Bei dem politischen Wirbel, den die AfD derzeit verursacht, gerät manchmal in Vergessenheit, dass es sich bei ihr nur um eine 10-bis-15-Prozent-Partei handelt. Und doch ist Aufsehen gerechtfertigt. Denn die AfD inszeniert sich als Systemopposition. 15 Prozent für eine systemoppositionelle Partei – das ist für das politische System der Bundesrepublik ein Novum, ein Schock mit ungewissen Folgen. Und weil ihr Aufstieg im europäischen Trend rechtspopulistisch-autoritärer Parteien liegt, die in einigen Ländern bereits hegemonial geworden sind, lässt sich die Reichweite der AfD auch nicht mehr sicher auf ihren aktuellen Sympathisantenkreis begrenzen.

Der Fundamentalismus der AfD ist derzeit ihr Erfolgsgarant – und ihre entscheidende Gefährdung. Den Hang zum Größenwahn beispielsweise pflegt die Partei seit ihrer Gründung. Man könnte sagen, er ist zwangsläufig. Weil die Partei "das System" in Gänze als verrottet kritisiert und bekämpft, muss sie sich im Gegenzug als die ganz andere, die einzige Alternative zu den herrschenden Verhältnissen präsentieren.

Dass die Partei bis zum vergangenen Wochenende nicht einmal ein Programm hatte, tat ihrer hochmütigen Propaganda keinen Abbruch. Auf dem Parteitag in Stuttgart hat sie nun ein Grundsatzprogramm beschlossen, einen Gegenentwurf zum "rot-grün verseuchten 68er-Deutschland", wie der gemeinhin als moderat geltende AfD-Vorsitzende Jörg Meuthen es formuliert. Es ist eine Mischung aus alter Bundesrepublik, Nationalstolz, Abschottungsfantasien und der Aversion gegen Minderheiten. Seine Kollegin Frauke Petry sieht darin nicht weniger als den "Fahrplan in eine andere Republik". Es ist das Programm einer rückwärtsgewandten Partei mit enormem Sendungsbewusstsein: die Reaktion als Avantgarde.

Während des Stuttgarter Parteitags stach ein groteskes Missverhältnis ins Auge: Der grundstürzende Anspruch einer Alternative zum herrschenden System traf auf die Unfähigkeit der Partei, eine solche Alternative auch nur im Ansatz zu formulieren und zu debattieren. Zwar wird der Programmentwurf von der AfD-Führung als Gipfel basisdemokratischer Initiative und Kreativität gefeiert. Doch als die Mitglieder auf dem Parteitag in die Diskussion um die grundsätzlichen Fragen der künftigen deutschen Politik einsteigen sollen, erweist sich die AfD als in einem Maße debattenunfähig, wie das bei keiner der verachteten Systemparteien je zu beobachten war. Bei allem Klagen über das angeblich erstickende, debattenlose Konsenssystem würde man gerade von der AfD den ungebremsten Hang zur inhaltlichen Auseinandersetzung erwarten. Das absolute Gegenteil ist der Fall.

Niemandem in der Partei schien auch nur aufzufallen, dass sich so grundlegende Fragen wie das Verhältnis zum Islam, die künftige Gestalt der EU oder die Rolle der Demokratie in einem AfD-Deutschland kaum angemessen in Redebeiträgen verhandeln lassen, die strikt und ausnahmslos auf eine Minute beschränkt sind. So wurden in Stuttgart unzählige Änderungsanträge zum Programmentwurf verabschiedet, doch wirklich beraten wurden weder der Entwurf selbst noch die alternativen Vorschläge.

Welche Folgen eine Auflösung der EU hätte, diese Frage wird nicht debattiert

Wer dem hektischen, emotionalen, wirren Treiben zwei Tage lang zusah, bekam den Eindruck, hier agiere eine Partei, der inhaltliche Kontroversen zutiefst zuwider sind. Und wenn sich in dem endlosen Stakkato aus Kurzbeiträgen zu ganz großen und ganz nebensächlichen Fragen einmal im Ansatz eine inhaltliche Auseinandersetzung andeutete, durfte man sicher sein, dass sie im nächsten Moment per "Antrag auf Schluss der Debatte" von der Mehrheit abgewürgt wurde. Das heißt nicht, dass in Stuttgart nichts beschlossen wurde, im Gegenteil. Die strikte Reduktion der Einwanderung, das Ende der Energiewende, die Auflösung der EU oder die Religionsfreiheit unter Vorbehalt ... Das alles und noch viel mehr. Nur, dass die gewaltigen Folgen einer solchen Politik in Stuttgart an irgendeiner Stelle Thema geworden wären, davon kann keine Rede sein.

Streit um Positionen? Warum? Die Partei sieht sich als Vollstreckerin des Volkswillens

Die Debattenlosigkeit des Parteitags überrascht nur auf den ersten Blick. Sie passt nahtlos zum Demokratieverständnis der AfD. Während sie den fehlenden politischen Streit bei allen anderen als Niedergang der Demokratie brandmarkt, scheint in ihrem Falle der Demokratie per se Genüge getan. Die AfD versteht sich als "Stimme des Volkes". Wer ihren Bekundungen folgt, gewinnt den Eindruck, sie verfüge über einen privilegierten Zugang zu den Deutschen. So reicht der AfD statt konzeptioneller Begründungen ihrer Forderungen in aller Regel schon der selbstgerechte Verweis auf den angeblichen Volkswillen. Wahre Demokratie und die Vorstellungen der AfD scheinen identisch. Andere politische Perspektiven als die eigenen sind von minderer demokratischer Qualität, weil irgendwie am Volk vorbei.

Dass bislang die "Systemparteien" noch immer Mehrheiten gewinnen, bedeutet für die AfD keine wirkliche Irritation, eher eine Art Schönheitsfehler. Sie sieht ihre Konkurrenten als Usurpatoren Deutschlands. Und die jüngste Erfolgssträhne lässt sie davon träumen, dass sich zum Volkswillen auch bald schon die dazugehörige Mehrheit einfinden werde.

Björn Höcke, Galionsfigur der Parteirechten, schwadroniert schon seit Längerem von der AfD als künftiger "Kanzlerpartei". Jetzt hat auch Frauke Petry nachgezogen. Stand sie bislang bei ihren Parteifreunden im Verdacht, sie wolle schon bald als Juniorpartner der Etablierten an die Macht, will die Vorsitzende nun mit ihrer Partei eigene Mehrheiten erringen.

Gerade weil sich die AfD selbst als einzigen echten Gegenentwurf zum System begreift, erzeugt ihre tatsächliche Machtlosigkeit vor allem Wut. Die AfD ist eine aggressive Partei. In der Auseinandersetzung mit einem politischen Gegner, der ihr als Verhängnis für das Land erscheint, überrascht das nicht. Doch das Freund-Feind-Denken, das zum Fundamentalismus gehört, grassiert auch in den eigenen Reihen. Keine Veranstaltung der sogenannten Systemparteien findet in so brutaler Atmosphäre statt. Bei der AfD lauern die Aggressionen dicht unter der Oberfläche. Jeden Moment können sie, an den vermeintlich belanglosesten Stellen, aufbrechen.

Manchmal wirkt es wie eine Art Selbstschutz, wenn die beiden Vorsitzenden den politischen Gegner so maßlos attackieren. Doch eine Sicherheit, dass die Wut der Partei sich nicht wieder, wie einst im Falle ihres Gründers Bernd Lucke, gegen die eigene Führung richtet, gibt es nicht. Gegen Angriffe von außen ist die Partei weitgehend immun. Gegen die Attacken von innen ist sie wehrlos.

Der Fundamentalismus garantiert der AfD ihren aktuellen Erfolg. Aber auch ihren Irrsinn. Sie bleibt ein labiles Projekt.