DIE ZEIT: Herr Professor Ganzhorn, seit Kurzem trägt eine Lemurenart aus Madagaskar Ihren Namen. Haben Sie sich gefreut?

Jörg Ganzhorn: Da muss ich wohl Ja sagen. Allerdings war das eine lange Geschichte: Seit rund zwanzig Jahren schicken wir vom Deutschen Primatenzentrum und der Universität Hamburg Gewebeproben an die Duke University nach North Carolina. Nun haben die Forscher anhand der DNA festgestellt, dass es sich um eine eigene Lemurenart handelt.

ZEIT: Und dann haben diese Forscher gedacht: Jetzt tun wir dem Professor Ganzhorn aus Hamburg mal was Gutes?

Ganzhorn: Ja, genau. Jetzt kriegt der Ganzhorn mal einen Affen.

ZEIT: Das klingt nicht unbedingt so, als platzten Sie vor Stolz.

Ganzhorn: Natürlich, das ist eine schöne Bestätigung meiner Arbeit. Aber es wäre auch schön, wenn die Tiere nach einem Madegassen oder einer lokalen Örtlichkeit benannt wären. "Ganzhorni" kann ja dort keiner aussprechen!

ZEIT: Wie heißen denn die Tiere vor Ort?

Ganzhorn: Die Madegassen nennen sie tsidy.

ZEIT: Und der Microcebus ganzhorni im Speziellen, was ist das für ein Geselle?

Ganzhorn: Er ist ungefähr so groß wie eine große Maus, frisst Früchte und Insekten, ist ein Einzelgänger und nachtaktiv. Und er hält Winterschlaf. Das ist für Primaten schon außergewöhnlich.

ZEIT: Klingt ganz putzig. Kann man die als Haustiere halten?

Ganzhorn: Man könnte. Allerdings handelt es sich um eine bedrohte Art, da ist es verboten. Und zudem pinkelt er überallhin, das stinkt. Sie hätten auch sonst nicht viel von dem Tier. Es ist wie bei Hamstern: Tags schlafen sie, nachts werden sie aktiv.

ZEIT: Und warum sind diese Lemuren vom Aussterben bedroht?

Ganzhorn: Der größte Teil der Menschen auf Madagaskar nutzt Produkte direkt aus dem Wald und kocht mit Holzkohle – das Holz dafür holen sie sich aus den Wäldern. Wir haben neben der Forschungstätigkeit deshalb immer auch versucht, Naturschutz mit nachhaltiger Nutzung der Wälder und der Umgebung zu kombinieren.

ZEIT: Wie viele Microcebi ganzhorni gibt es denn noch?

Jörg Ganzhorn, Biologie-Professor an der Universität Hamburg © privat

Ganzhorn: Die genaue Zahl kennt man nicht. Die Affenart ist nur aus dem Mandena-Wald bekannt, der etwa 200 Hektar groß ist.

ZEIT: Müssen wir uns also ernsthaft Sorgen um das Tier machen?

Ganzhorn: Nicht wirklich. Der Wald, in dem es lebt, ist ein Schutzgebiet, das eine Bergbaufirma einrichten musste – als Ausgleich für ihre Tätigkeit. Damit ist es schon mal besser geschützt als in den anderen Wäldern von Madagaskar.

ZEIT: Kann man den Microcebus ganzhorni leicht fangen?

Ganzhorn: Sie nehmen eine Kastenfalle und legen ein Stück Banane rein, das reicht. Wir machen das oft und bringen Sender an den Tieren an, um sie zu verfolgen. Wir erforschen derzeit am Beispiel der Lemuren, ob und wie sich neue Krankheiten artenübergreifend ausbreiten. Es ist ja, siehe Ebola, ein neues Phänomen, dass Krankheiten zunehmend Artgrenzen überwinden.

ZEIT: Das heißt, Sie machen Tierversuche?

Ganzhorn: Nein, wir sammeln Kotproben, prüfen, ob sie Viren enthalten, und schauen dann, wie sehr Arten verwandt sein müssen, um Krankheiten übertragen zu können. Dafür eignen sich Lemuren gut, weil sie in hoher Dichte leben – etwa vier bis fünf Tiere pro Hektar. Bei Gorillas haben Sie einen auf 100 Hektar.

ZEIT: Dann hat der Microcebus ganzhorni einen ganz praktischen Nutzen für die Menschheit?

Ganzhorn: Ich sag mal so: Die Welt dreht sich auch weiter, wenn wir das nicht machen. Aber trotzdem kann es schon sein, dass wir darüber einen Zugang zur Ausbreitung neuer Krankheiten zwischen Arten finden.