Es war eine Bestattung, der die Klasse fehlte: Den großen Verlierern SPÖ und ÖVP gelang es am Sonntag nach dem Wahldebakel nicht, den für ein anständiges Begräbnis notwendigen Stil und die erforderliche Würde aufzubringen. Ein wehleidiger Verweis auf den Sündenbock Meinungsforschung da, eine Schuldzuweisung an den Koalitionspartner dort. SPÖ und ÖVP ließen in dieser Phase der Erosion ihrer einstigen Hegemonie jene Größe vermissen, die ihrer historischen Bedeutung entsprochen hätte.

Man zeigte keine Einsicht, dass die Strategie gescheitert ist, sich als "FPÖ light" zu präsentieren. Es gab auch keinen Versuch, sich einzugestehen, wie sehr die Anpassung an freiheitliche Positionen dazu geführt hat, dass am Ende zwar viele wussten, warum sie Norbert Hofer, Alexander Van der Bellen oder Irmgard Griss wählten, nicht aber, warum sie ihr Kreuz bei Rudolf Hundstorfer oder Andreas Khol machen sollten. Das mag man Polarisierung nennen. Das kann man aber mindestens ebenso gut als eine Besinnung auf Werte sehen.

Hundstorfer und Khol repräsentierten die als Flexibilität verkaufte Prinzipienlosigkeit ihrer Parteien. Niemand vermochte so recht zu erkennen, wofür sie standen. Hofer, Van der Bellen, Griss hingegen wurden als Personen wahrgenommen, die klare Inhalte vertraten. Dafür wurden sie am 24. April belohnt. Abgestraft wurde, wer keine Ecken und Kanten zeigte. Und das ist insgesamt keine schlechte Botschaft.

Die Regierungsparteien können einwenden, Österreich gehe es – vergleichsweise – unter Rot-Schwarz nicht schlecht. Die Kritik an der Politik der Koalition, das sei "Jammern auf hohem Niveau". Und beide Parteien können auch versucht sein, ihre Farblosigkeit als Tugend zu interpretieren und dies dem "Extremismus" ihrer Gegner gegenüberzustellen. Insgesamt jedoch hat die Ohrfeige, die schallender nicht hätte sein können, eine einzige zentrale Botschaft: Es ist Zeit für eine Wende.

Ein berechtigter Einwand dagegen lautet, dass über einen grundlegenden Wandel erst dann ernsthaft gesprochen werden kann, wenn man wüsste, wohin die Reise führt. Und da hat der eindeutige Wahlsieger des Sonntags, der freiheitliche Kandidat, allen einiges zugemutet.

So war Norbert Hofers Ankündigung am Wahlabend, er wolle als Bundespräsident Österreich bei "europäischen Gipfeltreffen" vertreten, ziemlich wirr: War etwa der Europäische Rat gemeint, bei dem Österreich durch den Bundeskanzler vertreten wird? Das passt zu Hofers Ansage, man würde sich "noch wundern, was alles möglich sein wird", sobald er in der Präsidentschaftskanzlei residiere.

Hofer, der sanfte Freiheitliche als Vertreter einer österreichischen Nation? Natürlich, sagt der Burschenschafter Hofer und akzeptiert damit eine Begrifflichkeit, die in der FPÖ bis vor Kurzem noch auf heftige Ablehnung gestoßen war.

Teil der Selbstdarstellung Hofers ist es auch, immer wieder die guten Beziehungen zu Israel herauszustreichen. Aber als er in der "Elefantenrunde" des ORF zum 8. Mai 1945 befragt wurde, sprach er von dem Recht, an diesem Tag der Toten zu gedenken. Er schrieb damit das rechte Narrativ von einem Tag der Niederlage fort. An die auch und vor allem jüdischen Überlebenden der NS-Vernichtungsmaschinerie, die das Datum als Tag der Befreiung und eines neu geschenkten Lebens erfahren hatten, an die dachte der sich so pro-zionistisch profilierende Hofer bestimmt nicht. Spätestens da wurde klar, dass es in der FPÖ und bei Hofer nicht den geringsten Ansatz zu einer selbstkritischen Debatte über die NS-Wurzeln der Partei gibt.

Doch zurück zum Armenbegräbnis. Denn es wurde endgültig der Anspruch zu Grabe getragen, dass SPÖ und ÖVP Volksparteien seien. Die Volkspartei des 24. April heißt FPÖ. Sie hat zwar in manchen Segmenten der Gesellschaft noch Mobilisierungsprobleme – am deutlichsten bei jüngeren und urbanen Frauen. Aber gemessen an SPÖ und ÖVP ist klar: Die einzige Volkspartei Österreichs sind heute die Freiheitlichen, und das wird noch einige Zeit so bleiben.