Die Liebe sucht nicht ihren Vorteil, heißt es im Korintherbrief des Neuen Testaments. Der Gedanke, dass Liebende sich uneigennützig verhalten und wahre Liebe selbstlos sei, zieht sich durch Ratgeber und Internetforen. Andererseits haben sich Menschen bei ihrer Partnerwahl immer auch von ökonomischen Kriterien leiten lassen. Ehen wurden einst so geschlossen, dass die Bauernhöfe der Familien zusammengelegt werden konnten, später handelten die großen Romane des 19. Jahrhunderts von der Zerrissenheit junger Frauen wie Effi Briest, deren bürgerliche Ehen standesgemäß sein sollten und die deshalb nicht ihren Neigungen folgen konnten.

Umgekehrt hat es große Auswirkungen auf die Ökonomie, nach welchem Muster die Menschen heiraten. Der amerikanische Soziologe Jeremy Greenwood hat ausgerechnet, dass der Abstand zwischen Arm und Reich in den Vereinigten Staaten auf das Niveau der sechziger Jahre zurückfiele, wenn die Menschen nicht Partner mit ähnlichem sozialen Status auswählen würden, sondern Ehen nach dem Zufallsprinzip geschlossen würden. Würde geheiratet wie früher, wäre eines der schwierigsten Probleme des Landes teilweise gelöst.

Gemessen daran ist erstaunlich, wie wenig sich Ökonomen lange für Liebe und Partnerwahl interessierten. Das ändert sich nun: Gleich drei neue Bücher beschäftigen sich mit der Frage, was Wirtschaftswissenschaftler zum Verständnis von Beziehungen beitragen können. Taugt die Lehre vom Homo oeconomicus, der stets den individuellen Nutzen maximieren will, überhaupt etwas für die Beobachtung von Romantikern und frisch Verliebten? Alvin Roth, Nobelpreisträger und Ökonomieprofessor an der Stanford University, ist davon überzeugt. In seinem gerade auf Deutsch erschienenen Buch Wer kriegt was und warum? geht es um die Frage, wie Märkte funktionieren, die nicht in erster Linie durch Preise gesteuert werden. Dafür beschäftigt sich Roth vor allem mit Heiratsmärkten und Datingportalen, dem Markt für Organspenden und der Frage, wie die Plätze an begehrten Schulen vergeben werden. Es gebe viele Märkte, in denen einerseits nicht allein das freie Spiel von Angebot und Nachfrage regiere, andererseits aber auch keine dirigistisch gelenkte Planwirtschaft bestehe.

Die Ausbildung entscheidet auch über die Chancen auf dem Beziehungsmarkt

Wie in solchen Fällen das sogenannte Matching funktioniert, erforscht der Professor seit Jahren. Er beschreibt zum Beispiel das Phänomen, dass bei Singlebörsen manchmal die attraktivsten Stars einsam bleiben, weil die meisten Kandidaten lieber auf Nummer sicher gehen und mit jemandem flirten, bei dem sie sich wirklich Chancen ausrechnen. Den gleichen Mechanismus finde man, wenn Eltern die Schule für ihr Kind auswählten, schreibt Roth.

Und bei einigen Singlebörsen im Netz lässt sich beobachten, dass Männer viel mehr Kontaktnachrichten verschicken als Frauen. Weil sie anschließend erleben, dass viele unbeantwortet bleiben, verschicken Sie noch mehr und noch oberflächlichere Nachrichten. Das macht es für die Frauen immer schwerer, ernsthaft interessierte Männer zu erkennen. Roth schreibt darüber, wie Kontaktanbahnung effizienter funktionieren kann: Zum Beispiel dadurch, dass jeder Bewerber einige Nachrichten mit einer Rose versehen kann, um großes Interesse zu signalisieren. Die Zahl der Rosen pro Bewerber wird begrenzt. Versuche zeigten, dass auf diese Weise deutlich mehr Paare zueinander fanden.

Roth beschäftigt außerdem, welche Bedeutung es hat, dass junge Erwachsene heute leichter Partner finden als früher. In der Nachkriegszeit seien Colleges besonders wichtige Heiratsmärkte gewesen, in den Jahren nach der Ausbildung dort sei es für junge Amerikaner ungleich schwerer gewesen, einen Ehepartner zu finden. Deshalb sei die Neigung, sich notfalls auch an einen mäßig attraktiven Partner zu binden, früher sehr viel größer gewesen als heute, wo das Internet auch in späteren Jahren viel Auswahl bietet. Roth glaubt, dass es weniger an gesellschaftlichen Normen als am Mangel an Gelegenheiten lag, dass Braut und Bräutigam bei ihrer Hochzeit früher meistens jünger waren als heute.

Der US-amerikanische Journalist Jon Birger hat in seinem bisher nur auf Englisch erschienenen Buch Datanomics das gleiche Thema wie Roth aufgegriffen, aber daten- und anekdotenreicher aufbereitet und mit einigen praktischen Ratschlägen versehen. Sein Thema ist, dass Frauen mit College- oder Universitätsabschluss schwerer Partner finden als ihre gleichaltrigen, ähnlich qualifizierten ehemaligen männlichen Kommilitonen. Der Grund ist offenbar der Wunsch der Frauen nach Partnern mit höherem Einkommen und Sozialprestige. Das hat sich kaum geändert seit der Zeit, zu der viel mehr Männer als Frauen gute Jobs hatten. Weil die Frauen inzwischen beruflich aufholen, gibt es für sie immer weniger Auswahl, solange sie ihre Vorstellungen nicht anpassen.

Birger geht diesem Phänomen mit großer Genauigkeit nach und beschreibt, welche Rolle Alter, Hautfarbe, Herkunft und Wohnort spielen. Sein Credo ist, dass Transparenz über Partner- und Heiratsmärkte den Menschen helfen könne, ihre Zukunft zu gestalten. "Man müsste 15-jährigen Teenagern klarer sagen, dass sie mit ihrer Entscheidung für eine Ausbildung auch eine Entscheidung darüber fällen, ob sie später zum Pool der Männer mit Collegeabschluss gehören, die vom Frauenüberschuss in ihrem Umfeld profitieren, oder zu einer Arbeiterklasse, deren männliche Vertreter kaum Chancen auf dem Beziehungsmarkt haben", schreibt er. "Wäre das allen klar, würden sich die Jungs viel mehr anstrengen."

Jungen, gut ausgebildeten Frauen rät Birger, in Städte mit Männerüberschuss zu ziehen, nach Denver beispielsweise. New York sollten junge Frauen auf Partnersuche dagegen eher meiden, dort gibt es zu viele andere schlaue Single-Kandidatinnen. Nur Frauen mit asiatischem Hintergrund müssen sich demnach wenig Gedanken machen. Auch mit Examen finden sie in den Vereinigten Staaten offenbar besonders leicht passable Ehemänner.

Während Birgers Buch sich vor allem mit Statistiken beschäftigt, steigt die schwedische Starjournalistin Katrine Marcal in ihrem in diesem Frühjahr auf Deutsch erschienenen Buch Machonomics – die Ökonomie und die Frauen tief in die ökonomische Theorie ein. Sie hinterfragt das Menschenbild, das in den Wirtschaftswissenschaften dominiert, und kommt zu dem Schluss, "dass noch nicht einmal Männer wie der klassische ökonomische Mann" sind.

Dabei referiert sie vor allem Erkenntnisse des israelischen Nobelpreisträgers Daniel Kahneman, der schon in den späten siebziger Jahren zeigte, dass das Gewinnstreben der Menschen häufig weniger stark ist als der Wunsch, Risiken um jeden Preis zu vermeiden. In Experimenten tun Menschen beispielsweise viel weniger dafür, fünfzig Euro zu gewinnen, als dafür, keine fünfzig Euro zu verlieren. Während solche Erkenntnisse unstrittig sind, wagt Marcal sich auf dünnes Eis mit ihrer These, dass Frauen deutlich risikoscheuer seien als Männer.

Ihrem Buch zufolge, das in Schweden ein Bestseller war, zocken Frauen demnach nicht nur seltener an den Börsen, sondern haben auch weniger spitze Ellenbogen, mehr Einfühlungsvermögen und mehr Kommunikationstalent. Frauen sind für Marcal das emotionalere Geschlecht, das sich eher als Männer den Zwängen des Kapitalismus widersetzen wolle und könne. Das gelte auch bei der Partnersuche, die aus Sicht der Ökonomen ein von Gefühlen weitgehend freies, hoch rationales Geschäft sei. "Gefühle werden zu Präferenzen und der menschliche Körper löst sich auf, wir können ihn vermieten, verkaufen oder in ihn investieren wie in eine Immobilie", schreibt die Autorin. Kann die Ökonomie helfen, die Liebe und die Liebenden besser zu verstehen? Marcals Antwort ist ein klares Nein. Wer alles richtig macht, bekommt beides: den Traumpartner und viel Geld.

Das Buch ist dennoch auch für ökonomisch versierte Leser interessant, weil es sehr genau untersucht, in welchen bisher von Wirtschaftswissenschaftlern eher selten beachteten Bereichen sich ökonomisches Denken verbreitet. Marcals Bestandsaufnahmen sind dabei spannender als ihre Thesen, und sie stehen, wie die anderen Bücher, für einen Trend.

Dass die Grenzen zwischen Waren- und Gefühlswelt verschwimmen, beschreibt etwa die israelische Soziologin Eva Illouz immer wieder. Kaffee und andere Produkte werden mit emotionalen Botschaften verkauft, im Privatleben verhalten sich die Menschen nach ökonomischen Gesetzen. Illouz hat dafür den Begriff des "emotionalen Kapitalismus" erfunden. Das Thema scheint viele zu beschäftigen. Selbst das frühere DDR-Blatt Neues Deutschland veröffentlichte gerade eine lange Serie über den Zusammenhang von Liebe und Kapitalismus. Und der Westdeutsche Rundfunk ließ vor einiger Zeit eine Show aus den neunziger Jahren wieder aufleben, Geld oder Liebe. Das klingt fast wie im Korintherbrief in der Bibel, Liebe als Verzicht. Wer in dem Quiz alles richtig macht, bekommt allerdings alles: den Traumpartner und viel Geld.