Unter dem Titel "Anthropofakte. Schnittstelle Mensch" arbeiten Kulturwissenschaftler und Medizinhistoriker, Philosophen, Technikhistoriker und Literaturwissenschaftler zusammen. Der Medizinhistoriker Cornelius Borck ist einer der Forscher, die sich im Rahmen eines Verbundprojektes der TU Berlin und des Deutschen Hygiene-Museums Dresden mit dem Funktionswandel in der Prothetik beschäftigen. Mit technisch immer besseren Körper-Ersatzteilen stellt sich die Gesellschaft heute wieder einmal die Frage nach dem Wesen des Ich. Denn wir ersetzen ja schon lange ohne Bedenken Zähne, Haare, Gliedmaßen, Organe, nutzen die Möglichkeiten von Hörgeräten, Seh-Chips und Hör-Implantaten. Je nach Definition sind wir sogar heute schon Mischwesen aus Mensch und Maschine und stehen kurz davor, zum Cyborg zu werden.

Das Hygiene-Museum ist der rechte Ort, die hochfliegenden Ideen vom Cyborg (und die noch etwas futuristischeren Pläne der Transhumanisten um Ray Kurzweil zur Unsterblichkeit) zu erden. Etwa 700 Objekte, hauptsächlich aus der Kriegs- und Nachkriegsprothetik, liegen im Dresdener Archiv. Allein nach dem Zweiten Weltkrieg waren in Deutschland 200.000 Gliederamputierte zu versorgen. Zur Sammlung gehören aber auch Perücken, Zahnersatz, Schädeldecken- und Penisimplantate. Oder nach dem Brustimplantatskandal entfernte Silikonkissen des französischen Herstellers Poly Implant Prothèse.

Eines fällt auf, betrachtet man echte, gebrauchte Prothesen: Es ging zumindest bei äußerlich sichtbaren Objekten selten ausschließlich um die Wiederherstellung einer Funktion. Gleichzeitig sollte die Prothese nämlich auch ästhetische beziehungsweise symmetrische Mängel kompensieren. So wurden dem Versehrten an den hölzernen Beinersatz Schuhe geschnitzt und angemalt. Heute stecken in echten Schuhen oft aufwendig gestaltete Kunstfüße. Verlorene Arme ließen sich erst einmal zur Wiederherstellung der Arbeitsfähigkeit in der rauen Land- oder Fabrikarbeit durch grobe Zangen und Ringe ersetzen (oder, wie im Fall von Kapitän Hook in Peter Pan, durch einen Haken). Doch gleichzeitig entstanden sogenannte Sonntagshände und Schmuck- oder Kosmetikarme. Sie dienten weniger einer physischen Funktion, sondern sollten den Verlust kaschieren und Normalität, das heißt Unauffälligkeit, herstellen.

Gesellschaftlich diente der Prothesenbau nach Kriegen der Wiederherstellung der Arbeitskraft. Dem Kriegsversehrten ging es aber auch um seine Sehnsucht nach Normalität. Diese mit technischen Mitteln zu erfüllen wurde zwar auch versucht, doch letztlich blieb man erfolglos. Der "moderne" Umgang mit der Behinderung verspricht erheblich mehr Erfolg. Seit der Behindertensport dank Hightech-Prothesen in Leistungsbereiche vordringt, die bis jetzt Nichtbehinderten vorbehalten waren, greift der Gedanke um sich, dass das "Defizit" womöglich einen Vorteil darstellt; dass der Behinderte nichts zu verbergen, sondern etwas vorzuzeigen hat.

Hinweise auf alternative und geheimnisvolle Perspektiven der Behinderung gab es in kulturellen Nischen schon immer. Man stößt da nicht nur auf eine interessierte, sondern bisweilen auch erotisch konnotierte Beschäftigung mit der Behinderung. Frühe Cyborgs findet man in der Literatur und im Film. In Dürrenmatts Der Besuch der alten Dame besteht die rächende Milliardärin Claire Zachanassian, eine "Dame von Welt" mit einer ganz eigenen, "seltsamen Grazie", fast ausschließlich aus hölzernen und metallischen Prothesen. Und in François Truffauts Film Tristana gestattet die Schöne (Catherine Deneuve) erst nach der Amputation eines Beins dem Betrachter indiskrete Blicke auf ihren Körper und seine ungeübten behinderten Bewegungen.

Doch erst die späten neunziger Jahre des vergangenen Jahrhunderts machten aus dem ästhetischen Behinderten, was er bis heute ist: ein Medienthema. Die wundersame Verwandlung der Prothese in ein Objekt, in dem die Idee der Verbesserung eines defizitären Naturzustands aufscheint, geht einher mit der zunehmenden Popularität behinderter Sportler. Zum Beispiel die erwähnte Aimee Mullins. 1996 lief sie bei den Paralympics in Atlanta zwei Weltrekorde (über 100 und 200 Meter), bevor sie für eine aufsehenerregende Kampagne des französischen Modehauses Givenchy ausgesucht wurde. Und 2009, bei einem TED-Talk, bei dem es unter anderem um eine Definition von "Behinderung" ging, präsentierte Mullins einem von ihrem Selbstbewusstsein hingerissenen Publikum eine Auswahl ihrer transparenten, teils holzgeschnitzten oder auch naturnahen Ersatzbeine. Prothesen, die nicht an Kriegsverluste, Krankheiten und defizitäre Ersatzteile erinnerten. Sondern die eher technisch-ästhetische Wunderwerke waren. Mit einem gewissen Zusatznutzen. Auf der Vortragsbühne benutzte sie ihre superlangen Barbie-Beine, die sie um 13 Zentimeter größer machen. Ihre besten Freundinnen beneiden sie um diese Möglichkeit. Wer also hat hier Defizite? Und wer ist eigentlich behindert? "Pamela Anderson hat mehr Prothesen im Körper als ich – und niemand nennt sie behindert", sagt Mullins.

Heute gibt es längst auch einen einschlägigen Beruf zur Produktion von Vorzeigeprothesen: den Prothesendesigner. Prothesendesigner versuchen sich an der Herausforderung, Prothesen zu gestalten, die das Vakuum besetzen zwischen der hautfarbenen Plastik-Prothese, mit der sich zahlreiche Amputierte bisher zufrieden geben mussten, und den futuristisch aussehenden Blades, mit denen behinderte Spitzensportler über die Pisten fegen. Der Hamburger Orthopädietechniker Frank Purth etwa verkleidet Prothesen mit Oberflächen in Schlangenlederoptik oder verziert sie mit dreidimensionalen Reliefs eines Pitbulls, eines Schiffs oder einer nackten Frau.

Ähnlich arbeitet auch die Prothesendesignerin Sophie de Oliveira Barata, die in einem weiß getünchten Studio im Norden Londons normalerweise lebensecht aussehende Prothesen für Amputierte kreiert, die ihre Behinderung möglichst verstecken wollen. Seit zwei Jahren schafft sie aber auch "alternative Prothesen" für Amputierte, die genau auf ihre Ersatzgliedmaßen aufmerksam machen wollen. Das sind dann eher Kunstwerke: eine Schlange, die sich um einen Unterarm windet, eine Hand, bestückt mit einem Schweizer Messer, ein Bein mit eingebautem Lautsprecher. "Mit einer alternativen Prothese sieht man nicht, was fehlt, sondern was da ist."

Aus einem Gerät, das einem Drucker ähnelt, zieht Sophie de Oliveira Barata hautdünne Streifen Silikon. Schicht für Schicht bringt sie diese an dem Gipsabdruck von Fingern oder Beinen an und sorgt so für den richtigen Hautton. Auf den Unterschenkel, der aus einem Schraubstock auf ihrer Werkbank ragt, wird sie später mit der Hand Venen und Pigmentflecken pinseln; in diesem Fall kommen Bilder aus einem Kinderbuch hinzu. Die Prothese wird die neunjährige Pollyanna tragen: Sie brachte de Oliveira Barata erstmals auf die Idee, fantasievolle Prothesen als Geschäftsmodell anzubieten. Die damals Sechsjährige hatte sich eine Prothese mit der Cartoonfigur Peppa Pig gewünscht. "Inzwischen freut sie sich richtig auf jedes neue Bein", sagt de Oliveira Barata. "Über die Jahre habe ich sehen können, wie positiv sich der Gestaltungsprozess auf ihre Rehabilitation ausgewirkt hat."

Auch Andreas Mühlenberend, Professor für Industriedesign an der Hochschule Leipzig, ist ein Pionier in der Gestaltung von Prothesen. Als externer Designer für den Hersteller von Medizintechnik, Otto Bock, gewann er für sein erstes "Designkniegelenk" 2005 den Red Dot Design Award, ein internationales Qualitätssiegel für Designqualität. Doch "noch Mitte der Neunziger wurde das Interesse an Prothesen, die Gliedmaßen nicht naturgetreu nachahmten, als Spinnerei gesehen", sagt er. Damals begann Mühlenberend Prothesen zu entwickeln, die das verlorene Körperglied nicht imitierten, sondern neu interpretieren sollten, darunter seine "Exoskelett"-Unterschenkelprothese von 1995. Die neuartige, exoskelettale Bauweise – der Prothesenschaft wird an drei Punkten von außen gehalten im Gegensatz zur üblichen Schalen- oder Rohrskelettbauweise – stieß trotz verbesserter Elastizität und Dämpfung damals bei Versehrten noch auf Ablehnung; die Designstudie verdeutlichte aber, "dass man mit Prothesen im ästhetischen Sinn überhaupt etwas anderes machen konnte".

Heute erleben wir, dass sich das durch nichts zu kaschierende Exoskelett in allen möglichen Bereichen durchsetzt. Zunächst angetrieben durch militärische Forschung mit der Idee, den omnipotenten Soldaten zu erzeugen, findet man die Monster-Gehhilfen gegenwärtig meist in der Medizin und der Rehabilitation. Die modernen Exoskelette ersetzen gelähmte Gliedmaßen nicht wie Prothesen, sondern unterstützen sie mit einem Außenskelett, indem elektrische Motoren oder Hydrauliken die verloren gegangenen Kräfte ersetzen – und sogar übertreffen.

Die japanische Firma Cyberdyne stellt heute 550 Exoskelette pro Jahr her und verleiht sie an Krankenhäuser und Therapieeinrichtungen. Das berufsgenossenschaftliche Universitätsklinikum Bochum arbeitet seit 2012 mit Exoskeletten von Cyberdyne. Im Frühjahr 2015 hat eine Berufsgenossenschaft erstmals ein Exoskelett finanziert. 70.000 Euro kostet so ein Gerät. Und der amerikanische Hersteller ReWalk Robotics versorgt besonders schwer verletzte Kriegsveteranen mit diesen Hightech-Gehhilfen; die US-Arzneimittel-Zulassungsbehörde FDA hat den Vertrieb dieser Exoskelette abgesegnet. Neuerdings werben die Amerikaner damit, dass sie das schnellste Exoskelett auf dem Markt haben: Es rennt 2,6 Kilometer pro Stunde.

Nun zieht auch die Automobilindustrie nach. Audi macht Tests mit Teil-Exoskeletten für die Produktion: als "intelligente Stühle" bei der Arbeit in gebückter Haltung. Doch noch macht die Steuerung dieser Ungetüme Sorgen. Das Schönste wäre natürlich, könnte man sie kraft seiner Gedanken lenken.

Der menschliche Körper, so scheint es, ist zur Großbaustelle geworden. An jeder denkbaren Stelle arbeiten die Cyborg-Macher. Die umstrittenste High-End-Prothetik betrifft das Gehirn. Denn wer es schafft, Gehirnareale über Nervenersatzleiter mit externen oder implantierten Sensoren oder Steuergeräten zu "verdrahten", der kann immer mehr und komplexere Körperfunktionen unter Kontrolle bekommen. Langjährige Versuche mit Affen haben dazu geführt, dass es Wissenschaftlern heute gelingt, Elektroden mit Nerven, auch im Gehirn, zu verbinden. Was länger schon mehr schlecht als recht funktioniert, ist die Steuerung von technischen Geräten wie prothetischen Ersatzteilen über Elektroden auf der Haut, also via Hautwiderstand. Doch im vergangenen Jahr gelang es Wissenschaftlern der Universität Göteborg, einen armamputierten Kraftfahrer mit einer direkt an Nerven und Muskeln des Oberarms angeschlossenen Unterarmprothese zu versorgen. Das erfreuliche Ergebnis: Der Mann kann wieder seinem Beruf nachgehen. Und, bei Weitem nicht die Regel: Er akzeptiert die prompt und exakt seinen Gedanken folgende Prothese wie seinen eigenen Arm.

Noch weiter gehen Forscher der University of Utah. Ihre Patienten sind vom Hals abwärts gelähmt. Mit Büscheln von feinsten Elektroden überwachen Spezialisten rund 100 Nervenzellen in bestimmten Gehirnarealen. Aus den empfangenen Signalen können sie Muster herauslesen, die mit Handlungen oder auch nur Absichten korrespondieren. Sind die Signale einmal verstanden, kann man sie nutzen, um Querschnittsgelähmte zum Beispiel Roboterarme oder den Cursor eines Computers steuern zu lassen. Schon gibt es Patente auf Stecker, die im Gehirn implantierte Elektroden mit der Außenwelt verbinden.

Elektrodenzugänge zum Gehirn, Exoskelette, Hightech-Behinderte, vor deren Erfolgen Nichtbehinderte ihre Weltordnung schützen müssen – so bekommt die Prothetik durchaus futuristische Züge. Das Versprechen des Wunschkörpers liegt in der Luft, die Möglichkeit des neuen Menschen, der als Cyborg die defizitäre Natur überwindet. Doch der Diskurs über den optimierten Menschen als Ganzkörperprothese berührt Zonen der Spekulation und der Spinnerei und überschneidet sich mit literarischen Stoffen und quasireligiösen Zukunftsvisionen, erinnert an die Maschinenwesen Borgs in der Star-Trek-Reihe, an RoboCop und Schwarzeneggers Terminator. Wer allerdings weiß, wie schwer sich die Wissenschaft schon damit tut, Diabetiker mit einer künstlichen Bauchspeicheldrüse auszustatten oder ein zuverlässiges Kunstherz zu entwickeln, wer die begrenzte Haltbarkeit künstlicher Gelenke kennt und erst recht den mühsamen Versuch der Gehirnsimulation im europäischen Human Brain Project – der kann zunächst einmal relativ gelassen über Cyborgs diskutieren.

Etwa über die Frage, wer eigentlich ein Cyborg ist. Die amerikanische Literaturwissenschaftlerin und computergläubige Posthumanistin Katherine Hayles hält aufgrund der zahlreichen in den Menschen verbauten, künstlichen Ersatzteile schon heute zehn Prozent der US-Bevölkerung für Cyborgs. Überall auf der Erde, in Deutschland vorrangig in Berlin, experimentieren Mitglieder von Cyborg-Vereinen mit Chips und Magneten, die sie sich unter die Haut implantieren lassen – als Wecker, als Möglichkeiten, Metalle am Körper zu tragen oder bestimmte Frequenzen zu spüren, aber auch als Schnittstellen zwischen ihrem Körper und einem Smartphone. Neil Harbisson, ein szenebekannter britischer Künstler, kompensiert seine Farbenblindheit mit einem Gerät, das Farben in Töne übersetzt. Er kann nun Farben "hören". Der Clou: Mit seinem "Eyeborg" kann er sein Defizit sogar überkompensieren. Das Gerät ermöglicht es ihm, auch ultraviolette Strahlung wahrzunehmen. "Enhancement" lautet der Name der Verheißung, Erweiterung.

Doch trotz aller Cyborg-Vereine in den Garagen dieser Welt hat es den Anschein, dass, falls es ein Einfallstor für den Cyborg gibt, dieses gleichbedeutend mit der technischen Entwicklung der Prothetik ist. Die ebenfalls bei "Anthropofakte" mitarbeitende Philosophin Eva Schneider sagt: "Der amputierte Körper ist besonders anschlussfähig für technischen Fortschritt." Das dürfte auch eine Veranstaltung zeigen, die im Oktober in Zürich stattfindet. Cybathlon nennt sich die Show, eine Art Hightech-Paralympics. Organisiert wird der Wettkampf von Sportveranstaltern, Ärzten, Robotikfachleuten, von der ETH Zürich und Industriebetrieben. Hier wird man Querschnittsgelähmte beim Radrennen erleben, Armamputierte werden mit Hightech-Prothesen hochpräzise Geschicklichkeitswettkämpfe absolvieren, Menschen mit "intelligenten" Beinprothesen absolvieren Balanceaufgaben und bewegen sich in schwierigem Gelände. Und man wird Querschnittsgelähmte sehen, die gegeneinander wettlaufen – ausgerüstet mit einem Exoskelett –, sowie Rollstuhlfahrer, die Treppen überwinden.

Punkte gibt es für die behinderten Athleten und ihre technischen Unterstützerteams. Vermutlich wird sich aber beim Zuschauen das Gefühl einstellen, dass der wahre Sieger etwas anderes ist. Die Menschmaschine. Oder der Maschinenmensch. Der Cyborg halt.

Mitarbeit: Louise Brown