Früher, in seinem ersten Leben, liebte es Alan Hofmanis, wenn es nachts regnete, wenn die Tropfen gegen das Fenster seiner New Yorker Wohnung prasselten und er drinnen im Trockenen war, dieses Gefühl der Geborgenheit.

Heute, in seinem neuen Leben, kommen mit dem Regen die Ratten. Sobald die Tropfen auf das Wellblech über Hofmanis hämmern, ist an Schlaf nicht mehr zu denken. Er stopft dann die löchrigen Lehmwände mit Klamotten, um das Wasser draußen zu halten, was selten klappt, und schaut den katzengroßen Tieren auf dem nackten Boden bei ihren Kämpfen zu. Und dann ist da noch diese Regel, die Hofmanis lernte, als er in den Slum zog: Wenn es nachts regnet, kommen auch die Räuber. Weil es dann laut und dunkel ist.

Gerade herrscht in Uganda Regenzeit. Hofmanis liegt also oft nachts wach, ein langer weißer Kerl auf einem zu kurzen Bett, und fragt sich: Warum bin ich hier? Er gibt sich selbst die Antwort: Weil ich nicht anders kann.

Es ist wie bei einem Süchtigen. Die Nebenwirkungen sind lästig. Aber sie sind vergessen, wenn es neuen Stoff gibt. Und den gibt es fast jeden Tag. In Form von Geschichten und Erlebnissen. Du weißt nie, was als Nächstes passiert.

Neulich zum Beispiel wurde Alan Hofmanis zum ugandischen Jesus Christus. Ein paar Wochen vorher musste er in den Brustkorb einer toten Ziege kriechen. Und einmal trat Hofmanis morgens in die Sonne, da stand ein lachender Mann von 40 Jahren vor ihm, in einer Art Ghostbuster-Anzug, auf der Brust die Aufschrift Ebola Hunter, Ebola-Jäger: Gasmaske über dem Gesicht, in einer Hand einen Pestizidschlauch, in der anderen eine Wasserpistole. Daneben ein Kannibale und ein Menschenaffe, bewaffnet mit Gewehrattrappen aus Metallrohren.

Deshalb ist Hofmanis hier. Wegen dieser verspielten Verrücktheit, die seiner Heimat, einer reichen, komplizierten Gesellschaft, irgendwie verloren gegangen ist. Der Amerikaner Hofmanis kam als Suchender nach Afrika. Und er wurde fündig.

Vier Jahre ist das jetzt her. Hofmanis hatte damals einen Job bei einem Filmfestival in New York. Klingt glamourös, war aber schlecht bezahlt und langweilig. Dafür schien sein Privatleben in Ordnung zu sein: Hofmanis liebte seine Freundin und wollte ihr einen Heiratsantrag machen. Wochenlang suchte er nach einem Ring, dann kaufte er einen Saphir, viel zu teuer, aber wunderschön.

Am Tag darauf ließ sie ihn sitzen.

Als er den Ring im Geschäft zurückgab, war das der Tiefpunkt seines Lebens. Aber ganz unten ist die Aufbruchsstimmung manchmal am größten. Und so mischte sich in das Selbstmitleid der Trotz; dieses Ich-werde-es-euch-allen-zeigen-Gefühl dessen, der glaubt, nichts mehr zu verlieren zu haben.

Alan Hofmanis beschloss, etwas zu wagen. Etwas Radikales. Etwas, womit niemand rechnet.

Aber was?

Seltene Erzählwut, übersprudelnder Ehrgeiz

An einem Samstagmorgen sitzt er damals mit einem Freund in einem Irish Pub. Sie trinken Bier zum Frühstück. Irgendwann holt der Freund sein Handy raus und sagt: "Du arbeitest doch in der Filmbranche. Das musst du sehen!" Er öffnet ein Video, eine Minute und 40 Sekunden lang. Den Trailer eines ugandischen Films namens Who Killed Captain Alex?.

Zuerst steht da: "Ramon Film Productions". Dann sieht Hofmanis eine wilde Schießerei. Soldaten waten durch Dschungelbäche, einer hängt sich einhändig an eine Liane, das Maschinengewehr auf Dauerfeuer. Köpfe explodieren, Blut spritzt, wilde Kung-Fu-Kämpfe. Zwischendurch jagt ein Helikopter ein Gebäude in die Luft.

Sein Freund lacht und lacht, so schlecht sind die Spezialeffekte. Hofmanis aber staunt.

Sein halbes Leben schon ist er beim Film. Er war Kameramann und Cutter und Programmdirektor, ein kleiner Bewohner der riesigen amerikanischen Filmwelt mit ihren Business-Lunches, roten Teppichen und ewigen Verhandlungen um Rechte, Drehbücher, Finanzierungsfragen. Er hat zu viele Filme gesehen, um sie zu zählen, gute, schlechte, teure, billige, Blockbuster und B-Movies. Aber so etwas wie diesen Trailer noch nicht. So etwas darf es eigentlich nicht geben, denkt er.

Ein Grundgesetz der Filmwelt lautet: Fehlt das Geld, machst du Dialoge. Denkst dir vielleicht einen Liebesfilm aus oder etwas Sozialkritisches, denn Menschen reden zu lassen kostet nicht viel. Der Trailer, den Hofmanis auf dem Handy sieht, bricht mit diesem Gesetz. Hier wird nicht geredet. Hier wird gerannt, geballert, gekämpft, gebrüllt, gestorben. Es ist pure Action. Und Action ist das Aufwendigste, was Filmemacher inszenieren können, eigentlich. Action ist James Bond, Jason Bourne, Terminator und Batman. Action, wie Hofmanis sie kennt, ist großes Kino. Und großes Kino verschlingt Millionen.

Das hier ist No-Budget, völlig amateurhaft. Aber Hofmanis erkennt, dass ein Gedanke dahintersteckt, seltene Erzählwut, übersprudelnder Ehrgeiz. Der Trailer bekam auf YouTube mehr als zwei Millionen Klicks. Dieses unbekannte Genie, es scheint sein Publikum zu haben.

Heute erzählt Hofmanis: "Ich musste nicht mal den ganzen Trailer sehen. 45 Sekunden haben gereicht, da wusste ich, ich muss nach Uganda fliegen." Am selben Abend kauft er ein Ticket. Manche Menschen in einer Lebenskrise flüchten auf den Jakobsweg oder in eine Berghütte. Alan Hofmanis setzt sich in den Kopf, den Mann aufzuspüren, der diese irren Ballereien in die Welt gebracht hat.

Als Hofmanis in Kampala aus dem Flugzeug steigt, umfängt ihn die schwüle Hitze Ugandas – eines Landes mitten in Afrika, das im Westen bekannt ist für den Blutdurst des Diktators Idi Amin, eines der großen Schreckensherrscher des 20. Jahrhunderts. Außerdem für die wilde Schönheit seiner Nationalparks, für Berggorillas und Elefantensafaris. Für grandiose Filmkunst eher nicht.

Hofmanis irrt durch die Hauptstadt. Er sieht einen DVD-Verkäufer, auf dessen T-Shirt das Gleiche steht wie in dem Trailer: "Ramon Film Productions". Hofmanis bittet den Verkäufer, ihn dahin zu bringen, wo diese Filme gemacht werden.

Sie nehmen zwei Bodabodas, kaum verkehrstüchtige Motorradtaxis, wie sie sich abertausendfach durch die verstopften Straßen Kampalas schlängeln. Die Fahrt führt stadtauswärts. Hofmanis sieht Frauen, die Säcke, Schüsseln, Bananenstauden auf dem Kopf balancieren. Er atmet den beißenden Ruß überfüllter Taxis ein. Und wundert sich, als die Bodabodas auf einen schlammigen Weg einbiegen. Im Schritttempo geht es vorbei an Wellblechhütten. Nackte Kinder spielen im Dreck. Entlang des Weges steht Abwasser, faulig stinkend.

Filme machen? Man hat genug mit dem Überleben zu tun

Hofmanis filmt das alles mit einem Camcorder. Sie halten vor einem Häuschen aus rohem Backstein. Durch die Tür tritt, freundlich lächelnd, ein kleiner Mann mit hoher Stirn und blauem Shirt ins Freie. Er sagt, man nenne ihn den "Director". Den Regisseur. Sein Name laute Isaac Nabwana.

Nabwana und Hofmanis, der Mann aus dem Slum und der Mann aus Manhattan, setzen sich zusammen. Nabwana erzählt von seiner Passion für Actionfilme, für Sylvester Stallone und Arnold Schwarzenegger, die er vor allem aus Erzählungen kennt. In einem richtigen Kino war der "Director" nämlich noch nie.

Hofmanis erfährt, dass Nabwana nicht nur Regisseur ist, sondern auch Produzent, Kameramann und Cutter. Dass der Trailer, den er in New York gesehen hat, einen einstündigen Actionfilm bewerben soll, der kaum 80 Dollar gekostet hat und hier im Slum Wakaliga gedreht wurde. Dass Nabwana etwa 35 weitere Filme gemacht hat – einige davon sind leider verloren, weil Nabwana sie von seiner Festplatte löschen musste, um Platz für neue zu schaffen.

Zurück in der sicheren Innenstadt, zurück im Hotel, kann Hofmanis nicht schlafen. Seine Gedanken rasen. Was, wenn man diesem unentdeckten Autodidakten aus der Gosse die großen Meisterwerke vorführt? Ihn weiter inspiriert? Um zwei Uhr nachts wählt er Nabwanas Nummer: "Ich will in einem deiner Filme mitspielen."

Gut, lautet die Antwort, komm morgen wieder.

Isaac Nabwanas Geschichte ist ein wahr gewordener Traum, eine Unmöglichkeit eigentlich. Die Geschichte eines Starrsinnigen, den es anspornt, wenn man ihm sagt: Das geht nicht. Es ist die Geschichte vieler Künstler und Macher und Entdecker und wäre als solche vielleicht kaum berichtenswert – nur spielt sie auf einem Kontinent, dessen Wahrnehmung bei uns im Westen allzu oft zu einem Zerrbild verschwimmt, das zuverlässig Erschüttern und Mitleid auslöst: Krieg, Armut, Krankheit, Gewalt. Ja, es gibt in Afrika Elendsviertel. Aber auch dort lassen sich Geschichten von Aufbruch und Fantasie entdecken.

Diese hier ist so eine. Isaac Nabwana und Alan Hofmanis können sie erzählen.

Nabwana wird mit 41 anderen Kindern von seiner Großmutter aufgezogen, mitten im Slum Wakaliga. In seiner Kindheit und Jugend tobt der Bürgerkrieg. Einmal, so erinnert er sich, liegen drüben am Brunnen, wo sie noch heute ihr Wasser holen, abgeschlagene Köpfe herum. Oben an der Hauptstraße, wo jetzt die Tankstelle steht, ist damals eine Müllhalde. Manchmal finden die Jungs dort Leichenteile. Manchmal aber auch chinesische Kung-Fu-Magazine, in denen sie jedes Detail studieren, um die Tritte, Schläge und Posen nachzuahmen.

Wenn die echten Kämpfer den Slum in Ruhe lassen, schleichen sich Isaacs große Brüder manchmal in die video halls, die Slumkinos: überfüllte Fernsehzimmer in maroden Verschlägen. Isaac traut sich das nicht. Aber er liebt die Geschichten, die seine Brüder danach erzählen. Von einsamen Weltenrettern mit vielen Muskeln und großen Waffen. Von Chuck Norris, Bud Spencer, Bruce Lee. Diese Männer werden zu Isaacs Helden, ohne dass er sie je gesehen hat. In seinem Kopf verdichten sich ihre Taten zu Spektakeln aus fliegenden Kugeln und Fäusten. Bunt und wild und laut. In einer erbärmlichen Hütte sitzt also der kleine Isaac und fantasiert sich Trugbilder herbei. Und ist das nicht die Essenz des Kinos: falsche Welten zu schaffen, die sich anfühlen, als seien sie wahr?

Die Bilder, sie brennen sich in einen Kinderkopf, der irgendwann die Idee gebiert: Ich werde selber solche Filme machen.

Aber natürlich macht man in Wakaliga keine Filme. Man hat genug mit dem Überleben zu tun. In Wakaliga gibt es kein fließendes Wasser und oft keinen Strom. Wenn es regnet, spült der Abwasserkanal die Scheiße in die Häuser. Hühner und Ziegen fressen Müll. Die Menschen essen Maisbrei, an guten Tagen Reis.

Isaac Nabwana schippt Sand, um sein Schulgeld zu verdienen. Vielleicht kann er sogar auf die Universität gehen? Er sucht sich Jobs, um das Geld dafür aufzubringen. Schweißt, malt, töpfert, ganze Tage lang, Jahr um Jahr. Er wird 18, dann 25, dann 28, er schuftet und schuftet, aber für ein Studium reicht es nie. Später lernt er Harriet kennen, kauft ein Grundstück im Slum und brennt aus der roten Erde Backsteine für ein Haus mit zwei Zimmern. Und dann, 2005, er ist 34 Jahre alt und Harriet zum ersten Mal schwanger, kündigt er an: Jetzt mache ich Filme.

Der "Slum-Tarantino"

Manche staunen. Viele lachen. Niemand glaubt ihm. Woher willst du die Kameras nehmen, woher die Mikrofone, den Computer und die Experten, all diese Geräte zu steuern? Woher die Kostüme und Requisiten? Und: woher die Schauspieler? Willst du etwa Kinostars hier in den Slum locken, zwischen die nackten Kinder und streunenden Ziegen? Was für ein Witz!

Nabwana aber nimmt all sein Geld, umgerechnet rund 400 Euro, und trägt es in eine Computerschule. Einen Monat lang belegt er jeden Kurs, der dort angeboten wird. Abends lötet er aus Schrottteilen seinen ersten Rechner zusammen. Spielt sich eine Schnittsoftware darauf und erlernt ihre Bedienung mit der Hilfe-Funktion. Leiht sich eine Kamera. Fragt bei der Armee nach Waffen – die Soldaten lachen ihn aus. Also trommelt Nabwana seine alten Kumpel zusammen, die sich immer noch ihre Zeit mit Kung-Fu vertreiben. Und dann: fangen sie einfach an.

Die Freunde prügeln sich – Nabwana filmt. Sie tun so, als schössen sie, bloße Hände formen sich zu schweren Knarren, und Nabwana legt später am Computer Mündungsfeuergeräusche darüber.

Bei einem indischen Händler kauft Nabwana seine eigene Kamera, stottert sie drei Jahre lang ab, manchmal in 30-Cent-Raten. Das Team bastelt Waffen aus Abwasserrohren, Holz und Farbe, schneidert Kostüme aus Lumpen, konstruiert ein Kamerastativ aus einem rostigen Wagenheber. Kuhblut ist ihr Kunstblut. Einmal muss ein Schauspieler ins Krankenhaus, weil er zu viel davon geschluckt hat. Ach ja, die Schauspieler: Die immergleichen Freunde ziehen sich Masken über, um mehrere Rollen im selben Film spielen zu können.

Sie prügeln sich, sie wälzen sich im Schlamm, sie schießen und sterben, und hinterher wird es so aussehen, als tobten sie in der rasenden Geschwindigkeit wahrer Superhelden durchs Bild. Nabwana hat am Computer diese Zeitraffer-Funktion entdeckt, er tippt hinein: 140 Prozent. Das sorgt für Tempo und Dynamik, findet er. Kung-Fu-Geräusche lassen sich auch einspielen: Ha! Haya! Uah!

Besonders gern gesehen: animierte Helikopter, die Bürotürme im Zentrum von Kampala in die Luft jagen. Die Effekte wirken so billig wie in einem Comic, den ein Anfänger gezeichnet hat. Aber egal.

"Nur Actionfilme sind richtige Filme", sagt Nabwana. "Die versteht jeder, das ist nicht wie bei Liebesfilmen oder Dramen, wo man immer den kulturellen Hintergrund kennen muss." Was er mache, sei "Action-Comedy". Die Gewalt ist überzogen und stilisiert, sie tut dem Auge nicht weh. Manche nennen Nabwana den "Slum-Tarantino", ein Name, der ihm gut gefällt.

Ist ein Film fertig, brennen die Freunde DVDs und laufen damit von Tür zu Tür. Die Kunden sind begeistert. Das sind ihre Hütten, die da explodieren! Das ist ihre Kloake, durch die Soldaten robben! Schon in den ersten Jahren verbreiten sich die Filme rasant. In den video halls von Kampala, in denen sonst Terminator oder Rambo läuft, sehen die Menschen jetzt Filme aus Wakaliwood. So nennt Nabwana sein Studio bald.

Es könnte eine glückliche Zeit sein, diese Phase des Aufbruchs um 2010, wäre da nicht das ewige Geldproblem. Spätestens eine Woche nach dem Start eines neuen Films ist der Markt schon überschwemmt von Raubkopien. Da geht es den Slumfilmern nicht anders als den Produzenten von Hollywood: Sie leiden an ihrer eigenen Popularität.

Nabwana weiß nicht weiter, da passiert etwas, womit keiner rechnet: Als sie an Who Killed Captain Alex? arbeiten, diesem 60-minütigen Actionkracher, stellt jemand aus dem Team den Trailer ins Netz – und Nabwanas Handynummer gleich mit dazu.

Bald klingelt sein Telefon und will gar nicht mehr aufhören damit. Es sind lange Nummern mit einem Pluszeichen am Anfang, die auf dem Display aufleuchten. Fans aus Indonesien und Griechenland rufen an, aus Israel, Bolivien und den USA. Alle sagen: Bist du der Typ, der diesen Trailer gemacht hat? Wir wollen mehr davon!

Ein Weißer läuft schreiend herum!

Und dann, im Dezember 2011, taucht auf einmal dieser Typ im Slum auf – groß, blass, ein paar Kilo zu viel auf den Rippen – und sagt, er komme aus New York und wolle gern mitmachen.

Als Alan Hofmanis an seinem zweiten Tag in Wakaliwood ans Set kommt, hofft er auf einen Gastauftritt, eine kleine Nebenrolle. Isaac Nabwana aber hat ihm über Nacht einen ganzen Film auf den Leib geschrieben. Hofmanis soll einen Weißen spielen, der von Slumkindern zum Kämpfer ausgebildet wird. Wie Karate Kid, nur umgekehrt!

"Wir fangen gleich an", sagt Nabwana.

Erst muss Hofmanis noch das Team kennenlernen, das sich im Probenraum, einem ehemaligen Stall, versammelt hat. Etwa 20 Leute. Hofmanis stellt sich vor, dann stehen alle auf, verschränken die Hände auf dem Rücken und fangen an zu singen: "Wir sind die Stars der Zukunft. Wir geben unser Bestes, wir stehen zusammen, alle für einen und einer für alle." Wakaliwood hat eine Hymne, sie endet in einem auf Englisch gemurmelten Gebet: "Wir kommen ans Ziel oder sterben beim Versuch. Zusammen stehen wir, getrennt fallen wir. Für Gott und Ramon Film Productions." Hofmanis weiß nicht, was er sagen soll.

Er erfährt, dass keiner hier bezahlt wird.

Da ist Dauda, der Requisitenbauer von Wakaliwood, außerdem oft als Bösewicht besetzt. Alltagsjob: repariert Motoren, verkauft Brotfladen.

Da ist der junge Schauspieler Apollo, den sein Vater nach Apollo Creed benannt hat, dem Widersacher von Rocky Balboa. Alltagsjob: verkauft Gemüse auf dem Markt.

Da ist Bukenya, der Kung-Fu-Meister, einer der ältesten Freunde Nabwanas. Alltagsjob: verkauft Klamotten und Rucksäcke.

Da ist Kagolo, der Chefkannibale, der aus Westuganda hergezogen ist, weil er einem Künstler-Stamm angehört, der keine Kunst mehr macht. Alltagsjob: fertigt Schuhe aus alten Autoreifen.

Da ist Harriet, Nabwanas Frau, die sich ums Geld kümmert. Und da ist Nabwana, der "Director", der alle diese Menschen mit einer antiautoritären Autorität führt, wie sie Hofmanis selten gesehen hat. Alltagsjob: schneidet Hochzeits- oder Werbefilme, manchmal auch Dokumentationen fürs Fernsehen.

Die machen keine Filme, um Geld zu verdienen, denkt Hofmanis – die verdienen Geld, um Filme zu machen.

Seine erste Szene an diesem Tag, sein Debüt als Schauspieler: Isaac Nabwana erklärt ihm, er solle ein Auto "stehlen". Natürlich besitzt hier keiner ein Auto, aber Dauda musste eines reparieren, und er hat es für die Dreharbeiten einfach ein paar Tage länger behalten. Nun werde Hofmanis damit durch den Slum rasen, während der Fahrt die Tür öffnen, rausspringen und wegrennen. Er selbst, Nabwana, werde das alles vom Rücksitz aus filmen. Okay?

"Ready? Action!"

Hofmanis hechtet in den klapprigen Wagen, gibt Gas, so schnell, wie es geht auf dieser löchrigen Piste, er hupt wie wild, überall stehen Leute herum, Frauen tragen irgendwelches Zeug auf dem Kopf, Kinder schleppen Wasserkanister, Menschen rennen, springen aus dem Weg, und Hofmanis merkt erst jetzt, dass dies kein Filmset ist, wie er es kennt. Niemand hier weiß, dass ein Film gedreht wird. Schon springt er aus dem fahrenden Auto und rennt los. Großer Aufruhr, ein Weißer läuft schreiend herum! Manche Slumbewohner ducken sich weg, andere nehmen die Verfolgung auf, bis ein Menschenauflauf die Szene beendet. Und Hofmanis, wild auf Nabwanas Kamera zeigend, versucht zu erklären: Alles gut, wir drehen hier nur einen Film. Bis ihm klar wird, dass einige der Zusammengelaufenen die Verbindung zwischen einer Kamera und der bunten Bildschirmwelt in der video hall nicht begreifen. Aber die Szene, die ist im Kasten.

Für die nächste Aufnahme darf sich Hofmanis aus dem Arsenal selbst gebauter Waffen bedienen – er wählt die größte und bringt damit mehrere Bösewichte zur Strecke. So hat er sich zuletzt als Kind gefühlt.

Einige Tage später, Dreh am Abwasserkanal. Müll schwimmt herum, Menschen und Tiere benutzen den Graben als Toilette – für Nabwana ist er ein Symbol, das er in alle seine Filme einbaut. Es steht für: Slum. No-Budget.

Hofmanis soll eine Kung-Fu-Szene spielen. Nicht so einfach, wenn man kein Kung-Fu kann und auch sonst nicht gerade sportlich ist. Also verliert Hofmanis das Gleichgewicht und landet mitten im Dreck. Er spielt weiter, kämpfend und schreiend in der Kloake, bis ihm auffällt, dass alle um ihn herum totenstill geworden sind.

Heute sagt er: "Das war meine Slumtaufe. Da haben sie gemerkt: Der meint es ernst."

Hofmanis und Nabwana, der Amerikaner und der Afrikaner, werden Freunde.

Hofmanis führt seinem neuen Partner auf dem Laptop die großen Werke der Filmgeschichte vor, von Charlie Chaplin, Buster Keaton, Clint Eastwood, er zeigt ihm Godzilla und King Kong. Isaac Nabwana saugt diese Filme auf wie ein Schwamm. Sie jonglieren mit Ideen.

Nabwana mauert für seinen Partner ein Extrazimmer neben sein Haus. Hofmanis hat neun Quadratmeter für sich allein, eine Seltenheit hier: Bett, Tisch, Hocker, ein Eimer zum Waschen. An den Wänden handgemalte Filmplakate. Zwei zeigen Hofmanis selbst. Einmal als böse blickenden Söldner. Einmal als Mahlzeit eines Menschenfressers.

Bald kennt jeder in der Gegend den muzungu, den Weißen, der im Slum lebt. Abends kommen jetzt junge Frauen, in den Händen dampfende Kochtöpfe, und buhlen um ihn. Nabwana lacht, wenn Hofmanis sie abweist. "Ich bin hier, um Filme zu machen!", ruft Hofmanis dann.

Es ist schwer. Klar, sie drehen ihre Szenen, und Nabwana sitzt oft bis spät in die Nacht vor seinem Schnittprogramm. Dauda baut neue Waffen, Bukenya trainiert die Kinder in Kung-Fu. Aber dann schmort Nabwanas Festplatte durch, mehrere Filme gehen verloren. Manchmal fällt tagelang der Strom aus, manchmal verschwindet ein Schauspieler, weil er irgendwo einen Job bekommen hat. Einmal müssen sie einen fast fertigen Film neu drehen, weil einer der Kung-Fu-Schauspieler umgebracht wurde. Jedenfalls vermutet man das, Verbrechen werden hier selten aufgeklärt.

Im Westen sind Filmsets zentimeter- und sekundengenau durchgeplante Zonen, dort regiert der Kult der Exaktheit. Wakaliwood ist ständiges Improvisieren. Dinge passieren.

Vier Ziegen für einen Kannibalenfilm

Im Sommer vergangenen Jahres zum Beispiel heißt es: muzungu, deine langen Haare sind ideal für einen besonderen Auftritt. Also sitzt Hofmanis als Jesus in Lederlatschen und weißer Kutte auf einem Berg und segnet Gläubige. Das Video läuft landesweit im Fernsehen hoch und runter. So wird Hofmanis in Uganda berühmt.

Heute kann man mit ihm nicht durch die Hauptstadt gehen, ohne dass Leute ihn "Jesus" nennen und um einen Segen bitten. Die Verehrung hat solche Ausmaße angenommen, dass Nabwana ihm eine Nebenrolle als Heiland in einem neuen, gerade erschienenen Film gegeben hat. Er handelt von einem Amok laufenden Kürbisgewächs – angeblich angelehnt an eine alte Sage, die von Nabwana zum ersten Mal verfilmt wurde.

Wenn man mit 50 Menschen in einer video hall sitzt und diesen Film sieht, dann erlebt man das ganze Ausmaß der Kinobegeisterung: Der amerikanische Jesus flüchtet schreiend vor dem verrückten Kürbis, und das hat auf das Publikum ungefähr den gleichen Effekt wie ein Endspielsieg auf deutsche Fußballfans.

Dazu muss man wissen: Da die meisten Filme in Uganda aus Hollywood kommen und viele Einwohner kein Englisch verstehen, gibt es in vielen video halls einen VJ, einen video joker, der die Filme live kommentiert wie ein Sportreporter das Geschehen im Stadion.

Wakaliwoods VJ heißt Emmie. Er betreibt eine eigene hall. Läuft in diesem stockdunklen Loch mit Bierbänken der Jesus-Film, sitzt Emmie vorn neben dem Fernseher und schreit in sein Mikro, wobei er nicht einfach den Film übersetzt. Die Schauspieler sprechen ja gar nicht Englisch, sondern Luganda, jeder hier versteht sie, aber die Institution des VJ ist längst so etabliert, dass Kino in Uganda ohne ihn nicht vorstellbar wäre. Emmie erfindet eine eigene Handlung, klopft Sprüche, erzählt Witze, ruft manchmal nur "Best of the best action!" oder "Supa action!". Findet er den Film langweilig, spult er vor. Findet er ihn spannend, spult er wieder zurück.

Emmie ist Ende 20 und ein Kinofreak. Seinen Sohn hat er "Castor Troy" genannt, nach dem von Nicolas Cage gespielten Bösewicht in dem Film Im Körper des Feindes. Seiner Frau hat er gesagt, der Name komme aus der Bibel. Emmie ist eine nationale Berühmtheit. Wakaliwood hat auch ihn groß gemacht.

Wenn Alan Hofmanis auf dem Bett liegt und nachdenkt, fragt er sich oft, was sein Freund Nabwana wohl zustande brächte, hätte er pro Film nicht 80, sondern 800 oder sogar 8.000 Dollar zur Verfügung. Oder, unvorstellbar eigentlich, 80 Millionen. Kann es sein, dass er, Alan Hofmanis, wirklich der einzige Filmfachmann ist, dem das Talent dieses Mannes auffällt? Nabwana sagt dazu: Als Erstes würde er einen alten Panzer kaufen. Dann einen Helikopter und, falls dann immer noch Geld da wäre, ein U-Boot. Was ließe sich mit einem U-Boot alles anfangen! Nabwana stellt sich folgende Handlung vor: Ugandische Spezialeinheiten fahren den Nil hinunter und über den Ozean zum Amazonas, um die Indianer zu bekämpfen, treffen aber überraschend auf eine Horde aggressiver Dinosaurier, und wenn dann immer noch Geld übrig wäre, könnte man ...

Alan Hofmanis hat einen Einfall. Crowdfunding! Sie drehen ein lustiges Video, in dem Nabwanas und Hofmanis’ Köpfe explodieren, und bitten die weltweite Netzgemeinde um 160 Dollar für einen ferngesteuerten Spielzeugpanzer. Man muss bescheiden anfangen.

Sie bekommen 13.000 Dollar.

Sie kaufen sich ihren Panzer, ein russisches Modell aus dem Zweiten Weltkrieg.

Dazu vier Ziegen für einen Kannibalenfilm. Ziegenfleisch sieht aus wie Menschenfleisch, finden sie. Kurz darauf muss Hofmanis beim Dreh in eine aufgeschlitzte Ziege kriechen. Man könnte diese Szene niemals im deutschen Fernsehen zeigen.

Außerdem besorgen sie: drei externe Festplatten, einen Laptop, Computerprogramme mit Explosionseffekten. Einige von ihnen können sich zum ersten Mal im Leben einen Arzt leisten. Nabwana holt für 250 Dollar einen Schauspieler aus dem Gefängnis heraus. Dauda fängt an, einen Helikopter aus Altmetall zu bauen.

Gleichzeitig zeigen Festivals in Nashville, Montreal, Philadelphia und anderen Städten des reichen Westens Nabwanas Filme. So viele Fans hat Wakaliwood mittlerweile, dass Nabwana angefangen hat, sie für einen neuen Actionfilm einzuspannen. Es geht darin um eine weltweite Ebola-Epidemie. Fans schicken seit Wochen Videos, damit Nabwana sie in den Film einarbeiten kann. In Shanghai filmen sich zwei Dutzend Leute, wie sie beim Tanzen auf der Straße plötzlich sterben. Aus Indonesien kommt ein Clip, in dem jemand röchelnd zusammenbricht. Aus Madrid einer, in dem ein Mann vor einer U-Bahn-Station "Ebola!" schreit und tot umfällt. Ein Chinese aus Griechenland hat ein Filmplakat entworfen. Ein Bolivianer ein Logo. Die meisten Fans sind Teenager, vorwiegend Jungs.

Aus dem Westen reisen Journalisten an, um die Geschichte Wakaliwoods zu erzählen.

Hofmanis ist sich sicher, dass sie irgendwann in Cannes oder auf der Berlinale landen. "Und stell dir mal vor", sagt er dann, "Nabwana fährt mit, er wird zum ersten Mal in einem richtigen Kino sein, der Filmemacher aus dem Slum, was für eine Geschichte." Er sieht es schon vor sich.

Man könnte die Geschichte Wakaliwoods deswegen als Erfolgsgeschichte erzählen.

Aber da gibt es ein Problem. Seit ein paar Monaten ist es nicht mehr zu übersehen. Manchen Leuten in Uganda gefällt nicht, was dieser Isaac Nabwana macht. Je erfolgreicher Wakaliwood wird, desto lauter werden diese Gegner. Und sie sind nicht irgendwer.

Im Café des Nationaltheaters im Zentrum der Hauptstadt sitzt Jack Sserunkuuma, weißes Hemd, grauer Anzug, Krawatte. Die Schuhe blitzen. Die Uhr am Handgelenk sieht teuer aus. Er arbeitet als Berater der Regierung. Außerdem ist er Regisseur, Produzent und so etwas wie die offizielle Stimme des ugandischen Films. Gestern noch war er beim Kulturminister wegen der Filmschulen, die sie hochziehen wollen.

Nabwana und Sserunkuuma arbeiten im selben Land in derselben Branche – und doch trennen sie Welten. Als Kind, erzählt Sserunkuuma stolz, tanzte er in der Kindergarde des Diktators Idi Amin. Eine seiner frühesten Erinnerungen sei, wie er, fünf Jahre alt, mit Amin nach Ägypten zum Staatsbesuch flog und als Erster das Flugzeug verließ, natürlich tanzend. Unten wartete irritiert der ägyptische Präsident. Hinter Sserunkuuma folgten die anderen Kinder, alle tanzend, dann kam Idi Amin, ebenfalls tanzend. Die guten alten Zeiten. Gerade arbeitet Sserunkuuma für die ugandische Regierung an einem Film über Amin und dessen komische Seiten. Idi Amin, der Spaßvogel. Von seiner Brutalität habe die Welt genug gehört.

Wie auch immer, man wolle ja über Wakaliwood reden, sagt Sserunkuuma: Es sei durchaus interessant, was die machten, aber warum müssten sie nur die dunkle Seite Ugandas abfilmen? All dieses Elend. Warum zeigten sie nicht Nationalparks, Landschaften, Tiere? Man könne mit Filmen ein schönes Image erzeugen – aber doch nicht mit ballernden Wilden aus dem Slum. "Und dann sind die Filme auch noch so schlecht gemacht, dass die Menschen darüber lachen."

Wenn man Sserunkuuma erzählt, dass in Wakaliwood gerade ein Film entsteht, in dem ein Weißer von Kannibalen gefressen wird, gefriert sein Gesicht.

Welches Bild von sich zeigt Uganda der Welt? Diese Frage ist das Prisma, durch das Leute wie Jack Sserunkuuma auf Wakaliwood blicken. Diese Frage könnte Isaac Nabwana nicht gleichgültiger sein. Hat Quentin Tarantino etwa die internationale Reputation der Vereinigten Staaten im Kopf, wenn er Sklavenbesitzer auf Sklaven hetzt?

Seit einiger Zeit, erzählt Sserunkuuma, könne er nicht mehr ins Ausland reisen, ohne auf Wakaliwood angesprochen zu werden. Dann müsse er sagen: Das ist nicht Uganda. Wir haben auch andere Filme!

Nur: Wenn man ihn bittet, die drei besten ugandischen Werke der letzten Jahre aufzuschreiben, denkt er lange nach. Dann schreibt er: "1. State Research Bureau". Ein Actionfilm von 2011, der international floppte.

Okay, was noch? Sserunkuuma überlegt. Da sei dieser eine Film gewesen, er komme gerade nicht auf den Titel. Er tippt mit dem Stift auf das Papier. Er werde das per E-Mail nachreichen.

Die Wahrheit ist: Es gibt keinen nennenswerten ugandischen Film der letzten Jahre, und der Erfolg Wakaliwoods treibt Leute wie Sserunkuuma zur Verzweiflung. Es ist eine David-gegen-Goliath-Geschichte, die sich hier abspielt. Der Goliath hat jahrelang geschlafen, während der David an ihm vorbeieilte und mittlerweile so viel Vorsprung hat, dass es schwer wird, ihn einzuholen. Auch nicht mit den paar Millionen Dollar, die die Regierung künftig jedes Jahr in Filme stecken will.

Der Konflikt zwischen den beiden Filmwelten spitzt sich zu. Das nationale Filmfestival akzeptiert nur noch Werke auf Englisch und in HD-Qualität. Nabwana produziert auf Luganda und noch nicht in HD. Einige aus der Filmbranche sprechen von einem Krieg, der da gegen Wakaliwood geführt wird.

Isaac Nabwana ist entschlossen, diesen Krieg durchzuhalten. Ihm kann keiner was. Er hat schon ganz andere Sachen erlebt.

Alan Hofmanis ist entschlossen zu bleiben. Jetzt erst recht.

Neulich fragte Nabwana nach einem Bild aus New York, um einen neuen digitalen Explosionseffekt daran auszuprobieren. Hofmanis gab ihm eines von seiner alten Straße, Ludlow Street, Lower East Side, Manhattan. "Ich habe da nicht groß drüber nachgedacht", sagt Hofmanis. "Die Symbolik habe ich erst bemerkt, als ich meine Straße in einer Explosionswolke verschwinden sah. Das war mein altes Leben."