Es ist wahrscheinlich die größte und unglücklichste Dichterliebe des 20. Jahrhunderts. Sie begann bald nach dem Krieg in Wien, im Winter 1948, endete zum ersten Mal im Winter 1950, flammt sieben Jahre später wieder auf, so heftig wie nie, und endet endgültig, traurig und verzweifelt, im Sommer 1958.

Es gibt – völlig unvorstellbar in unserer bildbesessenen Epoche – nur einen einzigen Schnappschuss des hohen Paares der deutschsprachigen Nachkriegslyrik. Das Foto zeigt Ingeborg Bachmann und Paul Celan als frisch entdeckte Wunderkinder des deutschen Literaturbetriebs, der damals gerade dabei war, sich selbst aus dem intellektuellen Nichts neu zu erfinden. Sie sitzen, 32 und 26 Jahre alt, im Mai 1952 in Niendorf an der Ostsee auf schwerem Gestühl vor leeren Tellern, nachdem sie beide gelesen haben vor den Herren der Gruppe 47. Zwei Monate zuvor hat Celan der Bachmann einen Abschiedsbrief geschrieben, einen von vielen. Er sei oft genug, schrieb er, "schonungslos" mit seiner Geliebten "ins Gericht" gegangen, nunmehr sei klar, "dass nur die Freundschaft" zwischen den beiden möglich sei, "das Andere", womit er wohl die Liebe meint, sei "unrettbar verloren". Einen geschenkten Ring aus dem Celanschen Familienerbe hatte sie ihm bereits zurückgeben müssen. An dem Abend, an dem das Foto geschossen wurde, war eigentlich schon alles vorbei.

Celan heiratet noch im selben Jahr die französische Grafikerin Gisèle de L’Estrange. 1955 kommt der Sohn Eric in Paris zur Welt. Etwa zur selben Zeit unterzieht sich die österreichische Studentin Britta Eisenreich nach einer Liebesaffäre mit Celan einer Abtreibung in Berlin. Ingeborg Bachmann geht mit dem Komponisten Hans Werner Henze nach Italien. Es folgen fünf Jahre Funkstille. "Ich habe alles auf eine Karte gesetzt und habe verloren", schreibt Ingeborg Bachmann tief verletzt. Die schwierige Liebe zwischen dem bedeutendsten deutschsprachigen Nachkriegsdichter und der bedeutendsten österreichischen Nachkriegsautorin ist gescheitert.

Dann kommt der 11. Oktober 1957. Der deutsche Literaturbetrieb, auch damals schon fleißig, führt Ingeborg Bachmann und Paul Celan wieder zusammen. Beide nehmen an einer dreitägigen Tagung zur Literaturkritik in Wuppertal teil. Am 14. Oktober verbringt das Paar eine Nacht in einem Hotel in der kleinen Straße "Am Hof" unweit des Rheins.

Es muss ein Erdrutsch gewesen sein. In den Briefen der beiden, die im Jahr 2008 von Bertrand Badiou, Hans Höller, Andrea Stoll und Barbara Wiedemann unter dem Titel Herzzeit herausgegeben wurden, ist das Nachbeben zu spüren. Celan überschüttet die wiedergefundene Geliebte mit Gedichten: Weiss und Leicht, Rheinufer, Köln, Am Hof. Beinahe täglich läuft er, zurück in Paris und bei Gisèle, zum Briefkasten, um eine neue Gedichtdepesche nach München zu schicken, wo Ingeborg Bachmann vorübergehend eine "feste Stelle" als Dramaturgin beim Bayerischen Fernsehen bekleidet. Aus München zurück kommt zunächst: nichts. Dann, zwei Wochen nach der Liebesnacht am Rhein, ein erster Brief der Bachmann und ihr Entschluss: "Du darfst sie und Euer Kind nicht verlassen."

Man konnte bisher nur vermuten, dass es in dieser Hochphase des Briefwechsels ein Missing Link geben musste, das ein wenig Licht in das Dunkel bringt, in dem die aufsehenerregendste Liebesgeschichte der deutschsprachigen Nachkriegsliteratur, die im Oktober 1957 zum ersten und einzigen Mal einer glücklichen Wendung nahe war, erneut scheiterte. Jetzt hat man das Missing Link gefunden: Auf dem Dachboden der Familie Bachmann in Klagenfurt lagen gut versteckt in einer Mappe zwischen Schulheften und Zeitungsausschnitten, die man als bedeutungslos eingestuft hatte, zwei außergewöhnliche Briefe Paul Celans, die er seiner Geliebten kurz nach der Kölner Nacht im Oktober 1957 geschrieben hat.

Wie kamen die Briefe auf den Klagenfurter Dachboden? Die Tübinger Literaturwissenschaftlerin Barbara Wiedemann, die sich durch ihre Herausgebertätigkeit für die kommentierte Gesamtausgabe der Gedichte Celans und verschiedene Celan-Briefwechsel, unter anderem den mit Gisèle Celan-Lestrange, große Verdienste erworben hat, beantwortet die Frage, warum Ingeborg Bachmann das wichtigste Zeugnis dieser Liebe bei ihren Eltern versteckt hat, durchaus plausibel: "Offensichtlich sollten diese Briefe, die die einzigen sind, aus denen hervorgeht, dass Celan beabsichtigte oder in Erwägung zog, zu ihr zu ziehen und seine Familie zu verlassen, nicht mehr auftauchen." Die Celan-Forscherin wusste seit Langem von der Existenz zumindest eines dieser Briefe: "Wir haben uns immer gefragt, warum verschwindet so ein Brief? Dafür gab es nur zwei Möglichkeiten. Entweder war er so wichtig, dass Ingeborg Bachmann ihn immer bei sich trug. Oder er war so beunruhigend, dass er vernichtet wurde. Nun kommt eine dritte Möglichkeit ins Spiel: Sie hat ihn gut versteckt."

Die beiden Briefe bestehen aus vielen Einzelblättern, auf manchen stehen nur ein paar Worte. Auf einem Blatt steht "Ingeborg, Liebste", auf dem nächsten "Gisèle ist jetzt ruhig". Das sind offensichtlich Dinge, sagt Barbara Wiedemann, "die nicht auf einem Blatt stehen konnten. Celan wirkt wie vom Schlag getroffen, grenzenlos verliebt und völlig durcheinander."