Als altgedientem italienischem Banker kann einem schnell schwindlig werden, so schnell verändern sich heutzutage die Dinge. Eben noch stand man in seiner Gemeinde im Mittelpunkt eines heimlichen Persönlichkeitskults, am nächsten Tag ist man ein Ausgestoßener.

So muss sich Gianni Zonin kürzlich gefühlt haben, als ein Ober ihn freundlich aufforderte, das Restaurant zu verlassen – andere Gäste hatten gedroht, sie würden vor dem Dessert gehen, sollte Zonin im Raum bleiben. Der Weinmogul und ehemalige Präsident der Banca Popolare di Vicenza, einer altehrwürdigen Genossenschaftsbank, ist zur Persona non grata geworden im wohlhabenden Venetien, wo er einst gefeiert wurde. Es ist gerade mal ein Jahr her, da wurde jeder, der es wagte, Zonin bei Gemeindeversammlungen ernste Fragen zu stellen, ausgebuht von den örtlichen Unternehmern, die zugleich Schuldner und Aktionäre der Bank sind.

Im Frühjahr hatte die Vicenza-Bank dann ein Nahtod-Erlebnis: Die Europäische Zentralbank deckte auf, dass bei der Bank Missmanagement und Betrug an der Tagesordnung waren, und zwang das Institut, sich frisches Kapital zu besorgen.

Was war passiert? Zonin hatte Tausende Kunden überredet, sich zu überhöhten Preisen mit Anteilen des nicht börsennotierten Kreditinstituts einzudecken – erst dann bekamen die Kunden ihren gewünschten Kredit. Die Bank lieh Kunden also Geld, damit diese das Kapitalproblem der Bank lösten. Erst kam es zu einer künstlichen Aufblähung und dann zu einer massiven Vernichtung von Spareinlagen. So wird der Fall der kleinen Bank zur Metapher für alles, was schiefgelaufen ist im italienischen Bankensystem während und nach der Finanzkrise. Selbstgefälligkeit, Leugnen der Realitäten und inzestuöse Beziehungen zwischen Finanzwesen, Wirtschaft und Politik in vielen Provinzen – all diese Sünden vereinen sich zur neuesten Runde in der Krise. Man kann dabei zusehen, wie Italien praktisch in Zeitlupe gegen die Wand fährt.

Während der Finanzkrise ging Italien einen anderen Weg als Spanien, Irland oder Deutschland und ließ den Banken kaum staatliche Hilfe zukommen. Laut EU-Statistikbehörde Eurostat beliefen sich die Staatsgarantien für italienische Banken 2014 auf 2,7 Prozent der Wirtschaftsleistung. Zum Vergleich: In Spanien waren es für die heimischen Banken 12,8 Prozent, in Irland 13,3 und in Deutschland sogar 16,4 Prozent. Hier spiegelt sich wider, dass Italien keine Immobilienblase erlebt hatte und dass die Banken sich mit den spekulativen Hypothekenpapieren zurückgehalten hatten, die 2008 die Wall Street durchschüttelten. Damals ließ Italiens Elite kaum eine Gelegenheit verstreichen, um die Tugendhaftigkeit ihrer Banken zu preisen.

Aber wer sich zu lange selbst auf die Schulter klopft, wird blind. Selbst als eine erneute Rezession und eine fragwürdige Kreditvergabepolitik den Anteil fauler Darlehen in den Bilanzen anschwellen ließen, riss der Strom an Lobhudeleien von offizieller Seite nicht ab. Der Anteil fauler Kredite hatte 2008 drei Prozent betragen, nun kletterte er rasch auf etwa zehn Prozent, aber das Establishment übte sich in Altbewährtem: wegschauen, auf Zeit spielen und darauf hoffen, dass das Problem mit dem nächsten Aufschwung schon verschwinden werde.

Tat es aber nicht. Fragwürdige Kreditgeschäfte machen inzwischen rund ein Fünftel aller Bankendarlehen aus, und im Mittelpunkt stehen vor allem kleine und mittelständische Betriebe. Immobilien als Garantien sollen mehr als die Hälfte aller potenziellen Verluste absichern, aber das ändert nichts daran, dass die viertgrößte Volkswirtschaft der EU derzeit an einem grundlegenden Problem leidet: Die Banken sind bei der Kreditvergabe weiterhin zögerlich, die Zahl der neuen Firmenkredite sinkt weiter, und das Investitionstempo zieht nicht an. Nach der schwersten Rezession, die Italien nach Ende des Zweiten Weltkriegs erlebt hat, kann es sich so etwas nicht leisten. Italien mit seinen 60,7 Millionen Einwohnern hat derzeit 22,5 Millionen aktiv Arbeitende. Selbst wenn sich die Wirtschaft leicht erholt, tickt hier doch eine gesellschaftliche und politische Bombe, die die Einheitswährung zerreißen könnte.

Ein entscheidender Augenblick war, als Italien 2012 beschloss, nicht den spanischen Weg zu gehen. Damals akzeptierte Madrid ein Rettungspaket der Euro-Zone, es konnte eine Bad Bank für notleidende Kredite auflegen und die angeschlagenen Geldhäuser stützen. Italien dagegen ignorierte die aufziehenden Probleme im Bankenwesen lieber. Zum Teil hing das mit der Sorge zusammen, die ohnehin schon hohe Staatsverschuldung noch auszuweiten, wenn man dem Finanzsektor mit öffentlichen Mitteln oder internationalen Krediten aushalf. Eine Rolle spielten jedoch auch die Abneigung gegen die bei den Wählern ungeliebten Bail-outs und der Unwille, an traditionellen Machtstrukturen zu rütteln.

Die immense Staatsschuld zeigt schon heute, wie stark die Handlungsmöglichkeiten Italiens schon beschränkt sind: Auf dem Höhepunkt der Euro-Krise wurden Italiens Banken praktisch zum Kreditgeber letzter Instanz für den italienischen Staat. Hielten die Banken 2008 noch etwas über 100 Milliarden Euro an Staatsanleihen, waren es 2015 mehr als 400 Milliarden. Die Banken spielten eine entscheidende Rolle dabei, den Staat flüssig zu halten, insofern wagten die Regulierer es nicht, den Kreditinstituten Daumenschrauben anzulegen. Deshalb ließen sie Italiens Banken weiterhin ihre eigenen Anleihen an kleine Sparer verkaufen, den Risiken und den seltsam niedrigen Renditen zum Trotz. Im Jahr 2014 hielten die Italiener monströse 371 Milliarden Euro an Bankanleihen, wie die italienische Zentralbank errechnet hat. Auf welch hochriskanten Wertpapieren sie da sitzen, ist den meisten Haushalten nicht im Mindesten bewusst.

So braute sich der Sturm zusammen, der in den vergangenen Monaten über das Land hereingebrochen ist. Auslöser war die Erkenntnis, dass mehrere kleine und mittelgroße Banken inzwischen zu schwach und zu schlecht geführt waren, um zu überleben. Im November wurden vier von ihnen im Rahmen eines neuen Rettungsmechanismus abgewickelt. An jenem Tag wurde den Italienern bewusst, was die Regierung und die Bankenaufsicht Consob ihnen nicht gesagt hatten: Banken können pleitegehen, und wenn der Staat Hilfe leistet, machen Gläubiger und Sparer Verluste. So steht es in einer neuen EU-Richtlinie, die am 1. Januar 2016 in Kraft trat und dafür sorgen soll, dass Bankenrettung den Steuerzahler nicht mehr so teuer zu stehen kommt.

In Italien wirkt das indes fast undurchführbar. Die Gläubiger der Vicenza-Bank zur Kasse zu bitten oder gar Geldgeber der noch größeren Montepaschi di Siena dürfte eine landesweite Panik auslösen. Zudem sind die Bankanleihen so weit über die Wirtschaft verteilt, dass Kleinanleger in Scharen leiden würden. Anders als 2009 oder 2012 darf Bankhäusern in Schieflage dieses Mal gar nicht mehr staatlich geholfen werden. Man kann das als ungerecht ansehen, bedenkt man, wie viel Geld andere Länder ihren Banken zukommen ließen und lassen. Doch klar ist auch: Wenn Italien einen Schuldigen sucht, reicht der Blick in den Spiegel – zu lange hat man die Augen verschlossen.

Ende April reagierte dann das Establishment erstmals: Die Regierung um Ministerpräsident Matteo Renzi zwang 67 Kreditinstitute, für einen Rettungsfonds zusammenzulegen, der vor allem mit Geld aus der Privatwirtschaft ausgestattet wird. Damit könnte Vicenza einer Abwicklung unter Beteiligung seiner Gläubiger und Anleger entgehen. Künftig soll der Fonds auch andere Banken stützen, aber mit nur 4,2 Milliarden Euro Kapital ist er viel zu klein. Andere Bankenchefs täten gut daran, einen Bogen um ihr Lieblingslokal zu machen, während Italien weiter versucht, die Folgen der Euro-Krise zu bewältigen.

Aus dem Englischen von Matthias Schulz