Edmund de Waal war unter Kennern der Keramik lange bekannt, doch dann schrieb er die Geschichte seiner geerbten Sammlung von Netsuke, japanischen Schnitzfiguren. "Der Hase mit den Bernsteinaugen" über die Geschichte einer reichen und kunstsinnigen jüdischen Familie wurde zu einem Weltbestseller. Im September erscheint sein neues Buch auf Deutsch über seine Leidenschaft – das Porzellan ("Die weiße Straße", Zsolnay Verlag). In Berlin kann man derzeit seine erste deutsche Ausstellung mit Porzellanarbeiten in der Galerie Max Hetzler bestaunen (bis 16. Juli, nähere Informationen unter maxhetzler.com). An zwei Galeriestandorten in Charlottenburg hat er Installationen mit Gefäßen arrangiert, die, wie er sagt, von den Schriften Walter Benjamins beeinflusst sind.

DIE ZEIT: Wie kann man als Töpfer eine Ausstellung zu Walter Benjamin machen?

Edmund de Waal: Es ist eine sehr leidenschaftliche Annäherung an den großen Sammler, Archivar und Fußgänger Benjamin. Ich fing mit dem Töpfern schon als Fünfjähriger an, ich überredete meine Eltern, mich zu einem Abendkurs zu bringen. Meine ganze Kindheit und Teenagerzeit hindurch formte ich Gefäße. Mit 17 Jahren ging ich dann nach Japan und begann nach meiner Rückkehr in England eine Töpferlehre bei einem sehr traditionellen Meister. Dann folgte das Literaturstudium in Cambridge, wo ich Benjamin entdeckte. Seine Schriften prägen mich bis heute.

ZEIT: Was fasziniert Sie so an ihm?

De Waal: Wie sehr das Material, die Dingwelt in sein Denken eingebettet ist. Mich faszinierte dieser Sammler von Dingen, von Postkarten, von Erinnerungen an den bourgeoisen Alltag seiner Kindheit. Durch die Dinge lernte ich ihn kennen.

ZEIT: Auch Sie waren seit Ihrer Kindheit ein Sammler. Was für Dinge suchten Sie damals?

De Waal: Knochen, Fossilien, archäologische Stücke, die ich ausgrub. Und Bücher. Sehr schnell bekam ich dann auch von älteren Sammlern Dinge geschenkt, Objekte aus dem Mittelalter etwa. Mein Kinderzimmer bestand fast komplett aus einer riesigen Vitrine, in der ich wie in einem Museum oder einer Wunderkammer die Dinge immer neu arrangierte.

ZEIT: Sammeln Sie auch heute noch Knochen?

De Waal: Ich besitze die Sammlung meiner Kindheit, dazu die wunderschönen Netsuke meiner Vorfahren und Tausende Bücher. Aber mein Sammeln wurde durch das Zusammenstellen von Sammlungen abgelöst: Ich baue Vitrinen und fülle sie so mit meinen eigenen Porzellangefäßen, dass eine gewisse Dynamik entsteht, ein Spiel der Formen und Leerstellen.

ZEIT: Ihre jetzige Ausstellung mit diesen Vitrinen ist Irrkunst betitelt.

De Waal: Benjamin spricht von der Kunst, verloren zu gehen, aber auch von der Kunst, das Verlorene, Unbeachtete wahrzunehmen. In der "Irrkunst" steckt der Gedanke des Flanierens, des Spaziergangs, des Lumpensammelns. Aber Benjamin ist auch der Mann, der ins Exil vertrieben, der zum Herumirren in Paris, Dänemark, den Bergen gezwungen wurde. Und so bastelte er sich seine mental maps, seine kognitiven Landkarten. In der Ausstellung zeigen wir die ersten Entwürfe und Skizzen für sein Buch Berliner Kindheit um 1900. Ich habe nun versucht, meine eigene Karte zu seinem Werk zu schaffen. Es ist eine Installation aus schwarzen Kisten, drei Meter hoch, in ihnen sind kleine Öffnungen und Räume, die ich mit schwarzen Gefäßen gefüllt habe, manche beleuchtet, andere im Schatten verborgen, einige zerbrochen. Es ist eine der persönlichsten Arbeiten, die ich je gemacht habe. Einige Dinge werden hier sicher aufbewahrt, andere gingen verloren.

ZEIT: Warum arbeiten Sie ausgerechnet mit dem kostbaren Porzellan?

De Waal: Weil es ein ganz außergewöhnliches Material ist. Es war das weiße Gold, das Gut der Herrscher, von August dem Starken und chinesischen Kaisern. Es hat diese gefährliche Konnotation der Reinheit. Himmler war fasziniert vom Porzellan, er gründete eine Porzellanmanufaktur in Dachau. Er liebte das Weiße, Porzellan war für ihn ein arisches Gut. Und dann ist da der gesundheitliche Preis, der Preis an Menschenleben, den die Produktion des Porzellans fordert. Es ist ein gefährliches, giftiges Zeugs. Der weiße Staub greift die Lungen an.