In einer Pariser Hotelsuite voller Rosensträuße und Fruchtschalen steht die Sängerin Anohni, schüchtern wie ein zu groß geratenes Schulmädchen. Die weit geschnittenen Hosen und die wallende Tunika sehen unspektakulär, aber teuer aus. Einige Meter entfernt haben ihr Manager und eine Mitarbeiterin der Plattenfirma Platz genommen. Zur Sicherheit läuft auf dem Couchtisch noch ein zweites Aufnahmegerät mit. Was mag bei früheren Interviews bloß vorgefallen sein? Noch vor der ersten Frage möchte Anohni einen Punkt klären: "Werden Sie einen weiblichen Artikel verwenden, wenn Sie über mich schreiben?" Ja, natürlich. Aber warum der Wechsel von Antony, wie sie sich früher nannte, zu Anohni? "Freunde und Familie nennen mich schon seit Jahren so, ich wollte mich endlich auch offiziell dazu bekennen. Dass ich transgender bin, daraus habe ich nie ein Geheimnis gemacht." Stimmt. Schon 2005 sang sie: "One day I’ll grow up, I’ll be a beautiful woman. For today I am a boy."

Mehr als 15 Jahre lang galt Antony Hegarty im Pop als eine Stimme, die kein Geschlecht kennt, aber jede Emotion zwischen Schmerz, Enttäuschung und Verlorenheit. In den Songs ihrer Band Antony and the Johnsons verband sich ihr Engelsgesang mit den sanften Piano- und Streicherklängen eines Kammerpop-Ensembles. Die Suche nach der eigenen transsexuellen Identität trieb in den Texten schillernde Blüten. Jetzt, im Alter von 45, ist aus dem Sänger auch offiziell eine Sängerin geworden. Und an diesem Freitag erscheint ihr Soloalbum Hopelessness das komplett anders klingt als erwartet. "Ich möchte hören, wie Hunde nach Wasser winseln. Ich möchte sehen, wie Fische mit dem Bauch nach oben auf dem Meer treiben", singt sie in 4 Degrees zu Paukenschlägen und apokalyptischen Computer-Fanfaren. Das hat die Wucht einer digitalen Wagner-Oper und die Verzweiflung eines Menschen, der von Politik und Kapitalismus restlos enttäuscht ist. Und das Ökozid-Szenario 4 Degrees ist nur der erste Punkt einer langen Anklageschrift, als die man das Album verstehen kann. Aus einem leisen Sänger, der sich vorwiegend mit den schönen Künsten und dem eigenen Innenleben beschäftigt hat, ist eine politisch engagierte Kämpferin geworden.

Noch von ein wenig Hoffnung getragen ist das Stück Manta Ray, geschrieben für den Dokumentarfilm Racing Extinction, der vom weltweiten Artensterben erzählt. Im Januar wurde das Lied für einen Oscar nominiert. Riesenfreude bei der Künstlerin und ihrem Umfeld. Anohni ist die erste Transgender-Person, der diese Ehre zuteil wird. Dann die Ernüchterung: Andere Nominierte wie Lady Gaga und Sam Smith wurden eingeladen, bei der Gala aufzutreten – Anohni nicht. Nach fünf Wochen bangen Wartens hatte sie genug, und sie beschloss, überhaupt nicht an den Oscars teilzunehmen: "Ich wurde nicht mit Würde behandelt, nicht mit Respekt. Man hat mich als Teilnehmerin nicht ernst genommen – weil sich mit mir keine Werbung verkaufen lässt."

Anohni ist noch immer sehr aufgebracht. Die Hollywood-Welt sei ihr immer fremd gewesen, sagt sie. "Bei uns zu Hause gab es kein Fernsehgerät. Auf dem College war ich die Einzige, die keinerlei Filmstars kannte. Ich habe mein Geld lieber für drei Päckchen Zigaretten am Tag ausgegeben als für Kinokarten. Dass es überhaupt eine Celebrity-Kultur gibt, das habe ich erst Anfang der Neunziger in New York herausgefunden. Denn auch meine Subkultur-Freunde redeten ständig über Leute wie Pamela Anderson." Inzwischen sieht man Anohni öfter mit Celebrities. Mit vielen hat sie bereits zusammengearbeitet: Björk, Marina Abramović, Lou Reed, Yoko Ono, Laurie Anderson, sogar Herbert Grönemeyer. Die in England geborene New Yorkerin thront nun im Schneidersitz auf der Couch, wie eine vom reinen Geist durchdrungene Matriarchin. In langen, leisen Monologen trägt sie ihre detaillierten Gedanken vor. Gelegentlich unterbrochen von einem unpassend schrillen "Dürfte ich noch etwas Tee haben?" oder einem "Klingt das dumm?", in Richtung des Managers.

Die Freiheitsstatue sitzt im Kampfanzug und gedemütigt auf dem elektrischen Stuhl

Nicht ohne Grund heißt das neue Album Hopelessness. Die einzelnen Songs handeln von den großen katastrophalen Entwicklungen, fast als hätte Anohni eine Checkliste abhaken wollen. Der Krieg in Syrien (Crisis), Gewalt gegen Frauen (Violent Men), staatliche Überwachung (Watch Me) oder die Todesstrafe (Execution). Die Musik will einen zum Tanzen bringen – aber mit wütend geballter Faust: "Ich wollte etwas, das wie ein Trojanisches Pferd funktioniert. Das den Ohren schmeichelt, aber trotzdem Biss hat", sagt Anohni. Das Lied Drone Bomb Me singt sie aus der Perspektive eines afghanischen Mädchens, deren Familie von US-Drohnen getötet wurde. Sie stellt sich vor, wie das Kind in die Kamera einer vorüberfliegenden Drohne blickt, direkt in die Augen des Soldaten, der weit entfernt in einem Bunker in Nevada sitzt. "Blow my head off, explode my crystal guts, lay my purple on the grass!", fordert sie, während im Hintergrund eine unterkühlte, aber hymnische Todesmusik spielt. Im dazugehörigen Video singt Anohni aus dem Mund von Supermodel Naomi Campbell, die wie eine gedemütigte Freiheitsstatue im Kampfanzug auf dem elektrischen Stuhl sitzt. In Obama attackiert sie den amerikanischen Präsidenten im monotonen Muezzin-Singsang und klingt dabei, als sei sie die neue Chefanklägerin am Internationalen Gerichtshof. Trotzdem: Eindeutigkeiten gibt es hier nicht, Täter und Opfer sind nicht mehr klar voneinander zu trennen. "Die Frage ›Was ist meine Rolle in diesem Szenario?‹ zieht sich wie ein roter Faden durch das Album", sagt Anohni. "Wir Amerikaner sind von unserer eigenen Situation so absorbiert, dass wir uns nicht mehr vorstellen können, welchen Schaden unsere Politik in anderen Teilen der Welt anrichtet."