Am 4. Mai 1945 strampelte der erste amerikanische Soldat auf einem Fahrrad, von Bayern kommend, auf österreichisches Gebiet. Als Teil eines Vortrupps nahm er in einem Vierkanthof Quartier, der zur Brauerei Schnaitl in Gundertshausen gehörte. Der GI verständigte sich problemlos mit den Bewohnern des Gehöftes. Er hieß Ernst Florian Winter, war 21 Jahre zuvor in Wien auf die Welt gekommen und 1938 vor der nationalsozialistischen Verfolgung quer durch Europa und schließlich in die USA geflohen.

Winter hatte sich mit 18 Jahren als Freiwilliger zur US-Armee gemeldet. Er wurde auf der Militärbasis Camp Hale im Bundesstaat Colorado bei der neuen US-Gebirgsdivision ausgebildet und schließlich als Dolmetscher eingesetzt.

Der Wiener in amerikanischer Uniform war einer von Tausenden Hitler-Flüchtlingen die in der US-Armee dienten. Ihr Beitrag zur Niederschlagung des Nationalsozialismus ist heute in Österreich weitgehend vergessen. In einem neuen Buch beleuchtet der Grazer Historiker Florian Traussnig nun die Geschichte dieses Militärischen Widerstandes von außen.

Am bekanntesten ist noch die kuriose Episode um das sogenannte Austrian Battalion. Die New York Times meinte, die 1942 ins Leben gerufene Einheit sei zur Restauration der Habsburgerdynastie gedacht und ihre führenden Kräfte seien ein "Haufen von Austrofaschisten und Royalisten". Ein Armeebericht zieht im Jahr darauf, als die Einheit wieder aufgelöst wird, Bilanz: "Marches: none. Campaigns: none. Battles: none."

Es war von Anfang an schwierig, Freiwillige für das Austrian Battalion zu gewinnen. Schließlich wurde versucht, auch solche Soldaten zu verpflichten, die aus ehemaligen Kronländern der Monarchie stammten. Gerade diese Rekruten hatten aber in Erinnerung an den früheren "Völkerkerker" des Habsburgerreiches keinerlei Interesse am Österreichpatriotismus der Offiziere. Ähnlich ging es den politisch links stehenden Emigranten. Ein Rekrut fasste die Stimmung treffend zusammen: "Ich kann ein guter Soldat sein. Aber nicht in diesem Bataillon. Ich will nicht für Otto kämpfen. Ich möchte für Amerika kämpfen."

Die Motivation der österreichischen Flüchtlinge, in der U.S. Army zu dienen, war unterschiedlich. Viele wollten ihrem neuen Heimatland zur Seite stehen, anderen ging es vorrangig darum, dem mörderischen Treiben der Nationalsozialisten in Europa ein Ende zu setzen. Jene, die noch Familie und Freunde in Europa hatten, beschrieben, wie der aus Wien stammende Leo Glückselig, Schuldgefühle: Freunde und Familienmitglieder waren in Europa tödlicher Gefahr ausgesetzt, sie jedoch befanden sich in der Sicherheit des Exils.

Für die österreichischen Rekruten funktionierte die Armee als Amerikanisierungsmaschine. Soldaten gelangten auf schnellem Weg zur US-Staatsbürgerschaft, durch die G.I. Bill standen ihnen Bildungsmöglichkeiten offen, die sie aufgrund der NS-Herrschaft abbrechen mussten. Anstatt Teil einer Exilarmee zu sein, die auf ein neues Nachkriegsösterreich ausgerichtet war, wurden sie zu patriotischen Amerikanern. Die meisten kehrten nach dem Krieg nicht nach Österreich zurück. Eine Armee-Inspektion kam zu dem Schluss: "Actually most of the men, even the true Austrian nationals, are desirous of obtaining the US citizenship and wish to lose their identity as Austrians."

Bald nach Kriegseintritt hatte die Militärbehörde den spezifischen Wert deutschsprachiger Soldaten erkannt: Ihre Sprachkenntnisse und ihr kulturelles Know-how machten sie sowohl für den neu gegründeten Geheimdienst OSS als auch für die kämpfende Truppe bei Verhören von Kriegsgefangenen wertvoll. Darüber hinaus wurden speziell die Österreicher als Ausbildner und Soldaten der neu gegründeten Gebirgseinheiten eingesetzt.

Bereits ab 1942 wurden im legendären Camp Ritchie in Maryland die sogenannten Ritchie Boys trainiert. Es muss dort einen massiven Anteil an Österreichern gegeben haben. Ein Zeitzeuge erinnerte sich daran, dass diese Truppe sich weigerte, bei einem Marsch Das Wandern ist des Müllers Lust zu singen, und stattdessen spontan das Lied der Wiener Kinderfreunde anstimmte: Wir sind jung, die Welt steht offen.

Auf dem Gelände dieses Military Intelligence Training Center gehörte die Präsenz einer 200 Mann starken Truppe in Wehrmachtsuniform zum Alltag. Es handelte es sich dabei um oft jiddischsprachige Amerikaner, die zu Trainingszwecken den Ritchie Boys als Verhörpersonen dienten. Sie antworteten auf die Fragen der Verhöroffiziere in Ausbildung nach vorgeschriebenen Skripten. Der Drill zeigte bald Früchte. Die US-Armee sollte während ihres Kampfeinsatzes 90 Prozent ihrer Feindinformationen aus Verhören von Kriegsgefangenen erhalten, die von den Ritchie Boys durchgeführt wurden. Die dort Ausgebildeten waren auch als antifaschistische Flugblatt-Propagandisten tätig, loteten die Stimmung bei den deutschen Truppen aus und berichteten über die Positionierung der Verbände der Wehrmacht. Sie waren es, die kriegswichtige Dokumente sicherstellten und auch eine Vielzahl an Kriegsverbrechen dokumentierten.

Häufig kam es zu der Situation, dass eben erst dem Holocaust entkommene Flüchtlinge in Verhörsituationen hochrangigen Nationalsozialisten gegenübersaßen. Der 1938 aus Wien geflohene Autor und Regisseur Georg Troller berichtete, wie er sich unvermutet seinem antisemitischen Wiener Schulwart Ertel gegenüber fand, der "im März ’38 den alten Professor Kastler reiben" ließ, also zwang, auf Knien mit einer Bürste die Straße zu putzen.

Eine andere Gruppe ehemaliger Österreicher wurde in das Armeelager Camp Hale inmitten der Rocky Mountains verlegt. Dort wurden die "Schussboomers" der 10. Gebirgsdivision ausgebildet, eine Truppe die ursprünglich aufgestellt worden war, um eine erwartete Invasion der NS-Truppen in den Höhenzügen Neuenglands im Nordosten der USA zurückzuschlagen, schließlich allerdings dem Sturm auf die Alpenfestung dienen sollte. Vor ihrem Einsatz wurden die Truppen deshalb unter Anleitung österreichischer skiing instructors, unter ihnen Hannes Schneider, der Skipionier aus St. Anton, sowie die beiden Trapp-Brüder Werner und Rupert, im berühmten Arlberg-Stil unterrichtet.

In der damaligen Berichterstattung, in der Erinnerung vieler Zeitzeugen und in den Berichten einiger Historiker treffen hier Naturromantik und europäischer Alpenmythos auf das amerikanische Wild-West-Narrativ. In der Realität war Camp Hale jedoch ein Ort mit einem besonders harten Trainingsregime. Die eleganten Schwünge des Arlberg-Stils ließen sich mit schwerem Gepäck und Waffen kaum in den Schnee ziehen.

Die Soldaten mussten Höhen- und Kältetrainings absolvieren, bei denen sie in 4.000 Meter Höhe Temperaturen von knapp 50 Grad unter null ausgesetzt waren. Neben sportbegeisterten Skipionieren, Montanisten und Kletterern, die sich freiwillig gemeldet hatten, landeten auch zahlreiche Rekruten bei den Gebirgsjägern, die keinerlei Interesse an dieser Art von Ausbildung hatten. Während der Österreicher Rudolf Anzböck schrieb, er habe genau den Posten bei der Armee bekommen, für den er am besten geeignet sei, nannten andere das Ausbildungslager in den Rockys nur "Camp Hell".

Die Gebirgsjäger, die Anfangs oft noch als " ski snobs " verächtlich gemacht wurden, kamen schließlich im Februar 1945 in den nördlichen Apenninen bei der Offensive auf dem Riva Ridge zum Einsatz. Eher der Fantasie entsprungen dürfte jedoch der Bericht eines Reporters aus Seattle sein: Die österreichischen Skiprofis und nunmehrigen US-Soldaten würden sich, so schrieb er, mit dem Kampfschrei " Ski Hail! " auf die entsetzten deutschen Verteidiger stürzen und deren Linien überrennen. Mit diesem Sieg kam der ins Stocken geratene Vormarsch der angloamerikanischen Truppen in Richtung Norden wieder in Schwung. Der Wiener Journalist und KZ-Überlebende Philipp Winter, der sich als Sanitäter bei den Gebirgsjägern befand, erinnerte sich später an die Freudenbekundungen der italienischen Bevölkerung. Er berichtete von Jubel, von Umarmungen, von Salami, Eiern, Brot und Wein, die den Befreiern geschenkt wurden. Die Mehrheit der Österreicher unter den US-Soldaten gelangte jedoch nicht als Sieger und Befreier nach Österreich. Viele wurden bereits vorher an andere Kriegsschauplätze versetzt oder entlassen. Traussnig berichtet allerdings davon, dass einige der Skisoldaten kurz nach der Niederschlagung des Nationalsozialismus auf österreichischen Pisten Rennen fuhren.

Für die meisten Österreicher, die als US-Soldaten am Sieg über das NS-Regime mitgewirkt hatten, funktionierte die Integrationskraft der Army: Sie kehrten vom europäischen Kriegsschauplatz nach Amerika zurück, wurden US-Bürger und nutzten die großzügigen Bildungsmöglichkeiten für Veteranen. In Österreich waren der Geist des Nationalsozialismus und der Antisemitismus 1945 nicht verschwunden und wie der US-Armee-Veteran und Wiener Autor Karl Frucht nach einem Wienbesuch notierte: "Für mich ist Wien wie ein Friedhof ... es fehlen einfach die Juden."

Florian Traussnig: Militärischer Widerstand von außen – Österreicher in US-Armee und Kriegsgeheimdienst im Zweiten Weltkrieg. Böhlau-Verlag, Wien 2016; 360 Seiten, 39,99 €