Die Rückkehr von Jarosław Kurski auf die politische Bühne begann mit einem Versprecher. An einem Samstag Anfang Januar war Kurski in Warschau auf die Straße gegangen, um gegen das Mediengesetz der neuen Regierung zu demonstrieren. Vor dem Gebäude des öffentlich-rechtlichen Fernsehens TVP schwenkten Demonstranten Flaggen, ein Redner sprach, da hörte Kurski über die großen Lautsprecher plötzlich seinen Namen. Die Menschen um ihn reagierten, reagieren heißt in diesem Fall: 20.000 Menschen buhten seinen Namen aus. Dann entdeckte einer der Organisatoren Jarosław Kurski in der Menge. "Kommen Sie zu uns, Kurski!", rief er ihm zu. "Kommen Sie, Jacek!" Er sagte Jacek, nicht Jarosław. Das war der Versprecher.

"Ich heiße Jarosław, merkt euch das", so begann Kurski seine spontane Rede oben auf der Bühne. Und er endete mit den Worten: "Nicht alle Kurskis sind schlecht." Seit diesem Tag, so erinnert er sich heute, verwechselt ihn niemand mehr mit seinem jüngeren Bruder Jacek, mit dem Mann, dem die Buhrufe galten.

Der Riss, der sich derzeit durch Polen zieht, der das Land spaltet und die Medien, lässt sich an Jarosław und Jacek erzählen. Jarosław und Jacek, 52 und 50 Jahre alt, Brüder. Beide haben ein rundliches Gesicht und lichtes Haar, ihre Nasen ähneln sich und die Augen. Doch so sehr sich Jarosław und Jacek äußerlich auch gleichen, verschiedener könnten sie nicht sein. In Polen sind die Brüder zu einem Symbol für die Spaltung der Gesellschaft geworden.

Jacek saß für die konservative Partei Recht und Gerechtigkeit (PiS) im Parlament und organisierte Wahlkämpfe. Seit Januar ist er dank eines neuen Mediengesetzes Vorsitzender des öffentlich-rechtlichen Fernsehens. Jarosław, der Ältere, ist stellvertretender Chefredakteur der Gazeta Wyborcza, der zweitgrößten Tageszeitung des Landes. Die Gazeta Wyborcza ist ein kämpferisches, liberales Blatt, das die neue PiS-Regierung und ihr Mediengesetz scharf kritisiert. Jarosław nennt das Gesetz, das seinen Bruder zum Vorsitzenden gemacht hat, eine "Säuberungsaktion in Reinform". "Es sollen neue Medien entstehen, die Tag und Nacht Regierungspropaganda verbreiten", sagt er.

Ziemlich genau einen Monat nach seiner Rede während der Demonstration sitzt Jarosław Kurski in seinem Büro in der Redaktion der Gazeta Wyborcza. Der Tisch, an dem er Gäste empfängt, ist leer, anders als sein Schreibtisch, auf dem sich Bücher und Notizen stapeln. Kurski beschreibt sich als zurückhaltende Person, er lebe sich im Schreiben von Artikeln aus, dränge nicht in die Öffentlichkeit. Vor jeder Antwort überlegt er einige Sekunden lang, er spricht leise. Er wirkt ganz anders als an dem Tag vor den Demonstranten. Dort oben, auf der Bühne, skandierte er Parolen, ballte die Faust. Und er zog eine historische Parallele: Die allein regierende Partei PiS kontrolliere die Medien, so wie früher die kommunistischen Machthaber. Die Demonstranten rief er auf, dagegen zu kämpfen: "Damals haben wir gewonnen, und heute werden wir auch gewinnen."

Damals. In seiner Jugend trat Jarosław Kurski in Danzig einer antikommunistischen Organisation bei, er schrieb Artikel für Untergrundmagazine, saß drei Monate im Gefängnis, weil er einen Polizisten angegriffen haben soll, was er bestreitet.

Sein Bruder Jacek tat es ihm gleich: Auch er war Antikommunist, ging auf dasselbe Gymnasium wie sein Bruder, schrieb dort für dasselbe Untergrundmagazin. Er schien seinem großen Bruder nachzueifern.

1989, in der Zeit der politischen Wende, wurde Jarosław Kurski Pressesprecher von Lech Wałęsa. Der Arbeiterführer und spätere Präsident Polens war damals Vorsitzender der Solidarność, jener Gewerkschaft, die den gesellschaftlichen Umbruch vorantrieb. Nach nur neun Monaten legte Jarosław Kurski im Juli 1990 das Amt nieder. Der Juli 1990 ist der Moment, in dem sich die Wege der beiden Brüder trennen. Über die Details will Jarosław Kurski nicht reden, Jacek möchte der ZEIT gar keine Fragen beantworten.

Jarosław Kurski verließ die Politik, er wurde Journalist bei der Gazeta Wyborcza. Jetzt hat ihn die Politik wieder eingeholt. Das, was zurzeit in Polen vor sich gehe, sagt Jarosław Kurski, bedrohe die Demokratie.

Damals, nach 1989, wuchs ein politischer Pluralismus, der aber nie so etwas wie eine Mitte entstehen ließ, sondern lediglich einen Graben aufriss, der seitdem die Gesellschaft teilt. Auf der einen Seite entstand ein liberales Milieu, das sich an westlichen Staaten orientiert und für die europäische Integration einsetzt. Dort steht Jarosław. Auf der anderen Seite entstand das PiS-Lager: konservativ und an einem starken Staat interessiert. Auf dieser Seite steht Jacek.

Der private Medienmarkt in Polen ist genauso gespalten. Fernsehzuschauer, Radiohörer und Zeitungsleser ordnen sich in der Regel einem der beiden Lager zu. Die Medien haben sich danach ausgerichtet: Das PiS-Lager kann die Gazeta Polska lesen, Radio Maryja hören und Telewizja Trwam schauen. Das liberale Lager hingegen greift zur Gazeta Wyborcza und schaltet den Sender TVN ein. Die öffentlich-rechtlichen Medien hingegen können sich nicht aufteilen. Für sie bedeutet die Spaltung eine Zerreißprobe.