Je höher die Miete, desto mehr erschrecken Leerstand und mangelnde Nachverdichtung. Selbst in den guten, bürgerlichen Vierteln findet man beides. Im beliebten Hamburg-Eppendorf beispielsweise wurden unter Anwohnerprotesten Kastanien gefällt, um Platz zu schaffen für einen Neubau. Jetzt klafft nur eine Brachfläche, in ihrer Mitte ein dunkler Sumpf, in dem sich die Abwässer sammeln und der Unrat der Nachbarschaft. Eine verfaulende Weihnachtstanne liegt seit Januar darin, ein abgenutzter Schlafsack kam später hinzu. Gegen eine behagliche wilde Müllkippe wäre nichts einzuwenden, doch diese hier stellt den Anwohner vor ein großes Rätsel, wie jeder Leerstand in Zeiten von Wohnungsnot: Wer kann es sich leisten, Müllpfützen in Bestlagen zu subventionieren? Sind es die Spekulanten? Der Neoliberalismus? Nein, der Wirtschaftshokuspokus kann das nicht erklären. Wer in den Eppendorfer Sumpf mit der toten Tanne blickt, in das Dunkle, das jeden Tag um ein paar Fuß wächst, der weiß: Etwas noch Mächtigeres, noch Düsteres, für das nicht einmal die Rendite zählt, muss hier am Werk sein. Es sucht keine spannenden Anlagemöglichkeiten, es sucht ein Schlupfloch in unsere Welt. Wenn der Mond steht, sehen wir im Baulückenschmutzwasser die Zukunft. In hundert Jahren, in tausend Jahren werden omnibusgroße Knochenraben mit Zähnen aus Stahl kreisen über dem, was einmal Hamburg, was einmal Zivilisation war. Und wer von den letzten Menschen das Glück hat, den Raben zu entkommen, schuftet als Sklave in den unterirdischen Blausteinminen, um dem Großen Meister zu dienen. An die Welt, wie wir sie kennen, erinnert sich niemand. Nur ein alter blinder Priester, der in den Ruinen der Elbphilharmonie haust, weiß noch von ihr. Wer ihm einen Korb besonders schöner Blausteine bringt, dem erzählt er von der Besserwelt, in der es repräsentative Demokratie, Pauschalreisen und Carsharing gab. Und davon, wie das Letzte Ende begann: Zuerst war es nur ein kleiner Sumpf, wir haben nicht gewusst, was eines Tages aus ihm kriechen sollte. Als wir sahen, was sich emporregte, sich freischälte zwischen Tannenbaum und Schlafsack, war es zu spät. Wer nachts am Sumpf vorbeispaziert, meint es heute schon zu hören, das Schaben der Faust, die sich aus der sumpfigen Erde befreit. Ist es schon jetzt zu spät? Wir sollten nicht immer nur Angst vor Spekulanten haben. Auch mal wieder einen kosmischen Schrecken kriegen vor den bösen Mächten, die älter sind als die Zeit.