In jenem Moment, in dem die Last von Reiner Haseloff endlich abfallen müsste, sieht er aus wie ein Mann, dem nun erst recht das Gewicht der ganzen Welt auf den Schultern liegt. Der Montag dieser Woche, Sachsen-Anhalts CDU-Ministerpräsident ist vom Landtag gerade wiedergewählt worden, im zweiten Wahlgang haben die Stimmen für ihn dann doch noch gereicht, immerhin. Er ist jetzt Regierungschef einer schwarz-rot-grünen Koalition, "Kenia" genannt und nie da gewesen in Deutschland.

Jubel?

Nein. Er, Haseloff, steht nun vorn am Rednerpult, aber er hält keine Siegerrede, er hält nicht die Ansprache eines stolzen Regenten.

Er hält – stattdessen – eine Rede, in der große Sorge steckt. "Das Land Sachsen-Anhalt, unsere Heimat", sagt er, "ist in einer ganz besonderen Situation." Er sagt: "Eine weitere Polarisierung unserer Gesellschaft dürfen wir nicht zulassen." Dann erinnert er daran, dass all jene, die die DDR erlebt haben, doch sehr genau wüssten, dass Demokratie nicht selbstverständlich sei.

Und er will damit natürlich sagen, dass manchen in Sachsen-Anhalt offenbar die Demokratie zu selbstverständlich geworden ist.

Sachsen-Anhalt. Dieses Bundesland erlebt, nach dem historischen Wahlerfolg der AfD im März mit ihrem 24-Prozent-Ergebnis, politische Umwälzungen. Die SPD, mit 10,6 Prozent nur noch der Schatten einer einst stolzen Regierungspartei, ist vor allem damit beschäftigt, permanent die eigenen Vitalfunktionen zu prüfen: Leben wir noch? Die Grünen, knapp in den Landtag eingezogen, sind im Parlament weiter geschrumpft – fünf Abgeordnete sitzen da nur mehr, und zwar in Einerreihe hintereinander. Ein grüner Strich im Parlament.

Und dann – ja dann gibt es jetzt auch noch diese unberechenbare, diese panische Fraktion. Nicht die AfD, die musste noch gar nicht viel tun, um Unruhe zu stiften. Panisch und unberechenbar, das ist derzeit die CDU.

Gleich fünf Abgeordnete seiner schwarz-rot-grünen Kenia-Koalition haben Haseloff im ersten Wahlgang am Montagvormittag die Zustimmung verweigert, vermutlich waren es sogar Abgeordnete seiner eigenen Partei. Er hatte, heißt es, damit gerechnet, dass es Abweichler geben würde. Aber gleich fünf, die ihn knallhart durchfallen lassen? Dass es diese Abweichler gibt, ist ein Beleg für die Verunsicherung der CDU nach dem Wahlschock. Es zeigt, dass sie zerstritten ist. Dass Reiner Haseloffs Autorität nicht mehr dieselbe ist, dass er Schwierigkeiten hat, seine Partei auf eine Linie einzuschwören.

15 Direktmandate eroberte die "Alternative" bei der Landtagswahl; größtenteils in Gegenden, in denen früher noch verlässlich CDU-Leute triumphiert hatten. Wie soll die CDU umgehen mit diesen Neuen, die plötzlich die Wähler vor der eigenen Haustür für sich erobern können? Auf diese Frage hat die CDU keine Antwort, daran reibt sie sich auf. Man könnte sagen, dass die AfD ihre erste Mission gewissermaßen schon erledigt hat: die Volkspartei zur Verzweiflung bringen, ein Hauen und Stechen in deren Reihen auslösen. Mindestens zwei Flügel gibt es in Haseloffs Union. Die einen würden die AfD gern mit deren eigenen Waffen schlagen – mehr Rechtsaußen-Politik, mehr Law and Order, eine schöne Prise Populismus. Sie wollen sich, gewissermaßen, von der AfD nicht die besten Waffen aus dem Schrank nehmen lassen.

Die vom anderen Flügel in der CDU sagen, es sei des Teufels, den Leuten von der AfD auch nur zu lange in die Augen zu blicken! Jedenfalls dürfe man sie nicht ernst nehmen, nicht aufwerten, nicht noch größer machen.

Reiner Haseloff steht irgendwo dazwischen. Er hat sich einerseits von Angela Merkels liberaler Flüchtlingspolitik früh abgesetzt, vorsichtig, aber doch entschieden. Er will die AfD andererseits auch nicht rechts überholen, jedenfalls erweckte er bislang den Eindruck, das nicht tun zu wollen. Ihre Themen aufgreifen, ihr das Spielfeld bei konservativen Wählern nicht überlassen – das möchte er aber schon versuchen. "An der rechten Flanke", so sagte es Haseloff gerade in der Mitteldeutschen Zeitung, "hat die CDU Handlungsbedarf".