Streit kommt in den besten Familien vor. Das wäre halb so schlimm, wenn manche nicht riesige Vermögen besitzen würden, oft in Form von Unternehmen. Ob Aldi, Tönnies, Dr. Oetker oder Müller: Deutschland mit seiner besonderen Unternehmenslandschaft hat viele Stärken – und eine unterschätzte Gefahr. Nicht nur neue Konkurrenten, der technologische Wandel oder Missmanagement werden zum großen Zukunftsrisiko für Unternehmer, sondern auch die Tatsache, dass Eigentümerfamilien offene Rechnungen begleichen wollen oder sich entfernte Verwandte gekränkt fühlen. "Innerhalb einer Familie gibt es oft unterschiedliche Vorstellungen von Gerechtigkeit, die mit unternehmerischen Erfordernissen kollidieren" , sagt Arist von Schlippe vom Wittener Institut für Familienunternehmen, der an der Universität Witten/Herdecke deren spezielle Konfliktpotenziale erforscht. "Sich ungerecht behandelt zu fühlen ist einer der stärksten Treiber für Konflikte. Und je größer eine Familie ist, desto größer ist auch das Risiko."

Beispiele für "unterschiedliche Vorstellungen" gibt es viele. Etwa bei der Familie des 2010 verstorbenen Theo Albrecht, des älteren der beiden Aldi-Brüder. Beide stammten aus einem armen Elternhaus und häuften nach der Gründung des Lebensmitteldiscounters die größten Privatvermögen der Bundesrepublik an. Streng geteilt waren diese in Aldi Nord und Aldi Süd, wobei Theo Albrecht über das nördliche Reich herrschte. Als er im Alter von 88 Jahren starb, wurde sein Vermögen von den Medien auf 16 Milliarden Euro geschätzt.

Seitdem geht es rund bei den Erben; vom "paranoiden Innenleben eines Clans" berichtet der Spiegel. Da ist etwa Albrechts Witwe Cäcilia mit dem gemeinsamen Sohn Theo Albrecht junior. Und da sind die Hinterbliebenen des zweiten Sohnes Berthold, der 2012 verstarb: Babette und die fünf Kinder. Formal geht es um die Macht in den Konzernstiftungen, die den Discounter lenken. In der Öffentlichkeit geht es um ganz anderes: Manche Familienmitglieder würden lieber Karten spielen als eine Beerdigung besuchen – oder einen zu aufwendigen Lebensstil pflegen. Die alten Albrechts lebten stets noch sparsam, skandalfrei und verschwiegen. Der Erbengeneration gelingt das nicht.

Auch bei der Drogeriekette Müller mit mehr als 30.000 Mitarbeitern ist man mit dem demografischen Wandel beschäftigt. Der 83-jährige Inhaber Erwin Müller führt das Unternehmen derzeit mit der Geschäftsführerin Elke Menold, ist aber trotz seines hohen Alters die zentrale Figur. Mit seinem Sohn gibt es immer mal wieder Streit, und auch andere haben Probleme mit dem Patriarchen: Einem früheren Einkaufschef hatte Müller insgesamt achtmal gekündigt, ein anderer Geschäftsführer schmiss schon nach wenigen Monaten hin. Wie soll das werden mit dem Senior? Auf eine Bitte um Stellungnahme reagierte das Unternehmen nicht.

Das ist aber nichts gegen die Fehde, die den Oetker-Clan lähmte. Rudolf-August Oetker hinterließ nämlich nicht nur ein Imperium aus Tiefkühlpizzen, Pudding, Bier und einer Reederei, sondern auch eine große Familie mit acht Kindern aus drei Ehen. Die stritten noch bis vor gut einem Jahr über die Frage, wer die Gruppe demnächst führen sollte: ein Familienmitglied oder ein außenstehender Manager. Die Frage sicherte über Jahre hinweg das Einkommen mehrerer Anwälte. Strategisches blieb derweil auf Stand-by. Etwa die viel diskutierte Frage einer Fusion der Oetker-Reederei Hamburg Süd mit Hapag-Lloyd. Im März 2013 teilte Hapag-Lloyd nur mit, die Gespräche seien "auf Wunsch der Oetker-Seite" eingestellt worden.

"Der größte Vorteil eines Familienunternehmens ist zugleich der größte Nachteil: die Familie selbst", sagt von Schlippe. In guten Zeiten halte man enger zusammen, in schlechten sei der Streit umso heftiger. Das kann bis zur Zerschlagung führen.

Dieses Schicksal nahm etwa das Reich des Kekskönigs Hermann Bahlsen in der dritten Generation, nachdem Sohn Werner es noch bis zu seinem eigenen Tod 1985 zusammenhalten konnte. Dessen drei Kinder jedoch gerieten mit ihrem Vetter aneinander, der ihnen Machtbesessenheit vorwarf, woraufhin diese verbreitet haben sollen, er sei im Ruhestand. Mit dem Vetter einigte man sich, die Übrigen zofften sich jedoch bis 1999 weiter. Dann zerschlug der Clan das Unternehmen. Seitdem verkauft Bahlsen süße Kekse und Lorenz salzige Snacks.

Vielen Konflikten in Familienunternehmen lägen unausgesprochene Erwartungen zugrunde, erklärt von Schlippe: "Ich erinnere mich an eine Konferenz, bei welcher der Vater auf dem Podium sagte, dass eine familieninterne Nachfolge für sein Unternehmen nicht infrage komme. Sein Sohn, der im Publikum saß, schon im mittleren Alter und seit Jahren im Unternehmen tätig, brach daraufhin in Tränen aus. Er war immer davon ausgegangen, die Rolle seines Vaters einmal übernehmen zu können – doch die beiden hatten nie darüber gesprochen."

Unausgesprochenes belastet gegenwärtig auch die Schlachthausgruppe Tönnies in Rheda-Wiedenbrück mit mehr als fünf Milliarden Euro Umsatz. Auch hier streiten sich zwei Familienmitglieder um die legitime Nachfolge des Gründers Bernd Tönnies: sein jüngerer Bruder Clemens und Robert, der Sohn des Verstorbenen.

Beide verfügen über jeweils die Hälfte der Firmenanteile. Robert hatte Clemens 2008 fünf Prozent geschenkt, fordert sie nun aber wegen "groben Undanks" zurück, weil sein Onkel ihn hintergangen habe. Dabei geht es um die Frage, was Bernd Tönnies wirklich gewollt hatte, als er 1994 mit Anfang vierzig einem Nierenleiden erlag. Angeblich habe er seinem Bruder Clemens, so berichtet man innerhalb der Familie, noch am Sterbebett versprochen, dass dieser insgesamt die Hälfte der Firmenanteile haben solle. In gutem Glauben an diese Schilderung soll Robert ihm die fehlenden Anteile geschenkt haben. Inzwischen glaubt er seinem Onkel nicht mehr und klagt auf Widerruf. Außergerichtlich einigen konnten sich die beiden nicht – wie so viele Familienunternehmer vor ihnen. Dafür sind wohl zu viele Emotionen mit im Spiel.