Wer kennt das nicht? Man eilt in einen U-Bahnhof, sagen wir: Jungfernstieg, und während man, das Thalia Theater im Rücken, die erste Treppe hinunterläuft ins Zwischengeschoss, hat man auf einmal so ein Gefühl. Also beschleunigt man seine Schritte, hastet die nächste Treppe hinab, ignoriert den Fahrkartenautomaten, erreicht die letzte Treppe, die zum Bahnsteig führt. Und muss gar nicht mehr links auf der digitalen Abfahrtstafel nachsehen, wann die vermaledeite U2 Richtung Niendorf Nord nun losfährt, denn das Gefühl hatte recht: Von der obersten Treppenstufe aus sieht man schon die Reflexion der U-Bahn-Scheinwerfer unten auf den Gleisen. Und das, was jetzt kommt, ist immer dasselbe: Man stolpert die Treppe hinunter, noch schneller als bisher, rutscht aus, fängt sich wieder, aber man weiß genau, dass es keinen Sinn hat. Und tatsächlich: Schon piepst es, die Türen schließen sich. Und gerade ist man unten, da setzt sie sich in Bewegung, die U-Bahn, und lässt einen mutterseelenallein zurück auf dem Bahnsteig.

Man hört sich fluchen. Man denkt daran, wie sie nun kichern, die Leute, die einen vom Zug aus die Treppe herunterhüpfen sahen wie einen durchgeknallten Frosch. Man weiß, dass der U-Bahn-Fahrer einen hasst, die U-Bahn auch. Und dass der Rest des Tages nun im Eimer ist, dass das verspätete Abendessen nicht schmecken und es Streit mit der Familie geben wird, zumindest mit dem Teil der Familie, der nach der letzten derart verpassten U-Bahn nicht weggelaufen ist – aber halt! So weit muss es nicht kommen! Seit dem griechischen Philosophen Epiktet wissen wir, dass über das persönliche Glück nicht die Ereignisse entscheiden – sondern das eigene Urteil. Mit Blick auf die vor der Nase weggefahrene Bahn raten Psychologen zu "radikaler Akzeptanz": Die U-Bahn ist weg, ja und? Vielleicht liebt sie mich trotzdem. Und empfehlen dann: "Reframing".

Statt also die Treppe hinunterzuhasten, könnten Sie entspannt hinabschlendern, ein Pfeifen auf den Lippen, könnten den schadenfroh gaffenden Mitfahrern herzlich hinterherwinken – und dann die nur vier Minuten bis nur nächsten Bahn dazu nutzen, Ihre Familie anzurufen und zu verkünden, dass Sie beschlossen hätten, alle ins Restaurant einzuladen, denn es gebe noch mehr als Job und Hetze, das habe Ihnen die U-Bahn, die Hochbahn, die ganze Welt eben gezeigt, und das müsse man feiern.

Sie haben natürlich recht: Wenn Sie das jeden Tag tun, wird es teuer.

Insofern: Warum kommen Sie nicht einfach eine Minute früher?