In der Region Ingolstadt, inmitten katholischer Kleinstadt-Gemütlichkeit, packt auch Christian Zech, 41 Jahre, seinen Jutebeutel für den Integrationskurs "Liebe, Sex, Beziehung auf Deutsch?" zusammen. Einen Plüsch-Penis hat er dabei und eine Plüsch-Vulva. Zech besucht Wohngruppen unbegleiteter männlicher Flüchtlinge zwischen 15 und 19 Jahren. In dreimal 90 Minuten setzt er ihnen die Grundzüge des europäischen Liebeslebens auseinander. 150 junge Männer hat er schon unterrichtet.

Nicht alle waren davon angetan. Mancher Satz aus dem Auditorium begann mit: "Im Koran steht aber ..." oder: "Du als Christ hast mir gar nichts zu sagen." Die große Mehrheit allerdings, sagt Zech, sei offen und interessiert, sie kicherten und erröteten an denselben Stellen wie die deutschen Schüler. Nur bei fünf jungen Männern sei er auf extreme Ablehnung gestoßen, bei zweien habe er das Gefühl gehabt: echte Problemfälle, ultrareligiös, mit sehr abwertendem Frauenbild. Fünf von 150, rund drei Prozent.

Auch solche Männer gibt es unter den Neuankömmlingen, vielleicht auch mehr als drei Prozent. Um sie könnte es in den kommenden Monaten und Jahren immer wieder gehen. Sexuelle Übergriffe werden ans Licht kommen. Und sie gehören bestraft. Aber auch mangelnder Integrationswille muss sanktioniert werden, wenn Flüchtlinge nur darauf warten, dass der Staat sie füttert und ihnen Angebote unterbreitet – und wenn sie von sich aus gar nichts tun. So wie der Bekannte von Ahmed aus Dortmund, der in der eigenen Wohnung seine Tage verschläft und kein Wort Deutsch lernt. Wer dazugehören will, muss sich anstrengen. Sonst wird er hier nicht gebraucht.

Deshalb sollen im Integrationsgesetz auch Sanktionen festgeschrieben werden. Sollten Flüchtlinge Sprachkurse oder Ausbildungen grundlos abbrechen, hat das für sie Folgen, die Kürzung der Zuwendungen zum Beispiel. Und wer straffällig wird, könnte das Aufenthaltsrecht verlieren. Nur wer ernsthaft zur deutschen Gesellschaft dazugehören will, darf unbefristet bleiben. "Fehlverhalten" soll bestraft werden, steht auf Wunsch der CSU im Eckpunktepapier der Regierung zum neuen Gesetz.

Sanktionen für Integrationsverweigerer sind wichtig, aber ebenso wichtig ist es, dass der Staat seine Aufgaben erfüllt. Offiziell beträgt die Dauer der Asylverfahren im Schnitt 5,2 Monate, faktisch ist es ein Dreivierteljahr und mehr. 400.000 unbearbeitete Asylanträge stapeln sich beim Bamf. Hunderttausende Flüchtlinge sind registriert, haben aber noch kein Asyl beantragt. "Wir sind in Not", sagt Bamf-Chef Weise, seine Behörde müsse dieses Jahr eine Million Asylentscheidungen treffen.

Extrem langwierig sind die Asylverfahren der Flüchtlinge aus Afghanistan (15,4 Monate), Iran (18,0 Monate) und Somalia (18,3 Monate) – trotz hoher Anerkennungsquoten. Um rasch gesunkene Asylbewerberzahlen präsentieren zu können, kümmert sich das Bamf vor allem um jene Fälle, die garantiert abgelehnt werden. Das Leben der Afghanen, Iraner und Somalier aber pausiert zwei Jahre – verlorene Zeit für die Integration.

Gelingt es nicht, die Neuankömmlinge zu integrieren und sie in qualifizierte Jobs zu bringen, könnte das den Staat, langfristig betrachtet, bis zu 398 Milliarden Euro kosten. Das zeigt eine Studie des renommierten Zentrums für Europäische Wirtschaftsforschung im Auftrag der Heinrich-Böll–Stiftung, die der ZEIT exklusiv vorliegt. Zum Vergleich: Der gesamte Bundeshaushalt beträgt jährlich nur 316 Milliarden Euro.

Erreichen die Flüchtlinge auf dem Arbeitsmarkt aber das Niveau von Einheimischen mit Berufsausbildung, bliebe für die Staatskasse unter dem Strich ein Plus von 20 Milliarden Euro.

Bisher aber hat die Bundesregierung noch nicht einmal formuliert, was sie sich unter gelungener Integration eigentlich vorstellt. Woran wollen sich Merkel und ihre Minister messen lassen? "Die Regierung müsste konkrete und nachprüfbare Ziele festlegen. Das würde die Verwaltung zwingen, Rechenschaft abzulegen. Und man könnte die Praxis der Integrationspolitik deutlich besser koordinieren und umsetzen", sagt Herbert Brücker, Deutschlands bekanntester Migrationsökonom. "So aber fehlt ein zentrales strategisches Element für eine erfolgreiche Integrationspolitik". Brücker und andere Ökonomen schlagen vor:

Ein Jahr nach Zuzug sollten 50 Prozent, drei Jahre danach 100 Prozent der Flüchtlinge so gut Deutsch sprechen, dass sie sich im Alltag verständigen können.

Innerhalb von drei Monaten sollten alle Kinder und Jugendlichen unter 16 Jahren Zugang zu Kindergärten und Schulen haben.

Fünf Jahre nach Zuzug sollte die Hälfte der Flüchtlinge im Alter von 20 bis 30 Jahren über eine abgeschlossene Ausbildung oder ein Studienexamen verfügen.

Nach fünf Jahren sollten 60 Prozent der Flüchtlinge erwerbstätig sein, nach zehn Jahren 70 Prozent.

Sehr konkrete Vorschläge sind das. Folgte man ihnen, würde erstmals klar, wie weit Deutschland bei der Fertigstellung des Integrationspuzzles wirklich ist. Noch scheut Angela Merkel so viel Deutlichkeit. Sie müsste dann einräumen, dass niemand in Berlin den Überblick hat. Und dass es keinen Ort im Land gibt, an dem alle Informationen über Flüchtlinge zusammenfließen.