Aus dem Leitartikel der römischen Tageszeitung Il Romanista vom 27. September 2006: "Der Junge ist zum Mann geworden. Eine schreckliche Idee, dass nach dreißig 31 kommt. Und dann 32, 33, 34, 35. Der Kapitän wird jedem von uns in die Augen sehen, wenn er sich die Gladiatorenbinde vom Arm nimmt. Und wie sollen wir weitermachen, wenn Francesco nicht mehr da ist?"

Zehn Jahre später, am 27. September 2016, wird Francesco Totti 40 Jahre alt. Den Romanista, benannt nach den Anhängern der Associazione Sportiva Roma (AS Rom), seinerzeit das einzige täglich erscheinende Fanzine der Welt, gibt es nicht mehr. Aber jene Frage, die der Kommentator damals formulierte, ist gerade jetzt von drängender Aktualität: Wie soll das bloß weitergehen ohne Totti, mit dem Fußball, mit Rom und mit uns?

Nach 24 Jahren in der ersten Mannschaft und 18 Jahren als Kapitän, nach knapp 600 Erstligaeinsätzen mit über 300 Toren läuft am Saisonende sein Vertrag aus. Am 8. Mai könnte sein letztes Heimspiel stattfinden – und für uns Römer eine Ära enden. Ein Vierteljahrhundert kann auch in einer Stadt, die den schmeichelhaften Beinamen "ewig" trägt, eine lange Zeit sein. Nur selten dauert ein päpstliches Pontifikat so lange, und die weltlichen Stadtregierungen haben sowieso eine viel kürzere Lebensdauer. Seit November ist Rom ohne Bürgermeister, erst im Juni soll ein neuer gewählt werden. Niemand der Kandidaten erweckt den Eindruck, er könne das komplizierte Gefüge einer Kapitale steuern, die den katholischen Kirchenstaat umschließt und nebenbei auch noch eine der Welthauptstädte der Korruption ist.

Ein Darsteller – schlagfertig und selbstironisch, nicht gespielt, sondern echt

Der Wahlkampf dreht sich um die zahllosen Schlaglöcher in den Straßen, die allzu faulen städtischen Angestellten und darum, ob Sinti und Roma auf Straßenmärkten verkaufen dürfen, was sie aus den Mülltonnen gefischt haben. Es sind Themen wie aus der Provinz der 1950er Jahre, dabei geht es um die Zukunft einer der schönsten Städte der Welt. Die meisten Römer fühlen sich enttäuscht, ja betrogen von einer Politikerkaste, die sich jahrelang an öffentlichen Geldern mästete, anstatt sie vernünftig zu investieren. Rom liegt am Boden, gedemütigt und so gut wie pleite, der so dringend ersehnte Aufschwung ist nicht in Sicht. Und ausgerechnet jetzt soll auch noch Totti gehen, die große Lichtgestalt und Integrationsfigur, der ewige Kapitän aus der Via Vetuliona, einer kleinen Straße im Schatten der antiken Stadtmauern.

Totti ist nicht nur ein begabter Spieler. Dass einer samtfüßig, listenreich und präzise mit dem Ball machen kann, was er will, mag die Fans begeistern. Aber das reicht nicht, um das Symbol seiner Heimatstadt zu werden, der achte König von Rom, bereits zu Lebzeiten so sagenhaft wie die legendären sieben Herrscher der Antike. Man muss ein begnadeter Darsteller sein, so schlagfertig und selbstironisch, so rustikal und generös wie ein Bilderbuchrömer. Nicht gespielt, sondern echt.

Dann braucht man, wie Totti, für den Mythos nur wenige Titel und Trophäen. Er gewann einen Meistertitel, das ist 15 Jahre her. Damals wurde eines der größten Volksfeste gefeiert, das Rom jemals erlebt hat. Über eine Million Menschen füllte den Circus Maximus der Cäsaren, wer unten keinen Platz fand, kletterte auf die Ruinen der Kaiserpaläste am darüber liegenden Palatin. Die Denkmalschützer wurden blass, alle anderen lachten: Chissenefrega, auf Deutsch: Wen juckt das, an so einem Tag? Das Chissenefrega ist das römische Mantra, natürlich auch das von Francesco Totti.

Als die italienische Nationalmannschaft 2006 den Weltmeistertitel an gleicher Stätte zelebrierte, waren auch viele Fans da, schließlich schwang auch Totti den Pokal. Aber zum kollektiven Delirium reichte es nicht. Was ist schon ein Weltmeistertitel der Azzurri, verglichen mit dem einsamen Triumph der Roma? Gleich nach der WM reichte Totti seinen Abschied bei der Nationalelf ein. Er wollte sich auf den Verein konzentrieren.