Ujkanovic: Deutschland hat immer noch dieses Problem mit seiner Geschichte. Immer Hitler. Immer: Wir haben ja bis gestern noch getötet.

Dulischewski: Die Gesetze sind nicht zu lasch. Sie müssten nur entschlossener und schneller angewendet werden. Als Polizeigewerkschafterin muss ich da leider sagen: Dafür fehlt es an Personal bei uns und auch in der Justiz.

ZEIT: Und so sagen die Jugendlichen Ihnen als Imam: Dieser Staat kann mir nichts?

Ujkanovic: Bis jetzt ist das so, ja. Und gegen genau die muss man hart vorgehen. Das hat nichts mit Rassismus zu tun. Da muss die Politik was machen. Aber Deutschland reagiert beim Thema Integration immer viel zu spät. Das ist schon lange das Problem. Zum Beispiel, als die bosnischen Flüchtlinge kamen: Da hatten sie kein Recht auf Arbeit. Wie soll man sich integrieren, wenn man nicht arbeiten darf?

ZEIT: Das ist heute anders. Flüchtlinge dürfen arbeiten. Herr Alhwejh, Sie haben seit Januar einen Job bei einer Firma, die Stromkabel und elektronisches Gerät anfertigt. Wie geht es Ihnen da?

Alhwejh: Meine Kollegen sind sehr nett. Am Anfang haben sie mich auch in der Pause angesprochen: "Komm mit, wir gehen was essen." Aber außer in der Pause treffe ich niemanden. Alle meine Kollegen haben eine Freundin oder eine Frau und Familie. Die Zeittabelle bei denen ist voll. Außerdem habe ich so eine Barriere. Das Gefühl, weniger zu sein als die anderen, ein Flüchtling eben. Wenn mich einer fragt: "Woher kommst du?", und ich sage: "Syrien", dann sehe ich zuerst so eine Ratlosigkeit. Und dann wollen sie nur über Politik und Terrorismus sprechen. Aber nicht um die Dinge, um die Freunde reden. Nicht über Alltägliches. Bekannte von mir, die gegen deutsche Regeln verstoßen haben, zum Beispiel rauchen am falschen Platz oder Leute anstarren, die spüren auch Feindseligkeit.

ZEIT: Das wundert uns jetzt. Hat das Schicksal der Syrer nicht vor allem Hilfsbereitschaft und Engagement ausgelöst?

Alhwejh: Mitleid ist nicht Freundschaft.

Ujkanovic: Ich weiß genau, was Sie meinen. Obwohl wir jetzt schon länger das neue Staatsbürgerschaftsrecht haben, gehen für viele Deutsche Begriffe wie "deutsch" und "dunkelhäutig" oder "deutsch" und "muslimisch" nicht zusammen, als schließe sich das gegenseitig aus. Das spüren die Flüchtlinge natürlich. Und finden Sie mit einem ausländischen Namen und mehr als zwei Kindern mal eine Wohnung. Außerdem berufen sich plötzlich viele Deutsche auf Werte, nach denen sie eigentlich gar nicht mehr leben. Zum Beispiel sind jetzt alle Christen, selbst wenn sie jahrelang nicht in der Kirche waren.

Üstün: Ich kann das nachempfinden, aber hör mal, Ahmed, du als Neuankömmling bist eben auch dazu verpflichtet, diese Barrieren abzubauen. Wenn du dir immer denkst: "Ach, es ist mir unangenehm, wenn sie mir diese Fragen stellen" – dann wird es nie klappen! Du sprichst schon so gut Deutsch! Du hast studiert! Du kannst dich viel besser artikulieren als die meisten! Also gib dir einen Ruck und sag: "Ja, ich bin aus Syrien. Und es gibt da sehr viele Menschen, die so sind wie ich."

Hübner: Herr Alhwejh hat meines Erachtens überhaupt keine Stigmatisierung erlebt. Und er ist eigentlich in einer tollen Lage: Er ist früh nach Deutschland gekommen und hat hier eine Eins-zu-eins-Betreuung. Ich habe ihm geholfen mit der Wohnung und dem Job. Trotzdem fühlt er sich ausgegrenzt, zu Unrecht, meine ich. Es ist wohl so, dass er sich das anzieht, wenn sich andere Flüchtlinge schlecht verhalten – so wie in Köln – und dann von der Gesellschaft verurteilt werden. Dafür fühlt er sich verantwortlich.

ZEIT: Ist das so?

Alhwejh: Ich schäme mich! Das war an meinem ersten Tag auf der Arbeit, die ganze Zeit lief das im Radio: "Flüchtlinge haben das getan." Alle haben mich angesehen. Leute vor dem Kölner Dom, die betrunken, dumm und rücksichtslos waren – das ist jetzt das Problem von jedem Flüchtling. Die meisten waren zwar keine Syrer, und ich will auch nicht sagen, welche Nationalität sie haben ...

Dulischewski: ... das ist aber ein Fehler! Wir würden als Polizisten gern klar sagen, woher Straftäter kommen – schon um andere Flüchtlingsgruppen zu entlasten. Das Antanzen in Köln, die Handydiebstähle hier in Düsseldorf – wir wissen genau, dass es in den allermeisten Fällen Nordafrikaner sind, die das machen. Da muss man auch mal den Mumm haben, das zu sagen.

ZEIT: Uns fällt auf, dass Sie alle hier Lust haben, mal so richtig auf den Tisch zu hauen. Dem Imam sind die Gesetze zu lasch, die Patin beklagt, dass sich ihr Flüchtling jeden Schuh anzieht, die Sprachlehrerin beschwert sich über muslimische Machos – und wir alle sitzen fassungslos vor der zerrütteten Familie Moradi. Ist das die Erkenntnis: Integration gelingt nur über Konflikte?

Dulischewski: Genau! Es wird zu viel politische Rücksicht genommen. Wir müssen mehr streiten!

ZEIT: Nur in einem Klima, in dem über alles geredet werden kann, wird nicht geschlagen?

Kaznina: So ist es.

ZEIT: Dann mal raus mit der Sprache, Herr Ujkanovic: Welche Ethnien machen Ihnen Probleme, wenn Sie als Busfahrer unterwegs sind?

Ujkanovic: Als ich vor 16 Jahren hier anfing, da wusste ich, in bestimmten Vierteln in Düsseldorf konnte ich abends Ärger mit betrunkenen Russlanddeutschen kriegen. Am Hauptbahnhof hatte ich zu der Zeit das Problem, dass hinten im Bus Schwarzafrikaner dealten. Da hat die Polizei aber durchgegriffen. Araber werden leicht aggressiv, wenn man sie nach dem Fahrschein fragt. Und Deutsche, na ja ... früher kamen sie nur alkoholisiert aus dem Stadion zurück, heute fahren sie schon besoffen hin. Wenn die mir Türen rausreißen oder Fenster einschlagen, läuft das für mich auch nicht mehr unter Folklore.

ZEIT: Herr Üstün, wie blickt ein alteingesessener Migrant wie Sie auf andere Einwanderer? Was hat zum Beispiel Köln für Sie bedeutet?

Üstün: Ich bin wütend. Für meine Generation ist das ein Rückfall. Viele Vorurteile, die wir weggearbeitet hatten, werden jetzt durch die Neuankömmlinge quasi wieder aufgeweckt. Ausländer sind jetzt wieder diejenigen, die den deutschen Mädels an die Brüste grabschen. Die sich nicht integrieren wollen. Und das alles passiert in einer Situation, in der es dem Land eigentlich gut geht. Heute haben wir genügend Arbeit und Wohnraum.

Hübner: Herr Üstün, ich muss Ihnen widersprechen. Wir haben keine Arbeitsplätze für 500.000 Flüchtlinge, vor allem nicht für die vielen Ungebildeten – manche können nicht lesen und schreiben.

ZEIT: Heißt das, ausgerechnet für Sie als Patin, als Wohlmeinende gewissermaßen, ist die Grenze erreicht?

Hübner: Ja, nicht noch ein zweiter Ansturm! Die Arbeitsplätze sind das eine, aber es gibt eben auch keine Wohnungen für alle. Selbst die Deutschen haben ja Probleme, etwas Bezahlbares zu finden. Und Flüchtlinge wollen auch anständig wohnen.

Üstün: Aber ... also, jetzt möchte ich Ihnen und niemandem sonst zu nahe treten, aber als mein Vater nach Deutschland kam, hat er die ersten zwei Jahre im Ruhrgebiet in einer Garage gelebt. In ihrer ersten kleinen Wohnung hatten meine Eltern eine Matratze, eine Herdplatte und sonst nichts. Alles andere sind Dinge, die man sich im Laufe der Zeit selbst erarbeiten muss. Sie haben da eine sozialpädagogische Brille auf! Man kann doch nicht erwarten, dass jeder eine Wohnung und eine Einbauküche bekommt.

ZEIT: Herr Alhwejh, Sie haben uns vorab erzählt, dass Sie mittlerweile in Flüchtlingsheime gehen und von Deutschland erzählen. Was eigentlich?

Alhwejh: Es stimmt, es gibt diese falschen Vorstellungen über Deutschland. Deshalb arbeite ich bei der Diakonie als ehrenamtlicher Helfer mit anderen Flüchtlingen, so wie der Herr ...

Üstün: ... Ayhan. Lass uns du sagen ...

Alhwejh: ... wie Ayhan das will. Ich sage den neuen Flüchtlingen, dass es falsch ist, zu glauben, dass sie von Deutschland 5.000 Euro bekommen und ein Haus. Das denken manche wirklich.

Fast drei Stunden sind vergangen, da steht Asmer Ujkanovic auf, der Imam, der zugleich Bus- und U-Bahn-Fahrer ist.

Ujkanovic: Ich entschuldige mich. Ich würde gerne noch stundenlang mit euch reden, aber gleich beginnt mein Dienst. Ich muss jetzt auf die U72.

ZEIT: Bevor alle auseinandergehen: Kann jeder von Ihnen bitte noch einen Ratschlag für jemand anderen am Tisch hinterlassen?

Alhwejh: Ich sage allen Flüchtlingen: Wartet nicht darauf, dass euch jemand etwas erklärt. Ihr findet Antworten auch auf Google.

Ujkanovic: Dem jungen Herrn Moradi möchte ich dringend ans Herz legen, so schnell wie möglich so viele Kontakte wie möglich zu knüpfen, mit Seelsorgern, zu einer Moschee, wenn er mag. Es ist überhaupt ein Wunder, dass er hier sitzt und von seiner Flucht erzählen kann.

Üstün: Ich würde Herrn Alhwejh raten, sich sozial zu engagieren, in einem Verein oder einer Partei. Ich wüsste da eine. (lacht)

Kaznina: Ich wünsche mir von allen Flüchtlingen, dass sie dieses Land als Chance begreifen und diese Chance auch nutzen.

Hübner: Ich wünsche der Polizistin, dass sie durchhält. Und ich wünsche mir von den Medien, dass sie nicht schönfärben.

Die Dolmetscherin fragt Vater und Sohn Moradi.

Nami: Die beiden wünschen allen hier alles Gute.

Dulischewski: Und ich wünsche mir, dass wir uns alle in einem Jahr wiedersehen.