Als der 20-Millionen-Euro-Mann ans Mikrofon tritt, könnte man eine 2-Cent-Münze zu Boden fallen hören. Hunderte Menschen drängen sich im Foyer des Kunstmuseums Wolfsburg und halten hörbar die Luft an, als Hans Dieter Pötsch das Wort ergreift. Am Tag zuvor ist bekannt geworden, dass sich der Aufsichtsratsvorsitzende der Volkswagen AG noch einen gewaltigen Bonus sicherte, als der Autokonzern bereits ganz tief den Fallout des Abgasskandals inhalieren musste. Und nun soll der Topmanager die Eröffnungsrede halten für Wolfsburg Unlimited, eine Ausstellung, die die Kultur-, Kunst- und Sittengeschichte der VW-Stadt seziert, vom Einbaum, mit dem die Vorfahren der Wolfsburger vor 3000 Jahren das Urstromtal der Aller befuhren, bis zum Bekennervideo von Martin Winterkorn aus dem September 2015, in dem der damalige VW-Chef schweißgebadet zugibt, Millionen Kunden betrogen zu haben. Was wird, was kann sein Kollege Pötsch dazu sagen?

Aufrecht wie ein Aktenordner steht er hinter dem Rednerpult. Kein Sicherheitsabstand trennt ihn vom Vernissagenvolk; die Kinder des Museumsdirektors und ihre jugendlichen Freunde hocken ihm fast auf den Füßen. Die Volkswagen Financial Services AG, hundertprozentige Tochter des Konzerns, unterstützt die Ausstellung im großen Stil, aber den ersten Seitenhieb hat Pötsch schon vor Beginn seiner Rede einstecken müssen: Ein Lied vom berühmten Glockenspiel am Wolfsburger Rathaus ertönt. Normalerweise intonieren die 24 Bronzeglocken Kein schöner Land, das Niedersachsenlied und ähnlich Unverfängliches. Doch jetzt bimmelt Smoke on the Water, und niemand im Publikum, der dabei nicht an Abgase denkt. Die türkische Künstlerin Nevin Aladag ist verantwortlich für diese "Programmintervention" am Glockenspiel. Zu ihrer Playlist gehören zwar auch ein türkisches Volkslied und Perfect Day von Lou Reed. Aber die Vernissagen-Regie mutet Hans Dieter Pötsch den Qualm zu.

Scheinbar ungerührt bleibt er bei seinem auf Zetteln fixierten Plan, der da heißt: beherzte Flucht in die Plattitüde. Dass Kultur bewege, sagt er, und dass sie neue Impulse setze für das eigene Leben. Aber es gibt kein Entkommen: Unter jedem noch so belanglosen Satz öffnet sich eine Falltür hinab in das Fegefeuer mit den manipulierten Motoren. Denn so ist das immer in Wolfsburg, diesem Werk mit Wohnanschluss, das im Sommer 1938 als "Stadt des KdF-Wagens bei Fallersleben" gegründet wurde: Alles steckt voller Ambivalenzen und dialektischer Volten, Unschuld ist hier nicht zu haben. Nicht einmal die 12 000 Jahre alten auf dem VW-Gelände gefundenen Knochen vom Auerochsen, mit denen die Ausstellung beginnt, sind davon frei: Hermann Göring persönlich kümmerte sich in den 1930er Jahren um eine Neu- und Nachzucht des lange ausgestorbenen Urviechs. Und seit 2001 unterstützt VW ein Naturschutzprojekt in den Ilkerbruchwiesen, bei dem Auerochsen als lebende Rasenmäher eingesetzt werden – eine Art Ablasshandel, um eine Erweiterung des Werks zu kompensieren. Dass der Konzern sein tierisches Engagement zugleich als Beweis für sein stetes Bemühen um Nachhaltigkeit PR-mäßig ausschlachtet, ist die vorläufig letzte Wendung dieser jahrtausendealten Geschichte.

Mit seiner ersten Ausstellung verfolgt Ralf Beil, seit 2014 Direktor des Kunstmuseums, seinerseits eine dialektische Strategie: Zum einen verbeugt er sich vor seiner neuen Heimat und erklärt sie zum Gesamtkunstwerk. Die Wolfsburger danken es ihm, stürzen sich gleich am ersten Abend engagiert auf all die Fotos, Pläne, Modelle, Archivalien und suchen darin nach Spuren ihrer eigenen Existenz: "Das muss doch der Detmeroder Teich sein! Da wohn ich doch!" Zum anderen setzt Beil sich ab von der Tradition des Hauses, das es sich zuletzt mit Ausstellungen wie Japan und der Westen oder Die Kunst der Entschleunigung im Reiche VW gemütlich machte, während der Konzern vom anderen Ende der Stadt vor allem den chinesischen Turbokapitalismus mit immer neuen Spritfressern befeuerte.

Herzstück von Beils provokanter Premiere ist die gigantische Installation Midwest von Julian Rosefeldt: 16 Überseecontainer formen ein enges, kaum beleuchtetes Hafenareal, das sich zu einem Autokino öffnet, in dem neun Pkw vom Wolfsburger Schrottplatz (nicht nur VWs!) dazu einladen, aus ihnen heraus Rosefeldts Film The Swap anzuschauen. Darin tauschen zwei schwer bewaffnete Gangsterbanden Geldkoffer aus – ein absurdes Ballett nie erlahmender Geldgeilheit, ein immer wieder ins Stocken geratender Tanz ums Goldene Kalb. Der Künstler freut sich diebisch, dass nun ein waschechter Weltkonzern-Aufsichtsrat durch den Schutt und das Moos (Anspielung!) zwischen den Containern stolpern muss. Zumindest die Füße macht er sich hier schmutzig, und in den finsteren Visagen mit den billigen Sonnenbrillen darf er sich gern selbst erkennen. "Der Film war schon fertig, da wusste ich weder vom Plan der Ausstellung, noch gab es die Abgasaffäre!", erzählt Rosefeldt bei Currywurst und Bier auf der Eröffnungsparty. "Aber Gier ist seit Jahren mein Thema. Und manchmal nimmt die Kunst Dinge vorweg und macht sie erfahrbar, ehe sie vor aller Augen stehen." Auf den letzten Drücker und mit kindlicher Lust hat er weitere aktuelle Verweise eingeschmuggelt, den Werbekalender einer Modemarke zum Beispiel, auf dem das Wort "Diesel" riesengroß auf einer Mülltonne prangt. Und Bananenkisten aus Panama – Vorsicht, krumme Dinger!

Ob Hans Dieter Pötsch das gesehen hat? Seinen Abgang vom Rednerpult begleiteten die Glocken vom Rathaus jedenfalls mit einem Lied von Abba: Money, Money, Money.

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