Wem die DDR der sechziger Jahre noch im Gedächtnis ist, wird sich vielleicht an einen Radio- und Fernsehunterhalter namens Sergio Günther erinnern. Das bebrillte Beamtengesicht kontrastierte auffällig mit einer schönen und sonoren, anfallsweise sarkastisch abgründigen Stimme. Vielleicht besitzt der eine oder andere sogar eine alte Amiga-Schallplatte mit Günthers Mitternachtstango (Refrain: "Hast du Angst?"). Die eigentliche Sensation enthüllte sich allerdings erst vor zwei Jahren, über dreißig Jahre nach seinem Tod, als der berühmte brasilianische Bossa-nova-Poet Chico Buarque (A banda, auf Deutsch gecovert mit dem grässlichen Text Apfelsinen im Haar) einen Roman mit dem Titel Mein deutscher Bruder veröffentlichte.

Dieses Buch ist jetzt bei uns erschienen und handelt tatsächlich in seinem autobiografischen Kern von Buarques Suche nach dem Halbbruder, den sein Vater 1930 unehelich in Berlin gezeugt hatte. Die Spur des Kindes verlor sich in Kriegs- und Nachkriegswirren, und in der brasilianischen Familie wurde der illegitime Sohn des hochdekorierten Historikers Sergio Buarque de Holanda verschwiegen. Eines Tages jedoch stößt der junge Chico (im Buch Ciccio genannt) auf einen verräterischen Brief, der beim zufälligen Blättern den Seiten eines Buches entfällt, und er wird augenblicks von einer detektivischen Leidenschaft gepackt, die sich zur Obsession steigert – zur Phantasmagorie eines romantischen deutschen Seelenbruders, der ihn aus der juvenilen Einsamkeit erlösen könnte.

Nun – ganz so war es nicht. Es war kein einzelner Brief, sondern eine ganze Schachtel mit privater und amtlicher Korrespondenz, und es war nicht der jugendliche Chico, der sie fand, sondern der schon arrivierte Künstler, der im Nachlass seiner Eltern darauf stieß. Man kann sich den sehr sanften, sehr ironischen, sehr kultivierten und inzwischen 72-jährigen Chico Buarque auch kaum als Opfer einer ungesunden Besessenheit vorstellen, höchstens als überrascht und bekümmert, von einer jähen Melancholie angeweht. Das allerdings schon. Die Songs und die früheren Romane des Autors zeigen ihn in hohem Maße zur Melancholie begabt, zu einer gesteigerten Wahrnehmung rasend vergehenden Lebens und unaufhaltsamen Bedeutungsverlustes des Vergehenden.

Aber indem Chico Buarque für seinen Roman die späte melancholische Entdeckung in die eigene Jugend zurückdatiert, kann er sie noch einmal dramatisieren und ihr im Drama die emotionale Bedeutung zurückgeben, die sie in der Gegenwart, da alle schon tot oder alt sind, verloren hat. Das Pochen eines aufgewühlten Herzens durchpulst die Erzählung, bis sie im Jahr 2013 ankommt, in dem der Autor tatsächlich nach Berlin reist und in den Ruinen der untergegangenen DDR die Spur des wirklichen Bruders findet. Das Herzrasen hat ein Ende, aber das ist auch nicht schön. Nur der Erzähler, der in diesem Moment ganz und gar nicht der Autor ist, sondern sein fiktiver Stellvertreter Ciccio, rettet sich in eine sonderbare Lustigkeit.

Es ist interessant zu sehen, was der Autor aus seinem wirklichen Leben nimmt, was er unterschlägt und was er hinzuerfindet. Er unterschlägt die Mutter, die eine bekannte Musikerin war, und ersetzt sie durch eine italienischstämmige Hausfrau; vor allem aber unterschlägt er seine sechs Geschwister (darunter auch die Schwester, die eine brasilianische Kulturministerin war) und behält nur einen Bruder, einen anwesenden und sehr störenden älteren Bruder, der das unbehagliche Gegenstück zu dem abwesenden und herbeigewünschten deutschen Bruder ist. Wenn man so will, entfaltet sich das Drama des heranwachsenden Erzählers zwischen diesen beiden Brüdern. Der vorhandene macht ihm das Leben schwer, vor allem durch seine erotischen Erfolge, und der erträumte lässt sich nicht aufspüren.

Die falsche Lustigkeit am Ende organisiert sich der Erzähler, indem er die beiden Brüder miteinander identifiziert, dem deutschen Bruder zumindest die Stimme und den Habitus des brasilianischen Bruders andichtet. Diese Versöhnung ist aber nur die halbe Pointe; denn tatsächlich ist inzwischen auch der verhasste brasilianische Bruder verschwunden, aber er ist nicht im Krankenbett gestorben wie der deutsche, sondern als Opfer der Militärdiktatur verschleppt, gefoltert, wahrscheinlich ermordet worden. Der Erzähler identifiziert also zwei Tote miteinander – einen Märtyrer der brasilianischen Junta und einen angepassten Unterhaltungskünstler der sozialistischen Diktatur in Deutschland.