann mit dem Kind beschäftigt? Welche Bindungen geht das Kind ein, und welche Qualität haben die Beziehungen zu Mutter, Vater, Großmutter und anderen Familienmitgliedern? Gleichzeitig wollten wir herausfinden, wie die Mütter in Malawi denken, welche Glaubenssysteme dem Umgang mit dem Kind zugrunde liegen. Was es für sie überhaupt bedeutet, Mutter zu sein. Entscheidend war schließlich die Frage, welche Strukturen sich für die Entwicklung des Kindes als besonders förderlich erweisen.

ZEIT: Ob das Dorf wirklich entscheidend für sein Aufwachsen ist?

Ahnert: Ja, und ob das Kind von einer multiplen Betreuung profitiert. Damit haben wir uns dem hierzulande viel diskutierten Thema der Fremdbetreuung von einer neuen Seite genähert. Wie entwickelt sich das Kind in der Obhut eines Familiensystems aus Oma, Tante, Onkel, Cousinen, von denen es meist nur geteilte Aufmerksamkeit erfährt – aber keine exklusive Zuwendung, wie wir das in Europa für das Aufwachsen unserer Kleinkinder bevorzugen. Hier herrscht ja die Meinung vor, entscheidend sei, sich dem Kind intensiv zu widmen, an seinem Spiel Anteil zu nehmen, sich auch mal zu ihm runterzubeugen, seine Perspektive einzunehmen. Deshalb betrachten wir die Fremdbetreuung im frühen Kleinkindalter so kritisch. Dieses Gewusel in den Krippen: Kann das gut sein?

ZEIT: Der Fokus Ihrer Beobachtung lag auf sehr kleinen Kindern?

Ahnert: Uns interessierten die Kinder zwischen 15 und 30 Monaten. Das ist beim Thema außerfamiliäre Betreuung das kritische Alter. Nicht erst seit dem Ausbau der Krippen- und Tagesmütterplätze fragen wir uns: Was tun wir dem Kind da an?

ZEIT: Haben es die Kinder in Malawi besser?

Ahnert: Wie gut es ihnen geht und wie weit sie entwickelt sind, hängt stark von der Familienkonstellation ab. Wir haben zwei Typen von Betreuungssystemen gefunden. In der Mehrheit wuchsen die Kinder in der Familie der Mutter auf, sehr nah bei der Großmutter und den Tanten. Wir nennen diese Betreuungsform matrilokal. Bei 20 der 90 Familien aber haben wir ein anderes Muster gefunden. Die Mütter mussten dort zur Familie ihres Mannes ziehen, weil die Schwiegermutter das Feld nicht mehr bewirtschaften kann oder die Familie nicht mehr aus so vielen Personen besteht. Diese Systeme bezeichnen wir als patrilokal.