Ich habe einen Schrebergarten in Deutschland. Wenn Sie meinen, dass mir das peinlich sein müsste, dann denken Sie wie die allermeisten meiner Bekannten. Es ist ein paar Jahre her, dass meine Frau mich zur Pacht einer Parzelle überredet hat. Wann immer ich in Gesellschaft davon erzählte, erntete ich eisiges Schweigen. Einer meiner Bekannten sagte in herablassendem Ton: "Du hast jetzt also so ein kleines Stück reglementierte deutsche Erde mit einer Fahne drauf?!" Ein anderer lachte nur laut, klopfte mir auf die Schulter und wandte sich ab. Von da an behielt ich es lieber für mich wie ein kleines, eingezäuntes Geheimnis.

Denn ich verstand das ja. Kleingarten und Kleingeist kamen auch mir damals noch vor wie ein und dasselbe. Die Hecken zwischen den Parzellen hielt ich für die Festungsmauern der Spießer. Ich meinte, dass die Weite eines Schrebergartens in etwa der Weite des Horizonts seiner Besitzer entsprach. Kleingartenkolonie: eine enge Welt voller Vorschriften, Rückzugsort der deutschen Ordnungshuber.

Heute denke ich anders. Ich habe inzwischen viel Zeit im Schrebergarten verbracht. Ich bin meiner Frau darüber ein passabler Gärtnergehilfe geworden, gehe aber auch zu Versammlungen unseres Kleingartenvereins. Ich weiß nun, dass es sich mit dem bourgeoisen Bild vom Leben in den Schrebergärten verhält wie mit den meisten Klischees: Es handelt sich um ein Missverständnis, das auf Tatsachen beruht.

Klar, Schrebergärten sind spießig. Und sie sind auch nicht das vergessene Idyll vor der Haustür, als das sie in Hipsterzeitschriften in letzter Zeit verkauft werden. Ich erlebe immer wieder, wie junge Menschen mit solchen Hoffnungen in die Kolonie kommen und an deren Realität abprallen.

Vergangenes Jahr zum Beispiel lief ein Junge den Finkenweg entlang, seine Mutter in ein paar Metern Abstand hinterher. "Jacob, aufpassen! Der Graben!", rief sie. "Jacob, aufpassen! Die Hecke!" Die besorgte Mutter gehörte zu jener jungen, weltoffenen Städtergeneration, die die Schrebergartenkolonien als verlorenes Eden entdeckt zu haben meint. Der Junge blieb vor einem offenen Gartentor stehen. Ein giftgrünes Schild auf einem Pfahl hatte seine Aufmerksamkeit erregt. Der Junge las langsam, aber deutlich vernehmbar: "Brust...vergrößerung durch Hand...auflegen!"

In diesem Augenblick erreichte ihn seine Mutter. "Mama, was heißt das?" Er wies auf das Schild. Sie zögerte. Der Junge las auch die nächsten Worte: "Termine nach Vereinbarung!" Seine Mutter packte ihn an der Hand und zog ihn weg. Ich weiß nicht, was sie in dem Moment gedacht hat, aber sie dürfte sich in allen Vorurteilen, die sie gegenüber Schrebergärtnern je hatte, bestätigt gefühlt haben: Sexisten, Patriarchen, Kleinbürger, Rassisten und so weiter und so fort. Der Typ Mensch, dem man nicht begegnen will.

Und natürlich gibt es solche Menschen auch in der Kleingartenkolonie. Als langjähriger Besitzer eines Schrebergartens weiß ich aber: Hier gedeiht noch viel mehr. Von meiner Parzelle aus kann ich auf einen Blick sehen, dass Herr Meier, der Friseur von Beruf ist, seine Hecken akkurat stutzt. Herr Tuncay dagegen grillt gerade, eingehüllt von weißem Rauch, Hühnchen, und Herr Goodluck aus Kamerun liest im Schatten eines Baumes sein Buch. Ich gebe zu, dass mich die räumliche Nähe zu all diesen Menschen zu Beginn störte.

Doch nach und nach begriff ich, dass man Deutschland gerade wegen dieser Nähe vielleicht nirgendwo so gut kennenlernen kann wie in einer Schrebergartenkolonie. In all seiner Widersprüchlichkeit. Deswegen bleibe ich. Hier begegnet mir die Republik in vielen kleinen Geschichten, die sich wie von selbst zu dem Bild eines Landes verweben, das beharrlich festhält am Eigenen und sich dabei doch permanent verändert, aus Überzeugung, Einsicht oder eben nur, weil es nicht anders geht.