Er weiß, was er seinen Fans schuldig ist. Gleich in der Einleitung seines neuen Buchs bringt Thilo Sarrazin ihn, den Satz, auf den sie alle warten: Mit der Öffnung der Grenzen für die Flüchtlinge habe Angela Merkel "die größte politische Torheit seit dem Zweiten Weltkrieg" begangen, Deutschland drohe angesichts des Ansturms von "Millionen kulturfremden Einwanderern mit durchschnittlich niedriger kognitiver Kompetenz" der Abstieg, und um die Risiken ihrer Entscheidung zu vertuschen, habe die Kanzlerin "verharmlost und geschwindelt".

Es wäre aber falsch, dieses Buch auf derlei literarische clickbaits zu reduzieren. Denn Sarrazin holt zu einer Fundamentalkritik am Politbetrieb aus, der nicht mehr in der Lage sei, die Herausforderungen zu meistern, mit denen das Land konfrontiert sei. Wunschdenken ist eine Art Manifest für all jene, die das Land nicht nur in der Flüchtlingspolitik auf einem falschen Kurs wähnen – und die zum Teil dramatischen Stimmenverluste für die großen Volksparteien in den vergangenen Monaten sind ein Indiz dafür, dass ihre Zahl zunimmt.

Seinem Publikum präsentiert Sarrazin auch gleich eine einfache Erklärung für das von ihm konstatierte Versagen der Politik. Es sei darauf zurückzuführen, dass sich Politiker von einem "utopischen Denken" leiten lassen, das zunehmend an die Stelle der technokratisch inspirierten Problemlösung vergangener Jahrzehnte trete. Im Bestreben, die Welt zu einem besseren Ort und es allen recht zu machen, setzten sie "Wünsche an die Stelle der Wirklichkeit" und blendeten dabei "die realen Zusammenhänge" aus. Diese realen Zusammenhänge – das sind für Sarrazin die Gesetze der Ökonomie und der menschlichen Natur, denen er eine überzeitliche Geltung zuspricht. Wer sich als Politiker über diese Gesetze hinwegsetzen will, der muss aus Sarrazins Sicht scheitern.

Das hält die Regierenden aber nicht davon ab, es immer wieder zu versuchen. Das beste Beispiel dafür ist aus Sarrazins Sicht die Europäische Währungsunion. Sie wurde beschlossen, um Europa zu einen, doch weil die Mitgliedsstaaten nicht dazu bereit waren, ihre Wirtschaftspolitik den Erfordernissen eines einheitlichen Geldraums anzupassen, war der Euro wiederholt dem Ende nahe – und auch wenn sich die Lage zuletzt etwas beruhigt hat, glaubt Sarrazin nicht daran, dass Europa in seiner jetzigen Form eine Zukunft hat.

Ganz ähnliche Handlungsmuster sieht Sarrazin in der Sozialpolitik (trotz Alterung der Gesellschaft wurde die Rente mit 63 eingeführt), im Bildungswesen (um einem möglichst großen Bevölkerungskreis einen Hochschulabschluss zu ermöglichen, werden die Standards gesenkt) und in der Flüchtlingspolitik am Werk. Die Kanzlerin habe die Nebenwirkungen der aus moralischen Gründen betriebenen Grenzöffnung "missachtet und verdrängt" und habe eine Massenbewegung in Gang gesetzt, die nur schwer wieder unter Kontrolle zu bringen sei.

Merkels Kritiker verstricken sich an dieser Stelle sehr häufig in ein schwer auszuhaltendes Dilemma, weil ja das Leid der Flüchtlinge genuin ist und ihre Abweisung dieses Leid immer vergrößert. Sarrazin umschifft diese Klippe, indem er das vermeintlich Moralische für unmoralisch erklärt: Je mehr Menschen Deutschland aufnimmt, desto geringer die Wahrscheinlichkeit, dass in den Herkunftsländern der Flüchtlinge die nötigen Veränderungen angestoßen werden – die Flucht selbst erzeugt die Fluchtursachen.

In seiner Zeit als Berliner Finanzsenator hat Sarrazin einst für Wirbel gesorgt, als er den Armen im Lande nahelegte, sich als Mittel gegen steigende Energiekosten dicke Pullover anzuziehen. Im Grunde ist das auch sein Rat an die Armen der Welt. Für Sarrazin sind sie vor allem deshalb arm, weil sie schlecht regiert werden – und nicht weil andere Länder reich sind. Deshalb können sie sich auch nur selbst aus ihrem Elend befreien. Deutschland jedenfalls kann es nicht.