Der schönste Platz im Boot, das wussten schon Leonardo und Kate, ist ganz vorne am Bugkorb. Gleich zu Beginn der Fahrt, wenn das Schiff hinaustuckert aus dem Sportboothafen am Baumwall, erst noch eine Barkasse der Hafenrundfahrt passieren lässt und langsam einbiegt ins Gewimmel der Elbe: Dann sitzt man vorn auf den Holzplanken, riecht den Fluss und wird geschüttelt von den Wellen der großen Boote, die Rock ’n’ Roll spielen.

Dieses Tanzen im Bauch kennt man sonst allenfalls vom Dom. Jetzt kann man es auf der Elbe erleben, dank einer neuen Geschäftsidee. Einer Idee, bei der man sich wundert, warum es sie nicht schon länger gibt: Segeltörns auf der Elbe, mitten in der Stadt.

Nach ein paar Minuten setzt Holger Brauns das Großsegel, er zieht es heraus aus dem Inneren des Masts, wo es eingerollt war. Zwölf Meter hoch ist der Mast, 50 Quadratmeter Segelfläche neigen sich sanft zur Seite, und die Jacht beginnt zu kreuzen mitten in der Stadt, hoch am Wind, der mit vier Stärken mal wieder aus Westen kommt. Brauns drückt einem seiner Passagiere das Steuerrad in die Hand, ganz schön mutig ist das. Von ihm.

Eigentlich ist der 41-Jährige ja Musikproduzent, seit zwei Jahrzehnten schon, mit einer eigenen Firma, Spezialgebiet: elektronische Tanzmusik, Dance. Er ist ein Experte für Sounddesign, entwickelte nebenbei am Rechner elektronische Musikinstrumente. Er lebte ein lautes, schnelles Leben.

Bis der erste Hörsturz kam. Dann der zweite. Und ein Tinnitus blieb, ein Pfeifen im Ohr.

"Irgendwann war mein Dispo an Lärm aufgebraucht", sagt Brauns. Während er spricht, hört man die Wellen, den Wind, das sanfte Brummen und Klappern der Stadt. Vom Schiff selbst hört man nichts. Das ist der Zauber des Segelns: die Lautlosigkeit.

Als Holger Brauns dem Lärm entfliehen wollte, erinnerte er sich an seine Kindheit. Wie sein Vater ihn in eine Optimisten-Jolle setzte und vom Ufer abstieß, als er noch ein Zwerg war, zu jung, um sich heute an das genaue Alter zu erinnern. Zehn Jahre lang hatte er das Segeln vergessen vor lauter Arbeit an der Musik. Jetzt hat er es wiederentdeckt.

Elbsegelei heißt Brauns’ neue Ein-Mann-Firma. Wer mit ihm ablegt, erlebt nicht nur das Gegenteil von Lärm. Sondern ganz generell das Gegenteil moderner Touristen-Seefahrt, die immer stärker motorisiert ist und ihre Passagiere immer weiter entfernt vom Wasser sitzen lässt. Auf den Kreuzfahrtschiffen ist das Wasser nur noch eine bessere Fototapete, während man in Fitnessclubs strampelt oder durch Shoppingareale flaniert. Auf Brauns’ Segeljacht schwappt es einem manchmal auf die Schuhe. Wenn man Glück hat.

Wattenhoch heißt sein 9,85 Meter langes Boot, nach jenen Orten im Wattenmeer, die zuerst trockenfallen bei Ebbe. Es ist eine Oceanis 311 mit geringem Tiefgang dank aufholbarem Kielschwert. Mit ihr kommt man fast überallhin rund um Hamburg. Vor drei Jahren kaufte Brauns sie mit seiner Frau. Vergangenes Jahr segelten sie mit ihrem kleinen Sohn zwei Monate lang rund um Dänemark. Jetzt ist sie sein neuer Arbeitsplatz.

Seit Kurzem bietet Brauns seine Törns an. Die ersten Halbtagestouren vom Baumwall nach Blankenese und zurück waren ausgebucht. Auch im Angebot: eine Tagestour von Wedel nach Stade. Oder Dämmertörns für Romantiker. Unter seinen ersten Passagieren ist auch ein junger Mann, der seine Freundin an Bord fragen möchte, ob sie mit ihm durchs Leben segeln will.

Es ist ein Abenteuer, für alle Beteiligten. Natürlich weiß Brauns nicht, ob er von seiner Idee leben und seine Familie ernähren kann. Und dann ist da noch die Sache mit dem Reden. Statt einsam und still im Tonstudio zu sitzen, muss er jetzt pausenlos reden und erklären: Wie die Rettungswesten funktionieren. Warum das Bord-WC so viele Hebel hat. Wie man das Boot steuert.

Ob er das kann? Schon bei der ersten Probefahrt zeigt sich, dass Brauns wohl geduldig genug ist für seinen neuen Job. Er hat das Ruder einer jungen Frau übergeben, die gut gelaunt eine Patenthalse nach der anderen fährt. Der Baum schlägt um, zum Glück hängt er hoch genug, über den Köpfen der Passagiere. Und Brauns? Empfiehlt mit ruhiger Stimme, etwas mehr nach "links" zu steuern.

"Das ist keine Hexerei, die Gäste dürfen bei allem mitmachen", sagt er. "Sie können sich aber auch einfach hinsetzen und genießen." Diesen Fluss genießen, der auch für erfahrene Segler ein anspruchsvolles Revier ist. Mit seinem Gewimmel aus Booten, denen man ausweichen muss, und seiner Strömung, die man besser einkalkuliert.

Holger Brauns arbeitet nebenbei noch weiter als Sounddesigner, aber deutlich weniger. Er optimiert Lieder, die seine Kunden ihm zuschicken, für Radio und Clubs. Macht sie "maximal laut", verfeinert die Frequenzgänge, will einfach einen "guten Sound" erreichen. Das erzählt er auf der Fahrt zurück zum Baumwall, die Elbphilharmonie voraus – und die Frage liegt nahe, ob es überhaupt einen cooleren Sound gibt als diesen hier, mit dem satten Rauschen des Windes, live auf der Elbe.