Viele große Augen sind das Erste, was an diesem Buch auffällt. Diese Augen gucken durchdringend und forsch, gutmütig oder herausfordernd, bedrohlich oder verliebt. Sie gucken uns an, so wie uns Menschen angucken. Um sie zu erschaffen und ihnen Ausdruck zu verleihen, benötigt der Zeichner nicht mehr als zwei oder drei jeweils unterschiedlich große, ineinandergesetzte Kreise und manchmal noch ein Oval für die Augenlider. Die Augen aber, die uns so vertraut erscheinen, sind keine menschlichen Augen – sie gehören unseren Verwandten, den Affen.

Ihnen widmet der britische Illustrator Owen Davey sein Buch Die Affenbande, das mit dem LUCHS des Monats ausgezeichnet wird. Es ist Bilderbuch und Sachbuch zugleich, dabei geht Davey mit dem Anspruch ans Werk, nicht weniger zu erzählen als "alles über Mandrill, Gibbon, Schimpanse und Co.". Das gelingt ihm zwar nicht ganz, natürlich hätte man noch mehr Fakten zusammentragen oder noch mehr Information in die Kapitel packen können, und doch ist Die Affenbande gerade in der Reduziertheit ein augenöffnendes Werk.

Das geht los mit der simplen Frage "Ein Affe – was ist das überhaupt?". Für die Antwort braucht Davey nur wenige Worte. Aber die haben es in sich. Ein Affe ist ein Säugetier und ein Primat, so wie der Mensch, der wiederum ist kein Affe. Der Affe, er steht für sich, aber in diesem Buch immer auch in Bezug zu uns, seinen Verwandten. Affen haben uns etwas anzugehen, das macht Davey klar.

Dann führt er seine Leser, Kinder wie Erwachsene, auf 15 Doppelseiten einmal quer durch die Entwicklung und die Welt der Affen, erklärt, dass wir vor 25 bis 30 Millionen Jahren einen gemeinsamen Vorfahren hatten, dass und warum die Affen auf dem amerikanischen Kontinent anders aussehen als die in Afrika und Asien, dass Affen Gesellschaftstiere sind und wo ihre Lebensräume – vom Menschen – bedroht sind.

Auch den einen oder anderen Rekord und Fakt zum Staunen weiß der Autor zu vermelden, etwa dass die Schreie des männlichen Brüllaffen noch in fast fünf Kilometer Entfernung zu hören sind und dass der Husarenaffe auf der Flucht schneller rennen kann, als ein Auto in der Stadt fahren darf, nämlich 55 Stundenkilometer. Das alles vermittelt Davey in kurzen, gut verständlichen, manchmal auch witzigen Texten und ohne jemals den Betrachter zu vergessen. Ab und zu spricht er ihn an ("Wieso hat er so einen bunten Po, höre ich dich fragen" und "Hast du dich je gefragt, warum Affen allgemein für Spitzbuben gehalten werden?").

Das alles wäre allerdings nur halb so schön, wenn es sich dabei nicht um das Werk eines so liebevollen Illustrators handelte. Ja, das Buch sieht auf den ersten Blick retro aus, aber hier ist das mehr als Effekthascherei. Davey arbeitet mit wenigen, klaren Linien, großen Flächen und gedeckten Farben und erzeugt so eine fast melancholische Stimmung, die auch indirekt klarmacht, dass die Welt vieler Affen ebenso schützenswert wie gefährdet ist. Dass der Betrachter sich an der einen oder anderen Stelle wiederzuerkennen glaubt, verstärkt dieses Bewusstsein. Da sitzt etwa eine Gruppe von Tarai-Hanuman-Languren auf einer Seite herum und kuschelt. Das mit dem Kuscheln kennen wir doch irgendwoher. Das aufgerissene Maul eines Mandrills beim Gähnen auf einer anderen Seite (in Lebensgröße) wirkt dagegen ganz schön gefährlich, aber wenn man sich klargemacht hat, dass der Bursche halt müde ist, fallen einem Situationen ein, in denen Menschen so ähnlich aussehen.

Und so ist es am Ende nur eine kleine Überraschung, dass es auch noch eine Doppelseite über Affenlegenden gibt – darüber, welche Rolle der Affe im Volksglauben in verschiedenen Kulturen spielt. Oft ist es keine gute, er befehligt Armeen und ist eher boshaft als freundlich. Es scheint, als habe der Affe die Menschen dazu angeregt, ein paar ihrer schlechten Eigenschaften auf ihn zu projizieren. So wie man das eben macht mit der lieben Verwandtschaft.

Owen Davey: Die Affenbande. Alles über Mandrill, Gibbon, Schimpanse und Co. Ab 6 Jahren; Deutsch von Gundula Müller-Wallraf; Knesebeck 2016; 40 S., 14,95 €

Jeden Monat vergeben die ZEIT und Radio Bremen den LUCHS-Preis für Kinder- und Jugendliteratur. Am 5. Mai stellte Radio Bremen das Buch bei Funkhaus Europa vor. Das Gespräch ist abrufbar unter www.radiobremen.de/luchs.