DIE ZEIT: Herr Markl, sind Sie froh über den VW-Skandal?

August Markl: Nein, natürlich nicht. Ich bin sicher, dass VW wieder aus den Schlagzeilen kommt, wenn dort – genau wie bei uns – alles auf den Tisch gelegt wird. Offenheit ist entscheidend.

ZEIT: Aber VWs Dieselgate hat doch den Vorteil, dass über den großen ADAC-Skandal kaum noch jemand redet ...

Markl: Wir haben unsere Fehler erkannt und stellen uns modern, transparent und zukunftssicher auf. Wir schauen ausschließlich nach vorne.

ZEIT: Wir wollen dennoch kurz zurückblicken: Gefälschte Wahlen zum Lieblingsauto der Deutschen, Funktionäre im Rettungsflieger, intransparente Geschäfte: Als Sie vor zwei Jahren als ADAC-Präsident einspringen mussten, stand der größte deutsche Verein am Pranger.

Markl: Das tat sehr weh. Aber wir haben daraus gelernt, unsere Hausaufgaben gemacht. Zwei Jahre lang haben wir an einer grundlegenden Neuausrichtung des Clubs gearbeitet. Über die Ergebnisse der Reform stimmt die Hauptversammlung des ADAC an diesem Samstag ab.

ZEIT: Sie wollen den ADAC in drei Bereiche teilen. Ist es dann vorbei mit der Selbstbedienung der Funktionäre?

Markl: Sie zeichnen ein pauschales Bild, das nicht richtig ist. Das Herz des ADAC ist und bleibt das Ehrenamt. Deshalb bleibt der Verein mit der Pannenhilfe als wichtigster Kernleistung auch erhalten. Zusätzlich gibt es eine Aktiengesellschaft europäischen Rechts, in der alle kommerziellen Aktivitäten des ADAC zusammengefasst sind. Die dritte Säule wird eine Stiftung sein, die sich um gemeinnützige Aufgaben wie die Luftrettung oder Verkehrssicherheitsaktionen kümmert.

ZEIT: Soll mit der Reform nicht vor allem der Steuervorteil des Vereins gesichert werden? Vereinsbeiträge sind steuerreduziert, Beiträge bei einem Versicherer nicht.

Markl: Es geht vor allem darum, den Verein und mit ihm das Ehrenamt langfristig zu erhalten. Wir machen uns zukunftssicher, denn die Gesellschaft draußen hat sich verändert. Und wenn ein Verein steuerlich bessergestellt wird, ist das nicht verwerflich.

ZEIT: Was ändert sich denn fürs Mitglied?

Markl: Für das Mitglied ändert sich im besten Sinne nichts. Die Leistungen werden morgen genauso erbracht wie heute. Wir bleiben eine Marke, wir bleiben ein ADAC. Dafür müssen wir uns aber rechtssicher aufstellen.

ZEIT: Wer kriegt die Gewinne der künftigen Aktiengesellschaft, etwa aus dem Buchgeschäft?

Markl: Die neue SE bekommt zwei Gesellschafter, die vom Gewinn profitieren und das Geld für die Mitglieder aufwenden können. Den Verein und die Stiftung.

ZEIT: Gibt es noch Funktionäre, die zugleich Vertragsanwälte für die Beratung der Mitglieder sind?

Markl: Einige wenige. Wir haben die Bestellung der Vertragsanwälte neu geregelt, klar, sauber und transparent aufgesetzt. Das war 2014 einer der Kritikpunkte.

ZEIT: Aber das ist doch eines der großen Ärgernisse, dass Vertragsanwälte zu Funktionären in der Vereinshierarchie werden.

Markl: Was spricht im Grundsatz dagegen, wenn sich Experten zusätzlich auch ehrenamtlich engagieren? Alles nach klaren, transparenten Regularien?

ZEIT: Sie haben nach der Aufdeckung der Probleme 2014 eine Compliance-Organisation aufgebaut, die für saubere Geschäfte sorgen soll. Ist sie erfolgreich?

Markl: Wir haben seit Oktober vergangenen Jahres eine eigene Compliance-Gesellschaft, die hervorragend funktioniert und mit der ADAC-Zentrale in München und allen 18 Regionalclubs zusammenarbeitet.

ZEIT: Kann ich mich als einfaches Mitglied bei der Compliance-Organisation beschweren, wenn ich etwas nicht sauber finde im ADAC?

Markl: Selbstverständlich – und auch das anonyme Hinweisgeber-System ist weiterhin online. Bisher haben wir mehr als 100 Hinweise erhalten, davon waren allerdings die meisten nicht relevant.

ZEIT: Der Regionalclub Nordrhein, dessen Vorsitzender immer noch Ihr im Zuge des Skandals rausgedrängter Vorgänger Peter Meyer ist, hat 2,6 Millionen Mitglieder und will anscheinend bei der großen Reform nicht mitziehen. Sogar Gutachten wurden erstellt, wonach die Reform völlig überflüssig wäre. Was ist da los?

Markl: Ich sehe, dass auch der Regionalclub Nordrhein in den letzten zwei Jahren die Reform unterstützt hat. Auf anderslautende Aussagen gebe ich nicht viel. Irgendwo habe ich sogar gelesen, dass Herr Meyer die Reform selbst erfunden habe. Das ist doch was.

ZEIT: Nun zitiert er ein Gutachten, wonach die Reform unnötig sei.

Markl: Dieses Gutachten besagt vor allem, dass unsere neue Struktur rechtlich möglich und umsetzbar ist. Wie weit wir dabei gehen, ist eine politische Entscheidung. Wir möchten so viel Rechtssicherheit wie möglich und notwendig, um den ADAC als Verein und mit ihm auch das Ehrenamt zu erhalten. In der Hauptversammlung rechnen wir aber mit einer komfortablen Mehrheit bei der Abstimmung über die Reform.

ZEIT: Geht es beim Widerstand etwa weniger um Sachfragen als um Eitelkeiten älterer Herren?

Markl: Persönliche Motive mögen eine Rolle spielen, Spekulationen bringen den ADAC aber nicht voran. Mir geht es um das große Ganze, um unseren Club.

ZEIT: Anfangs wollten Sie den ADAC nur kommissarisch führen, dann haben Sie Geschmack daran gefunden. Ist es die Macht, für gut 19 Millionen Mitglieder sprechen zu können, die den Präsidentenjob so reizvoll macht?

Markl: Ich streite für die Sache, seit ich in den sechziger Jahren einen kleinen Motorsportclub unter dem Dach des ADAC gegründet habe. Wenn diesem Club etwas passiert wäre, hätte es mir das Herz gebrochen. Also bin ich 2014 eingesprungen.

ZEIT: Sprechen Sie für mehr als 19 Millionen Autofahrer?

Markl: Nein, das ist anmaßend. Diese Zeiten sind vorbei.

ZEIT: Millionen Autofahrer fühlen sich doch betrogen, weil ihnen die Autohersteller unseriöse Verbrauchsangaben gemacht haben oder ihre Diesel zu viel giftige Abgase rauspusten. Da ist so ein Autofahrerverein als Anwalt gefragt.

Markl: Wir sind natürlich als Verbraucherschützer für unsere Mitglieder da. Wir fordern die Hersteller beim Dieselthema auf, endlich alle verfügbaren Technologien einzusetzen. Diesel kann ein sehr sauberer Kraftstoff sein, aber es wird bislang nicht alles dafür getan, was möglich ist. Das ist den Autobauern zu teuer. Darauf weisen wir seit 2004 hin.

ZEIT: Haben Sie wirklich damit gerechnet, dass fast alle Dieselanbieter hierzulande, deutsche wie ausländische, mit ihren Autos die Grenzwerte auf der Straße so ungeniert überschreiten? Müsste der Staat da nicht schärfer regieren?

Markl: Entscheidend ist, dass die tatsächlichen Emissionen und Verbräuche den Angaben zugrunde gelegt werden und nicht künstliche Laborwerte. Dann weiß jeder Autofahrer, woran er ist.

ZEIT: Sogar die nach der neuesten Norm Euro 6 zertifizierten Pkw sind häufig Stickoxidschleudern. Müsste der ADAC da nicht eine schwarze Liste der schmutzigen Modelle veröffentlichen?

Markl: Wir haben seit vielen Jahren den ADAC-EcoTest, bei dem wir die tatsächlichen Verbräuche und Ausstöße klar darstellen. Dort kann sich jeder informieren.

ZEIT: An anderer Stelle greift der Staat sehr wohl in das Kaufverhalten ein. Der Kauf eines Batterieautos soll mit 4000 Euro subventioniert werden. Braucht das eine so reiche Industrie?

Markl: Nein, zumal von der Kaufprämie am Ende wohl nur sehr wenige Menschen profitieren. Die Fahrzeuge bleiben trotz des Zuschusses im Unterhalt größtenteils teurer als vergleichbare Diesel oder Benziner.

ZEIT: Gesellschaftlich nimmt das Interesse am Auto ab, etwa bei jungen Leuten in den Städten.

Markl: Deswegen wandeln wir uns zum mitgliedsorientierten Mobilitätsdienstleister. Uns geht es nicht mehr nur um vier Räder, sondern um das jeweils beste Verkehrsmittel. Im Zweifel sind das die eigenen Beine.

ZEIT: Was bieten Sie denn Fußgängern?

Markl: Denken Sie an unsere vielen touristischen Angebote, etwa im Urlaub, oder auch spezielle Leistungen für Radfahrer und E-Biker.

ZEIT: Pannenhilfe und Karten reichen Ihnen also nicht mehr?

Markl: Wir möchten Helfer und Lotse für unsere Mitglieder sein, die von uns wissen wollen, wie sie am besten von einem Ort zum anderen kommen. Wir werden als ADAC noch stärker in diesen Markt gehen. Das könnte beispielsweise eine App oder auch eine andere digitale Lösung sein.

ZEIT: Da sind Sie aber spät dran. Auch von einem großen Autokonzern gibt es so etwas. Was unterscheidet Sie?

Markl: Unternehmen haben immer ein Geschäftsmodell im Hintergrund, wir hingegen können unabhängige Orientierung bei der persönlichen Mobilität bieten.

ZEIT: Nicht mal für den Pannendienst brauche ich heute noch den ADAC. Jede Versicherung bietet Schutzbriefe weit billiger an.

Markl: Der ADAC ist schon immer deutlich mehr als die Pannenhilfe gewesen. Aber genau unsere gelben Engel sind es, die dafür sorgen, dass Sie bei einer Panne mit Ihrem Auto weiterfahren können und eben nicht in der Werkstatt landen. Das ist ein Riesenargument. Außerdem vertrauen uns die Menschen mehr als einer reinen Versicherung.