Wer Obamas Außenpolitik im Rückblick verstehen will, muss Jeffrey Goldbergs The Obama Doctrine im Atlantic lesen. Wer einen Blick nach vorn auf die "Große Strategie" der wohl nächsten Präsidentin werfen will, sollte sich den etwas kürzeren Text von Mark Landler im aktuellen Magazin der New York Times vornehmen. Dessen Titel ist Programm: "Wie Hillary Clinton sich zum Falken mauserte".

Obama hatte der Nation den Rückzug verordnet – aus Afghanistan und dem Irak. Er stauchte die Verteidigungsausgaben. Er stufte das Verhältnis zu den alten Verbündeten herunter und wandte sich Russland, China und dem Iran zu. Statt regime change verschrieb er sich dem nation-building at home. Clinton trug als Außenministerin alles brav mit, begann aber 2015, seit ihrem Einstieg in den Wahlkampf, die Akzente zu verschieben, um sich von Obama abzusetzen.

Robert Gates, Obamas erster Pentagon-Chef, nennt Clinton eine "toughe Lady". Vali Nasri, der ihr im State Department als Mittelost-Experte diente, stellt sie in eine Reihe mit Kennedy und Reagan, weil auch sie an das "Gewicht des Militärs" glaube, "um den Terror zu besiegen und Amerikas Einfluss in der Welt zu sichern". Mark Landler: "Im bombastischen, testosterongetriebenen Wahlkampf 2016 ist Clinton der letzte echte Falke." Zu ihren besten Beratern gehöre die Generalität.

Die Republikaner Trump und Cruz geben zwar gern laute Töne von sich, sind aber noch zögerlichere Interventionisten als Obama. Als Clinton noch im Amt war, plädierte sie für eine härtere Gangart, ob in Afghanistan, dem Irak oder Syrien – auch gegenüber der ausgreifenden Pazifik-Politik Chinas. Freilich setzte sich stets die konziliantere Haltung des Präsidenten durch. Inzwischen will Clinton eine Flugverbotszone in Syrien, die Obama strikt verweigerte.

Iran? Hier glaubt Obama an "Wandel durch Annäherung". Deshalb hat er die "Grüne Revolution" von 2009 allenfalls per Nebensatz begrüßt, dann den Atom-Deal durchgezogen. Hören wir Clinton zu. Sie will auch der "kleinsten Verletzung" mit "echten Konsequenzen" begegnen. "Inakzeptabel" seien die iranischen Raketentests, die "mehr Sanktionen" erfordert hätten. Amerika müsse dem iranischen Volk gegen die Despoten beistehen. "Wir sollten stets jene unterstützen, die Reformen fordern."

Trump und Cruz gehören zur "Feuerwehr-Schule" der amerikanischen Strategie: hin mit Getöse, alles unter Wasser setzen und weg. Um die dauerhafte Befriedung mögen sich andere kümmern. So war's in Libyen: bombardieren und wieder abdrehen. Hier ließ Clinton im Februar eine andere Strategie erkennen. Wenn schon Gewalt, dann mit langem Atem – wie in Deutschland, Japan und Südkorea, wo die Demokratie unter dem amerikanischen Schirm Wurzeln schlagen konnte. Immer wieder beschwört Clinton enge Beziehungen zu den Verbündeten.

Wahlkampfgeplauder? Gewiss doch. Wieso aber gibt Clinton den Falken, wo sie Obama im Vorwahlkampf 2008 von links attackiert hatte? Die Stimmung des Wahlvolkes scheint sich zu drehen. Make America great again!, röhrt Trump. Clinton hat sich auf ihn schon eingestellt. Ihr außenpolitischer Chefberater Jake Sullivan hat der New York Times eingeschärft: "Clintons muskulöse Außenpolitik passt heute besser in die Landschaft als vor acht Jahren" – nach den Geländegewinnen von Putin, dem IS, China und dem Iran.