In der Nacht zum 14. Oktober 2015 setzt sich Lutz Trümper an seinen Computer. Es ist drei Uhr, der SPD-Oberbürgermeister von Magdeburg kann nicht schlafen. Am Abend hat er sich mit Katrin Budde gestritten, damals Landeschefin und Spitzenkandidatin seiner Partei für die Landtagswahl im März. Es ging um: Flüchtlinge. "Du schadest mir", soll Budde zu ihm gesagt haben. Seine Haltung sei zu asylkritisch für den Wahlkampf der SPD.

Nun schreibt er eine Mail an Budde. Darin erklärt er ihr, dass er aus der SPD austreten werde.

Um vier Uhr des Nachts löscht Trümper die Nachricht wieder.

"Ich war noch unentschlossen, ob das der richtige Weg ist", sagt Trümper heute, ein halbes Jahr später. Das habe sich am nächsten Morgen aber geändert.

Da behauptet der SPD-Mann Rüdiger Erben, ein Vertrauter von Katrin Budde, in einer Zeitungsmeldung: Trümper verwende in der Flüchtlingsdiskussion falsche Zahlen. "Das war zu viel für mich", sagt Trümper.

Er nimmt sein Parteibuch, fährt zur SPD-Zentrale in Magdeburg. Um halb zehn Uhr morgens gibt er es ab. "Ich hatte feuchte Augen, meine Hände zitterten", sagt Trümper. Nach 25 Jahren ist er raus aus der SPD. Austritt am 14. Oktober 2015.

Der Oberbürgermeister der Landeshauptstadt tritt aus der SPD aus, fünf Monate vor dem Wahltag? Kann man seiner Partei heftiger schaden? Der Partei, der man ja schließlich verdankt, zum Oberbürgermeister gewählt worden zu sein? Das sind die harschen Reaktionen, einerseits.

Andererseits hört Trümper auch Lob. Standhaft sei er, meinungsstark! Er erhält Applaus auch von Menschen, deren Beifall er eigentlich nicht will. Von denen, die jubeln, weil er aus Ärger über die liberale Flüchtlingspolitik der SPD ausgetreten ist.

Auch wenn beide Reaktionen damals womöglich überzogen sind, geschieht bei der Wahl im März doch dies: Die SPD stürzt ab, auf 10,6 Prozent – ein historisch schlechtes Ergebnis. Katrin Budde verliert danach ihre Ämter, die Partei muss sich völlig neu finden. Ganz bestimmt trägt an all dem nicht Lutz Trümper mit seinem Austritt Schuld.

Aber ein bisschen Schuld vielleicht? Wie sieht er das, heute? Hat er ein schlechtes Gewissen?

Ortsbesuch im Rathaus von Magdeburg: Trümper ist gut gelaunt. Seit fast 15 Jahren ist er bereits Oberbürgermeister, im März vergangenen Jahres wurde der 60-Jährige in seine dritte Amtszeit gewählt, mit fast 70 Prozent der Stimmen. Sein Triumph von damals ist der bislang letzte große Sieg der SPD in Sachsen-Anhalt.

Und, um es gleich vorweg zu sagen: Wer von Trümper Reue erwartet, den wird er enttäuschen. Am Wahlabend, erzählt er, sei er bei einer Geburtstagsfeier gewesen. Zuvor hatte er solche Tage immer bei der SPD verbracht. "Ich habe mir nur die erste Prognose angeschaut", sagt Trümper. Danach feierte er wieder – den Geburtstag, nicht die Ergebnisse. "Ich war nicht erschrocken", meint Trümper. "Die 10,6 Prozent hätte ich zwar nicht erwartet, aber ich war mir schon ziemlich sicher, dass es nicht mehr als 14 oder 15 Prozent werden."

Trümper sieht sich als einen der Ersten, die erkannt hätten: So, wie die SPD es versucht hat in Sachsen-Anhalt, sei kein Staat zu machen gewesen. Seine Entscheidung, der Austritt, ist für ihn die eines Pragmatikers, so sieht er das heute. "Meine Stadt ist für mich immer wichtiger gewesen als die Partei", sagt Trümper. So sei es auch gewesen, als der Zuzug von Flüchtlingen stärker wurde. "Ich wollte damals deutlich machen, dass wir in Magdeburg an Belastungsgrenzen stoßen."