Das Spektakel ist minutiös geplant, es soll schließlich ein Höhepunkt des Hafengeburtstags sein. Um 22 Uhr wird die AIDAprima am Samstag ihre Taufposition vor den Landungsbrücken einnehmen. Sie wird komplett dunkel sein, nur als Silhouette zu erkennen. Dann wird, in einem Lichtkegel, Emma Schweiger auf Deck 15 über der Brücke erscheinen, die 13-jährige Tochter des Schauspielers Til Schweiger. Flankiert vom Kapitän, wird sie einen Taufmechanismus auslösen, dessen genaue Funktionsweise noch streng geheim ist. Zwölf Liter Champagner der Marke Moët & Chandon sollen sich jedenfalls über die Bordwand ergießen – und die große Lichtershow eröffnen, genauer: die Verwandlung des Nachthimmels über der Elbe "in ein funkelndes Farbenmeer", wie die Reederei ankündigt. Sie hat den Kreuzfahrtriesen dafür extra aufgerüstet, mit 342 LED-Bändern auf den Veranden und 102 beweglichen Scheinwerfern.

Ein eigens komponierter Tauf-Song wird erklingen, ehe das Feuerwerk einsetzt, zwanzig Minuten lang und 150 Meter hoch. Nach fast zwei Stunden wird das Schiff kurz vor Mitternacht losdampfen – und schon vor seiner Jungfernfahrt gewaltig Wirbel gemacht haben um sich, seine Marke und den Kreuzfahrthafen Hamburg. Darum geht es ja heutzutage bei Schiffstaufen: um die Werbung.

Früher wurden die Ozeanriesen noch beim Stapellauf in der Werft getauft, heute soll es mehr Publikum geben. "Die Taufen werden größer und spektakulärer", sagt Hafenkapitän Jörg Pollmann, "da insbesondere Kreuzfahrtreeder sie auch als Werbung für potenzielle Passagiere sehen." Immerhin: Menschenopfer wie von den Wikingern in grauer Vorzeit werden nicht mehr erbracht. Heute opfern die Zuschauer vor allem ihre Zeit, denn die Zeremonien ziehen sich beachtlich in die Länge. Sie gleichen dem, was im Fernsehen früher "die große Samstagabend-Show" genannt wurde.

Mehr als eineinhalb Stunden waren es vorletztes Jahr bei der Konkurrenz von Mein Schiff 3. Hunderte Gäste saßen auf einer Tribüne, während vor dem Kreuzfahrtterminal in der HafenCity halb nackte Tänzerinnen auftraten, gefolgt von Helene Fischer. Die verschwand nach einigen Songs, um kurz darauf, an einem Ballon hängend und Purzelbäume schlagend, wieder vor der Bordwand aufzutauchen. Nur mit Mühe schaffte sie es im tosenden Wind, den Taufmechanismus auszulösen.

Schiffe werden generell von Frauen getauft, da Männer angeblich Unglück bringen. Seit jeher bestimmt der seemännische Aberglaube die Zeremonie. Schon in der Antike wurde edler Wein vergossen, um die Götter gnädig zu stimmen. Und bis heute gilt es als verheerendes Zeichen, wenn die Schaumweinflasche an der Bordwand nicht sofort zerschellt. "Ich war mal bei einer Schiffstaufe dabei, bei der die Flasche erst beim fünften Anlauf zersprungen ist", erzählt Hafenkapitän Pollmann. "Da das Schiff aber nach wie vor ohne Probleme zur See fährt, scheint der Klabautermann die gescheiterten Versuche nicht übel genommen zu haben."

Weniger glimpflich verlief die Sache beim Kreuzfahrtschiff Aurora. Die britische Prinzessin Anne schaffte es im Jahr 2000 nicht, die Champagnerflasche im ersten Versuch zu zerschlagen. Seither gibt es immer wieder schlechte Nachrichten von Bord, 2003 erkrankten Hunderte Passagiere an einem fiesen Darmvirus. Bei der Queen Victoria scheiterte die Taufpatin Camilla, die Frau von Prince Charles, ebenfalls am Flaschenwurf. Hier überkam das Norovirus die Passagiere schon auf der zweiten Fahrt. Vom "Camilla-Fluch" ist seither die Rede.

Auch bei Containerschiffen wächst mit der Schiffsgröße der Aufwand für die Taufen. Eine Zeremonie in Hamburg ist dabei stets ein Bekenntnis zu einem Hafen, der aus vielerlei Gründen gebeutelt ist. Zum Beispiel, weil die Elbvertiefung auf sich warten lässt. So wurden vergangenes Jahr zwei Megaschiffe in der Stadt getauft, die Hamburg voll beladen gar nicht anlaufen können: die CMA CGM Georg Forster (mit Konfetti und Tenören) und die MSC Zoe, das damals größte Containerschiff der Welt. Beim Einlaufen posaunte es minutenlang die Star Wars- Melodie, Taufpatin war die vierjährige Enkelin des Reederei-Gründers. Soll keiner sagen, eine gute Show könnten allein die Kreuzfahrer.

Und die Hamburger Reedereien? Vor zwei Jahren gab Hamburg Süd ein rauschendes Fest. Ingeborg Schäuble, die Frau des Ministers, sollte den Taufmechanismus für die Cap San Raphael auslösen und ein Seil durchhacken – doch beim ersten Versuch zersprang nicht das Seil, sondern ihr kleines Beil. Es wurde eilends repariert, der zweite Hieb saß. Und die Cap San Raphael fährt noch immer, toi, toi, toi.