Manchmal, sagt Britta Herrmann, erinnere sie sich an früher, an die Zeiten vor der Flüchtlingskrise. Daran, wie hoch die Ansprüche damals gewesen seien. Die Grünen seien "die Partei der dezentralen Unterbringung" gewesen. Das Credo: nie mehr als 60 Flüchtlinge pro Unterkunft. Bei höherer Belegung an einem Ort werde die Integration erschwert, erklärt Herrmann, die die Grünen-Fraktion in Harburg führt.

60 Flüchtlinge pro Unterkunft, ob das heute noch möglich wäre? Herrmann wiegt den Kopf. Die Zeiten seien andere, sagt sie, und man müsse Kompromisse eingehen. Aber Massenunterkünfte, wie der Senat sie derzeit plane? Mit Hunderten Flüchtlingen pro Quartier? "Die Idee muss doch bleiben, die Flüchtlinge so zu verteilen, dass sie sich integrieren können."

Britta Herrmann zweifelt an der Politik ihres Bürgermeisters Olaf Scholz und ihrer Parteifreunde im Rathaus. Und sie will, dass sich etwas ändert: "Ich kann nicht nachvollziehen, dass nur noch die große Dimension gedacht wird und dabei der Mensch verloren geht", sagt sie. Deshalb hat die 52-Jährige gemeinsam mit ihren vier Fraktionskollegen eine Initiative für die Bezirksversammlung formuliert, Titel: GRÜNE Fraktion Harburg will eine Kampagne zur Entwicklung von Alternativen zu Großunterkünften.

Es ist eine Aktion mit Symbolkraft: Erstmals wendet sich ein Bezirksverband einer Regierungspartei gegen die Flüchtlingspolitik des Senats. Alternativen zu Großunterkünften finden: Das ist die Kernforderung des Dachverbands "Initiativen für erfolgreiche Integration Hamburg", eines erbitterten Gegners der rot-grünen Senatspolitik. Aus diesem Lager heißt es folglich auch: Man sehe mit Freude, dass sich nun auch Grüne dem Widerstand anschlössen.

Es geht auch anders, sagt die Seite der Senatskritiker – nein, geht es nicht, zumindest nicht schnell genug, erwidert die Regierung: Im Streit zwischen Senat und Initiativen sind die Harburger Grünen so etwas wie Überläufer. Sie sagen: Vielleicht geht es ja tatsächlich anders. Und das würde bedeuten: Die Regierung ist in dieser Frage nicht glaubwürdig.

Britta Herrmann ist keine erfahrene Politikerin. Die Pädagogin ist erst seit vier Jahren Parteimitglied, seit ihre Kinder aus dem Haus sind. Die Sprengkraft ihrer Initiative scheint ihr nicht klar zu sein. Es liege ihr nichts an einem Eklat, sagt sie, schon gar nicht als Selbstzweck. Sie glaubt nur: "Wenn es so viele gerichtliche Klagen gegen Großunterkünfte gibt, ist das doch ein Punkt, an dem man seine Politik mal überdenken muss."

Tatsächlich dürfte Herrmann mit ihrer Sicht der Dinge nicht allein sein. Fast jeder zweite Hamburger bezweifelt, dass große Unterkünfte für Flüchtlinge angemessen sind, ergab eine Umfrage des NDR. Am größten ist die Skepsis ausgerechnet unter Grünen-Wählern: 58 Prozent glauben nicht, dass Flüchtlinge in Hamburg angemessen untergebracht werden. Herrmann greift diese Stimmung auf. "Es gibt viele in der Partei, die zweifeln", sagt sie. "Ich glaube, dass wir zahlreiche stille Unterstützer haben." Solidarität mit der Partei sei wichtig, aber sie habe Grenzen. Und diese Grenze sei nun erreicht.