Als die Männer des Dorfes Dudicka, umstellt von Wehrmachtssoldaten, einen Graben ausgehoben haben, sagt Lehrer Marek: "Das wird heute Nacht unser Bett sein. Unsere Körper werden zu Blumen und Gras und unsere Seelen gehen zu Gott. Habt Mut, denn das ist nicht unser Ende. Unsere Toten schauen uns zu, meine Brüder." Dann werden alle erschossen.

Diese Szene schicksalsergebener Tapferkeit ist das emotionale Zentrum von Gerald Kershs Roman Die Toten schauen zu, den Frank Nowatzki, der Genius des nicht genug zu rühmenden winzigen Noir-Verlags Pulpmaster, der Vergessenheit entrissen hat. Kersh, 1911 in eine Familie englischer Juden geboren, war während des Zweiten Weltkriegs ein Bestsellerautor. Er starb verarmt 1968 in den USA, ganz vergessen war er jedoch nie. Sein großartiger Noir Nachts in der Stadt wurde zweimal prominent verfilmt.

Verschüttet aber war sein Roman Die Toten schauen zu. Bis jetzt. Er kam im Februar 1943 in England, Kanada und den USA heraus und trug viel dazu bei, das Kriegsverbrechen, das die Nazis im tschechischen Lidice begangen hatten, bekannt zu machen. Es ist ein Roman über Lidice, aber auch nicht. Heydrich und Himmler treten karikaturistisch überzeichnet als Logiker von Völkermord und Rassenwahn auf. Die Himmler-Figur Horner schwadroniert: "Angeblich, so heißt es, könne man ein ganzes Volk nicht eben mal so auslöschen. Es ist unsere Pflicht, unsere absolute Bereitschaft erkennen zu lassen, genau das zu tun."

Diese Auslöschung wird exemplarisch an den "slawischen Sklaven" von Dudicka exekutiert. Kersh stellt sie uns in ihrer schwejkhaften Harmlosigkeit in idyllischen Szenen vor, die immer deutlicher in Schrecken umschlagen. So kommen den Liebenden Anna und Max, als sie sich zum ersten Mal küssen, die Fallschirmspringer wie Blumen vor. Die Begegnungen von Mördern und Opfern gehören in ihrer grellen Komik ins Guinness-Buch des Schwarzen Humors. Das Schreckliche – die Tötung aller Männer über 16, die Verschickung der Frauen in Bordelle und Konzentrationslager, die Verfrachtung der Kinder in Erziehungsheime – wird schrittweise vorbereitet. Das einmalige singende Glas, das die Glasbläserfamilie Balaban herstellt, wird zerschlagen, die Christusstatue wird von einem panischen Soldaten durchsiebt. All das ist wahnsinnig; und komisch. Das Liebespaar flieht, will kämpfen. Entsetzliche Fragen finden keine Antwort: Soll man versuchen weiterzuleben, wenn der Geliebte, die Kinder ermordet sind? Kersh hat – wie Picasso in seinem Gemälde Guernica – den Einbruch gnadenloser Gewalt in das Leben in kraftvollen, erschütternden Szenen festgehalten. Dieses Buch wird zur rechten Zeit wiederentdeckt.

Gerald Kersh: Die Toten schauen zu. Aus dem Englischen von Ango Laina und Angelika Müller; Pulpmaster, 230 S., 12,80 €