Sind zwei Millionen unerhört viel? Oder eigentlich gar kein Problem? In der vergangenen Woche hat der Hamburger Geograf Stefan Brauckmann die Ergebnisse einer bundesweiten Studie zu Städtereisen und Onlineportalen wie Airbnb verkündet. In Berlin haben Politiker schon darauf reagiert. In Hamburg sehen die Ergebnisse so aus: Pro Jahr übernachten angeblich rund zwei Millionen Touristen in mehr als 4.500 Privatunterkünften. Man habe nur Unterkünfte ermittelt, "die eine quasi-gewerbsmäßige Konkurrenz zu Hotels und Pensionen" darstellen, so Brauckmann. In Prozentzahlen heißt das: 15,7 Prozent der Übernachtungen finden in privaten Gästezimmern oder Wohnungen statt – und damit in einem sogenannten Graumarkt.

Das Verreisen per Airbnb liegt voll im Trend. Aus verständlichen Gründen – das authentische Privatwohnungsambiente mitten in der Schanze, in St. Georg oder auf St. Pauli ist eben manchmal nicht nur charmanter, sondern auch günstiger als das Designhotel an der Ausfallstraße. Andererseits: Wenn die von Brauckmann und seinem Team festgestellte Zahl von 4.500 Airbnb-Wohnungen tatsächlich zutrifft, betreibt der Sharing-Economy-Tourismus Raubbau am regulären Wohnungsmarkt und gentrifiziert Stadtteile, bei denen eine weitere Gentrifizierung eigentlich kaum mehr möglich ist. 4.500 Wohnungen, zweckentfremdet durch Urlaubsportale? Die Zahl klingt alarmierend – und das soll sie wohl auch sein. Auftraggeber der Studie ist der Immobilienentwickler GBI, der unter anderem Hotelprojekte realisiert.

In der Hamburger Stadtentwicklungsbehörde mag man dem Alarmismus nicht recht folgen. Natürlich hätten Portale wie Airbnb, Wimdu oder 9flats das Geschäft mit privaten Unterkünften angeheizt, sagt Öffentlichkeitsreferent Thomas Östreicher. "Aber die Zahl, dass 4.500 Wohnungen als Ferienapartments genutzt werden, kommt nicht von uns." Eine eigene Einschätzung hat die Behörde allerdings nicht – zum letzten Mal hatte man vor drei Jahren die Angebote der einschlägigen Plattformen ausgewertet und kam auf rund 800 Ferienwohnungen – weit weniger, als damals Mieterschutzorganisationen herausgefunden haben wollten.

Die aktuellsten Zahlen aus den Bezirken, die dafür zuständig sind, den Wohnungsbestand auf Zweckentfremdung zu überprüfen, kommen aus dem Jahr 2014: Von rund 1.200 überprüften Wohnungen wurden knapp 150 illegal zur Zimmervermietung genutzt. Wie hoch ist die Dunkelziffer? Schwer zu sagen. Zwar haben die Bezirke ihr Kontrollpersonal leicht aufgestockt, nachdem Hamburg 2013 sein Wohnraumschutzgesetz verschärft hatte. Zehn Vollzeitstellen gibt es jetzt – um eine Branche zu kontrollieren, die Jahr für Jahr die Zahl der angebotenen Zimmer und Wohnungen verdoppelt. "Völlig unterbesetzt" nennt Hamburgs Mietervereins-Chef Siegmund Chychla den Wohnraumschutz.

"Zu behaupten, derzeit gehe massenhaft Wohnraum verloren, wäre sicher übertrieben. Trotzdem nehmen wir das Phänomen ernst", sagt Behördensprecher Östreicher. "Wir gehen durch die hohen Bußgelder von bis zu 50.000 Euro von einer ganz klassischen Abschreckungswirkung aus." Und ja, man diskutiere durchaus über eine weitere Verschärfung der Regeln. Immerhin gibt es in Hamburg klare Regeln. Wer mehr als 50 Prozent seiner Wohnung privat vermietet – oder die gesamte Wohnung über 50 Prozent der Zeit –, macht sich strafbar. Will heißen: Das Rentnerpaar, das ein Zimmer über Airbnb anbietet oder die prekäre Künstlerin, die alle drei Monate mal für zwei Wochen ins Atelier zieht, um sich via Airbnb ein Zubrot zu verdienen: Sie kommen zwar nicht in Konflikt mit dem Gesetz. Problematisch könnte es allerdings werden, wenn ihnen der Vermieter auf die Schliche kommt. "Es gibt mietrechtlich keinen Anspruch auf diese Art von Nutzung", sagt Marc Meyer von Mieter Helfen Mietern. "Wer das macht, kann fristlos gekündigt werden. Das hat mit normaler Untervermietung nichts zu tun."

Ein behördliches Petzportal wie es der Berliner Senat einrichten will, auf dem sich Nachbarn anonym anschwärzen können, ist in Hamburg nicht geplant. Bei der stadteigenen Hamburg Tourismus findet man so was auch eher unpassend. "Sharing-Economy gehört zum Zeitgeist", sagt Sprecher Sascha Albertsen. "Die Grundidee von Airbnb finden wir sehr charmant, authentisch und glaubhaft." Trotzdem stehe man in Hamburg derzeit an der Schwelle zu einer problematischen Situation, meint Albertsen und nennt als Beispiele die Stadtteile St. Pauli und St. Georg. "Die Hamburger Innenstadt darf nicht entmietet werden, denn Hamburg ist nur dann ein attraktives Reiseziel, wenn es authentisch und lebendig bleibt." Und natürlich wehre sich die Hotellerie zu Recht gegen illegale gewerbliche Konkurrenten, die weder Brandschutzauflagen einhalten, noch Steuer zahlen.

Tatsächlich haben die Hotels in Hamburg allerdings derzeit wenig Grund zur Klage. Jahr für Jahr wachsen die Übernachtungszahlen in Fünf-Prozent-Schritten – für 2016 will die Branche die Marke von 13 Millionen Übernachtungen pro Jahr knacken. Da scheinen die zwei Millionen, die in Privatwohnungen unterkommen, eher ein Pappenstiel zu sein. "Wir spüren nicht, dass sich Airbnb und Co. negativ auf die Übernachtungszahlen auswirken", sagt Tourismus-Sprecher Albertsen.