Vor etwa zehn Jahren musste Birgit Schmitz operiert werden. Die Ärzte verschlossen eine Fistel in der Hirnhaut, das ist eine Fehlbildung zwischen einer Arterie und einer Vene. Nach mehreren Eingriffen war das Problem behoben, doch von da an litt Birgit Schmitz unter Kopfschmerzen. Eine Erfahrung, die ihr Leben veränderte.

DIE ZEIT: Haben Sie gerade Kopfschmerzen?

Birgit Schmitz: In diesem Moment nicht, inzwischen bin ich durch Medikamente und Sport meistens schmerzfrei, ich habe lange stabile Phasen. Vor zwei Wochen hatte ich die letzte schlimme Attacke, sie dauerte vier Tage.

Birgit Schmitz, Autorin von »Der Schmerz ist die Krankheit« (Rowohlt Verlag) © Pablo Castagnola

ZEIT: Wie fühlte sich das an?

Schmitz: Wie meistens begannen erst einzelne Punkte im Gesicht zu schmerzen, an den Wangen, der Stirn, dem Kinn, der Nase. Dann wurde die linke Schädeldecke heiß, ich fühlte ein Stechen. Als Nächstes stellte sich wie üblich der dumpfe Kopfschmerz ein, der sich wie ein stählernes Band um den Schädel legt und mehrere Tage anhält.

Dieser Text gehört zu ZEIT Doctor – dem Ratgeber, der hilft, gesund zu bleiben.

ZEIT: Wie sind Ihre Schmerzen chronisch geworden?

Schmitz: Nach der Operation hatte ich immer wieder Kopfschmerzen. Mal waren sie ein paar Tage lang weg, dann kamen sie wieder. Nach drei Monaten hatte ich plötzlich jeden Tag permanent Schmerzen.

ZEIT: Haben Sie Tabletten genommen?

Schmitz: Nur wenige. Ich dachte, ich muss das aushalten. Im Nachhinein erklärten mir Schmerzmediziner, dass die Kopfschmerzen nur anfangs eine Reaktion auf die Operation gewesen waren. Nach drei Monaten seien sie chronisch geworden, sie hätten sich verselbstständigt. Man hätte die Kopfschmerzen sofort behandeln müssen, sagten sie. Dann wären sie vielleicht nicht chronisch geworden.

ZEIT: Quält Sie der Gedanke, dass man das womöglich hätte verhindern können?

Schmitz: Nein. Aber ich habe mein Buch auch geschrieben, um an andere Schmerzpatienten zu appellieren. Ich selbst habe meine Schmerzen am Anfang zu wenig ernst genommen und später, als sie chronisch waren, zu ernst. Ich vermute, dass es anderen Patienten auch so geht. Meine Erfahrung liegt nun schon einige Jahre zurück, aber ich höre immer noch so oft von Bekannten, dass sie keine richtige Hilfe bekommen und denken, sie müssten den Schmerz ertragen. Viele leiden, weil sie nicht wissen, dass ein Schmerztherapeut ihnen das Leben leichter machen könnte.

ZEIT: Wann haben Sie verstanden, dass der Schmerz selbst die Krankheit ist?

Schmitz: Das hat lange gedauert. Dabei bekam ich die Diagnose "chronischer Spannungskopfschmerz" schon früh. Alle Ärzte sagten mir, es spiele jetzt keine Rolle mehr, ob bei der Operation jemand einen Nerv verletzt habe oder ob etwas anderes schiefgelaufen sei. Trotzdem suchte ich verbissen nach einer Ursache und las noch etwa ein Jahr lang viel darüber, was bei dem Eingriff alles schiefgehen kann. Dann dauerte es weitere Jahre, in denen ich von Fasten bis zu Wunderheilern alles Mögliche ausprobierte. Erst als ich akzeptieren konnte, dass mich niemand innerhalb von kürzester Zeit gesund machen würde, begann es mir besser zu gehen.

ZEIT: Welche Therapie bekamen Sie?

Schmitz: Ich habe etliche Medikamente ausprobiert, viele halfen nicht. Gleichzeitig begann ich Sport zu machen, eine Zeit lang fast jeden Tag. Ich strukturierte die Woche sehr genau und bekam Panik, wenn etwas diesen Ablauf störte. Selbst als ich mit Kollegen einen Ausflug machte, recherchierte ich, wo ich dort schwimmen gehen könnte, statt einfach zwei schöne Tage mit den anderen zu verbringen. Damals hätte mir mehr Lockerheit gutgetan – die habe ich dafür heute. Seit der Operation habe ich immer gearbeitet und konnte mich erstaunlicherweise auch auf die Texte, die ich las, konzentrieren, selbst wenn ich starke Schmerzen hatte. Das war wichtig, um einen normalen Alltag aufrechtzuerhalten und dem Schmerz nicht zu viel Raum zu geben.

ZEIT: Wie haben andere Menschen auf Ihre Schmerzen reagiert?

Schmitz: Viele Leute gaben mir Ratschläge – ich solle Akupunktur machen, zum Osteopathen gehen, einer schlug sogar vor, ich solle schwanger werden, das wirke ja oft Wunder. Und eine Bekannte erklärte mir kurzerhand, es liege bestimmt daran, dass ich so viel mit dem Kopf arbeite.

ZEIT: Hat Sie das geärgert?

Schmitz: Damals schon. Heute weiß ich, dass es schwierig ist, diese unsichtbare Krankheit zu verstehen. Das ging mir ja selbst auch lange so.

ZEIT: Wer hat Ihnen gutgetan?

Schmitz: Gut war, wenn Freunde nicht mich und meine Art zu leben für die Schmerzen verantwortlich gemacht haben. Und ich hatte einen wunderbaren Neurologen, der mir schon bei unserem ersten Gespräch seine Handynummer gegeben hat. Obwohl ich in all den Jahren nur zwei- oder dreimal angerufen habe, war mir das unglaublich viel wert, weil es mir ein Gefühl von Kontrolle zurückgab. Das Schlimme am Schmerz ist ja der Kontrollverlust. Wenn man einen Zahn gezogen bekommt, kann man den Schmerz gut aushalten, weil man weiß, dass er bald vergeht. Chronische Schmerzen aber können einen völlig erdrücken.

ZEIT: Für den Umgang mit dem Schmerz haben Sie sich imaginäre Freunde gesucht ...

Schmitz: Ich war erleichtert zu lesen, dass ich nicht die Einzige bin, die ihren Schmerz mit Namen anredet. Der Philosoph Friedrich Nietzsche schreibt in Die fröhliche Wissenschaft, er stelle sich seine Schmerzen wie einen Hund vor, der treu und zudringlich sei. Mit diesem Hund spreche er sogar. In dem Buch Die zitternde Frau von Siri Hustvedt habe ich sehr mit der Erzählerin mitgefühlt. Sie wird von einer Krankheit überfallen und brutal aus dem Leben gerissen. Dann schließt sie einen wackligen Frieden mit der Krankheit, der nicht immer hält. Darin erkenne ich mich gut. Auch ich sage mir heute: Ich bin die Frau mit den Kopfschmerzen, aber auch so vieles andere.

ZEIT: Wie hat Sie die Erfahrung mit dem Schmerz verändert?

Schmitz: Heute akzeptiere ich, dass das Leben manchmal schicksalhaft ist und man nicht alles reparieren kann. Ich kann mich selbst annehmen samt meinem Kopf, auch wenn der ein bisschen kaputt ist.