Zündeten die Attentäter ihre Bombe am falschen Ort? Waren die Täter womöglich Rechtsextreme, die es nicht auf die Sikh-Gemeinde abgesehen hatten, sondern auf die Muslime der Al-Faruq-Moschee zwei Gebäude die Straße runter? Fragen, die auch am Donnerstag im Polizeipräsidium gestellt werden. Die Behörden hatten die Presse kurzfristig zur Konferenz geladen. Nach einer ersten Festnahme zweier Verdächtiger am Mittwoch konnten sie nun die mutmaßlichen und teilweise bereits geständigen Täter präsentieren. "Nach nur etwa 100 Stunden sind wir froh, ihnen einen Erfolg verkaufen zu können", sagte Polizeipräsident Frank Richter. Einer der beiden Täter hatte sich in der Nacht selbst den Behörden gestellt und auch den Hinweis auf seinen Komplizen geliefert, den die Polizei in seinem Elternhaus festnahm. "Der Fahndungsdruck war sehr hoch", sagt Richter. Mit Fotos einer Überwachungskamera der Essener Verkehrsbetriebe und einem Video vom Tatort, die die Polizei im Internet veröffentlichte, konnten die Täter gefunden werden.

Diese seien schon früher aufgefallen und hätten "klar Bezüge zur islamistischen Terrorszene". Die Polizei gehe deshalb davon aus, dass es sich um "religiös eingefärbten Terrorismus" handle. Näheres wollte der Polizeichef jedoch nicht sagen. Nach wie vor werde im Umfeld der Beschuldigten ermittelt. Außerdem seien sie besonders zu schützen: Die Täter sind erst 16 Jahre alt.

Das Attentat eines Sympathisanten des Islamischen Staates erfuhr fast eine Woche lang eine ähnlich erschreckende Nichtbeachtung wie die Anschläge auf Unterkünfte für Asylbewerber. Mit der Ruhe um den Sikh-Tempel sollte es nach der Pressekonferenz jedoch vorbei sein. Innerhalb von wenigen Stunden wurde in den Medien das Umfeld der Täter ausgeleuchtet, Verbindungen zu islamistischen Terrorzellen wie der "Lohberger Brigade" oder der Koran-Verteilaktion "Lies!" gezogen. Inzwischen hat das Landeskriminalamt bestätigt, dass einer der Täter bereits seit 2014 als Extremist aufgefallen ist. Der Gelsenkirchener habe in der Schule die Gräueltaten des IS verherrlicht und eine jüdische Mitschülerin gedroht, ihr das Genick zu brechen. Vor wenigen Monaten soll er seine Ausreise nach Syrien geplant haben. Er nahm seit November 2014 am nordrhein-westfälischen Salafismus-Präventionsprogramm "Wegweiser" teil. Sein Komplize aus Essen nutzte bei Facebook den Nutzernamen "Kufarkiller", Killer der Ungläubigen. Auch er bekundete seine Sympathien für den IS.

Einer, der sich von Anfang an für das Schicksal der Sikh interessierte, ist der Essener Oberbürgermeister Thomas Kufen. Auch er kam an diesem Donnerstagnachmittag zur Pressekonferenz ins Polizeipräsidium. Für den Christdemokraten ist der Anschlag Chefsache – wie so vieles, das in seiner Stadt aktuell im Argen liegt. Am Sonntagmorgen schon begleitete er den indischen Generalkonsul, der extra aus Frankfurt angereist war, zum Tempel, um den Tatort zu besichtigen und um seine Solidarität mit der Gemeinde zu bekunden. "Ich bin auch der Oberbürgermeister der Sikh", sagt er im Gespräch mit Christ&Welt. Und: "Essen bleibt bunt." Reichlich ungewöhnlich für einen CDU-Politiker. Nicht aber für einen, der fünf Jahre lang Integrationsbeauftragter der Landesregierung war.

"Brüssel liegt näher als Berlin", habe er den Essenern immer wieder gesagt, seit er vor einem halben Jahr die SPD im Amt ablöste. Dass der erste Sprengstoffanschlag von Islamisten nun aber tatsächlich seine Stadt treffen würde, hätte der 42-Jährige dennoch nicht für möglich gehalten. "Die Probleme sind nicht über Nacht gekommen, sie werden nicht über Nacht verschwinden", sagt er. Kufen will die Sachen selbst anpacken. Auch Altendorf, das Viertel, aus dem einer der beiden Täter stammt, hat Kufen vor Kurzem zur Chefsache erklärt. Der Oberbürgermeister stattete dem Stadtteil einen Besuch ab. Im Gespräch betont er die guten Seiten, das, was klappt in Altendorf: Der Stadtteil hat einen neuen Park und ein Neubaugebiet inklusive See bekommen.

Essen-Altendorf ist nicht Brüssel-Molenbeek, auch wenn die Lektüre der Lokalpresse regelmäßig den Anschein erweckt. Nördlich der A 40, sagt man in Essen, beginnen die Probleme – große Probleme. Vor Kurzem wurde hier ein Mann auf offener Straße angeschossen, viele Fassaden sind verwahrlost, Armut prägt an vielen Stellen das Straßenbild.

Aber was kann ein Oberbürgermeister schon tun? "Wir müssen rein in die Shisha-Bars", sagt er. Auch die Eltern der Jugendlichen seien Teil der Lösung. Dass die Täter noch so jung sind, schockiert ihn. Er könne sich nicht vorstellen, wie ein Mensch in diesem Alter auf die Idee komme, andere Menschen töten zu wollen. "Was habe ich mit 16 gemacht?", fragt er sich. Höchstens habe er sich mal zu einem Rollenspiel hinreißen lassen. "›Das schwarze Auge‹ war damals in", erinnert er sich. Und politisch sei er natürlich gewesen. Mit 16 wurde er Mitglied der CDU. "Aber radikal war ich nie", sagt er.

Dass der Oberbürgermeister auch zum Nagar Kirtan gekommen ist, freut Puja Kaur Matta. Die 24-jährige Ethnologiestudentin ist extra per Mitfahrgelegenheit aus Mainz ins Ruhrgebiet gekommen, um ihrerseits Solidarität mit ihren Glaubensgeschwistern zu bekunden. Ihre Meinung hatte sie bereits am Montag nach dem Anschlag auf Youtube kundgetan. Sie ärgert sich darüber, dass sich so wenige für den Anschlag interessieren. "Terror ist immer nur dann Thema, wenn er gegen Weiße gerichtet ist", sagt sie. Der islamistische Terror richte sich aber auch gegen Muslime. Er betreffe immer die ganze friedliche Gesellschaft.

Die Theorie, die Sikh seien womöglich gar nicht das eigentliche Ziel gewesen, bestreitet sie. "Die Täter kennen sich mit Nicht-Weißen besser aus als weiße Polizisten", sagt sie. Die erste Pressemeldung der Essener Feuerwehr gibt ihr in diesem Punkt recht. Von "ausländischen Mitbürgern" war dort die Rede. Und auch die Medien taten sich anfangs schwer. Sie hielten die Sikh mal für Muslime, mal für Hindus. "Jetzt hilft nur vorbehaltlose Aufklärung", sagt Puja Kaur Matta.

Ursprünglich sollte die Prozession der Sikh am vergangenen Samstag von ihrem Tempel auf den zentralen Kennedyplatz in die Innenstadt ziehen. Doch der Platz, so die Polizei, sei schlecht einzusehen. Der Nagar Kirtar wurde verlegt. Aus dem Zentrum der Stadt, raus an ihren Rand.

Überregionale Medien berichteten erst darüber, als klar war, dass die Täter dem islamistischen Spektrum zuzurechnen sind.