Fragt man Lee Hyun-Eui nach seinem Job, redet er wie Wyatt, der Held aus Easy Rider. "Ich wollte nie jemand anderes sein", sagt der Koreaner. Wie Wyatt brettert Lee mit einem Chopper über die Straßen. Und so wie sich der rebellische Biker im Film den Normen seiner Gesellschaft widersetzte, ist auch Lee Hyun-Eui ein untypischer Fall.

Ruft man ihn auf seinem Handy an, schmettert eine E-Gitarre anstelle des Freizeichens. Statt über Smartphones oder Baseball (ansonsten die Lieblingsthemen in Südkorea) spricht Lee über Auspuffe und Motoren. Vor mehr als zehn Jahren gründete er seinen Kleinbetrieb Moon Choppers, um Motorräder und Autos zu tunen. Doch obwohl Südkorea eine seit Jahrzehnten wachsende Autoindustrie hat, blieb das Aufmotz-Geschäft winzig klein. "Ich kenne kein Unternehmen, das so etwas macht wie ich", sagt Lee.

Dass es bis heute kaum Betriebe wie Moon Choppers gibt, ist paradox. Der Unternehmer Lee nennt es sogar "absurd". Mit weltweit erfolgreichen Marken wie Kia und Hyundai ist Südkorea zur fünftgrößten Auto-Nation der Welt aufgestiegen. Der Tuningmarkt aber ist mit umgerechnet knapp 400 Millionen Euro nur ein gutes Fünfzigstel so groß wie der deutsche Markt. Wenn die Koreaner so gut Autos bauen können, warum schrauben sie nicht an ihnen?

Das fragt sich nicht nur Lee Hyun-eui, sondern nun sogar seine Regierung. Ein Analysepapier kam vor Kurzem zu dem Schluss, dass die Tuningbranche viel größer sein könnte. Der Grund: Südkoreas Politik sucht seit Längerem nach Branchen, die künftig Wachstum erzeugen könnten, das heute auf nur sehr wenige Großkonzerne beschränkt ist. Schon jetzt ist die steigende Jugendarbeitslosigkeit ein Problem.

Im April präsentierte die Regierung nun die Lösung: Die Tuner sollen den Karren mit aus dem Dreck ziehen. Durch gelockerte Gesetze und Förderprogramme soll die Branche angeheizt und sollen bis 2020 deren Jahresumsätze verachtfacht werden. 40.000 Menschen sollen dann ihr Einkommen mit dem Tüfteln verdienen, das wären viermal so viele wie bei einer Erhebung im Jahr 2012.

Schrauber kurbeln die Wirtschaft an? Das klingt zunächst nicht nur aberwitzig, in Korea kommt es auch einem radikalen Kulturwandel gleich. Bisher war nämlich fast alles verboten. Die Front- oder Rücklichter durch hellere Strahler zu ersetzen kann schon mal eine Strafe von über 2.000 Euro nach sich ziehen. Veränderungen am Motor sind gar nicht erlaubt. Der offizielle Grund für die Strenge: Sicherheit. Ein wichtiger weiterer, inoffizieller Grund dürfte derselbe sein, aus dem man eigentlich einen größeren Markt für Autoteile erwarten würde: die großen Autobauer Hyundai und Kia.

"Die großen Hersteller haben alles, was mit dem Auto zu tun hat, als ihre Domäne begriffen. Wer ein Problem mit seinem Auto hat, soll das nur vom Hersteller beheben lassen. Und wer mehr Leistung aus seinem Fahrzeug rausholen will, soll es, wenn überhaupt, auch dort probieren", sagt Lee Tong-Won. Lee ist seit einem Jahr Südkoreas erster Professor für Tuning. Sein Job am Ajou Motor College ist es, jungen Ingenieuren das Tüfteln beizubringen und eine neue offizielle Tunerberufsausbildung zu etablieren. Neben den typischen technischen Herausforderungen kennt Lee ein weiteres Problem. "Tuner haben in Korea nicht den besten Ruf." So habe eine Umfrage gerade gezeigt, dass mehr als die Hälfte der Befragten eine negative Einstellung gegenüber Tuning hatten, das Ganze für etwas Illegales hielten. Die Autokonzerne, beobachtet Lee, hätten auch nicht viel dafür getan, an diesem Image etwas zu ändern. So blieb der erste Einwand gegen das Aufmotzen bisher immer die Sicherheit.

Das hat seine Gründe. In den Jahrzehnten des Wirtschaftswunders, als Südkorea von einem der ärmsten Länder der Welt in den 1950er Jahren bis in die 1980er Jahre zu einer Industrienation aufstieg, lautete das geflügelte Wort: ppalli ppalli – zu übersetzen mit "ruckzuck." Dem wirtschaftlichen Fortschritt wurde vieles untergeordnet.